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TV-Kritik

"Tatort" München: Wenn die Streife Amok läuft

Die ARD wiederholt die "Tatort"-Folge "Macht und Ohnmacht" in der Sommerpause: Darin mischt sich der frühere Polizist Carlo Menzinger noch einmal in die Ermittlungen von Batic und Leitmayr ein.

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Für einen friedlichen Abend ist dieser Münchener "Tatort" nicht geeignet.

Wäre dieser "Tatort" ein Menü gewesen, hätten Vegetarier eine trostlose Mahlzeit überstehen müssen. Gleich zur Vorspeise kam ein Carpaccio auf den Teller, gehaltvoll wie eine Wochenration: Unter der Herrendusche feiern sich die Polizisten nach einer erfolgreichen Verfolgungsjagd und der Festnahme von zwei brutalen Jugendlichen mit Triumphgeschrei. Rohes Fleisch, total frontal nudity, wie sie in der ARD um 20.15 Uhr sonst selten zu sehen ist. Und als hätte man daran nicht genug zu kauen, gibt es den Nachschlag schon in der Umkleidekabine. Während Carlo Menzinger (Michael Fitz) seinem alten Kumpel Matteo (Emilio De Marchi) zur Begrüßung das Handtuch vom Hintern reißt, steckt sich dessen Kollege Frankie eine Waffe in den Mund und drückt ab. Tropfnass rutscht er, Geschlechtsteil voran, von der Bank. Rot rinnt das Blut vom Spind.

Doch die Folge "Macht und Ohnmacht", die das Erste als Wiederholung zeigt, ist von nichts weiter entfernt als von einem friedlichen Menü im Kreise der Lieben. Der Fall aus München zieht den Zuschauer auf beklemmende Weise in die Arbeit von Streifenpolizisten, die in ihrem Revier ausleben, womit sie täglich auf der Straße konfrontiert werden, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die das Gesetz selbst in die Hand genommen haben und so zum Teil eines gesellschaftlichen Problems geworden ist, das immer wieder die Schlagzeilen füllt: die Verrohung der Sitten. Die Ausübung des Berufes machte aus diesen Gesetzeshütern Täter, aus Polizisten Mörder, aus Justiz Selbstjustiz, aus der Exekutive ein Killerkommando. Was in ihnen vorgeht, kann jeder nachvollziehen: Weil der eben verhaftete Jugendliche, der einen Familienvater ins Koma geprügelt hat, wegen einer fehlenden Aussage feixend mit erhobenem Mittelfinger abzieht, läuft dem Beamten Georg (Sascha Alexander Gersak) die Galle über. Seine Kollegen müssen ihn zurückhalten.

Carlo ermittelt wieder

Für den Blick des Unparteiischen ließ Drehbuchautorin Dinah Marte Golch den Exkollegen Carlo einfliegen. Der hatte sich 2007 nach Thailand verabschiedet und hat es dort mit einem Ökoressort zum reichen Hotelier gebracht. Für seine anstehende Hochzeit will er Papierkram erledigen und seinen alten Freund Matteo bitten, sein Trauzeuge zu werden. Doch landet Carlo, der im Paradies First Class losgeflogen ist, scheinbar in der Vorhölle. Nichts ist mehr so, wie er es damals zurückgelassen hat. Insbesondere nicht bei Matteo. Während sich die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) selbst zur Hochzeit einladen, was Carlo mit einem süffisanten Lächeln übergeht, erteilt ihm der Freund eiskalt eine Abfuhr. Carlo muss erst herausfinden, wie sehr der Beruf dem Italiener zugesetzt und ihn verändert hat. Dass sogar dessen ehemals perfekte Ehe zu Bruch gegangen ist und Matteo inzwischen scheinbar in Ausübung seiner Arbeit Grenzen überschritten hat.

Emilio De Marchi spielt als Matteo Lechner die Schlüsselfigur in diesem Fall. Einerseits der Kopf der eigenmächtig handelnden, brutal zu Werke gehenden Ordnungshüter, war sein Ziel doch ursprünglich, für eine bessere Welt zu sorgen. Dass der Zweck die von ihm eingesetzten Mittel nicht heiligt, hat er dabei andererseits aus den Augen verloren. So wollte er etwa Ralf Grabowski (Konstantin Frolov) mit dessen Arbeit als Informant für die Polizei auch Stabilität im Alltag geben, hat aber falsch eingeschätzt, in welche Gefahr er ihn damit bringt. 

Eiskalter Blick aufs Heute

Während die optische Ausstattung dieses "Tatorts" mit 80er-Jahre-Charme nach abgestandenem Bier und kalter Zigarette riecht, trifft die Geschichte mitten ins Jetzt. Ein Vater, der seinen adoleszenten Sohn nicht im Griff hat, ein Berufsschullehrer, der nicht als Sozialarbeiter ausgebeutet werden möchte, Polizisten, die von ihrem Job aufgerieben werden. Die eindringliche Erzählweise, die von jedem Klamauk absieht, katapultiert den Zuschauer mitten in das Gefühl zwischen Macht und Ohnmacht. In einen Alltag, der dichter an der Realität ist als die Witze am Seziertisch aus Münster. So ein Fall war mal wieder fällig.

Die "Tatort"-Folge "Macht und Ohnmacht" lief erstmals am 1. April 2013.