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1. Juni 2006, 11:57 Uhr

Und das Entsetzen kehrt zurück

Das Grauen im Kino. Halb Dokumentar-, halb Spielfilm ist "Flug 93"der erste Film über die Anschläge des 11. September 2001. In den USA läuft er bereits seit einigen Wochen. stern-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann hat ihn vorab gesehen - und war tief ergriffen.

Schieres Entsetzen beim Todesflug© UIP

Ich weiß nicht, wann mich zuletzt jemand vor dem Besuch eines Kinos gewarnt hat. Es muss in der Kindheit gewesen sein, als Zombies die Leinwände eroberten und Werwölfe und Monster aus fernen Galaxien.

Vergangene Woche erzählte ich amerikanischen Freunden, dass ich zur Preview des Kinofilms "United 93" gehen würde. Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen. Mein New Yorker Nachbar erklärte mir, dass der Film für traumatisierte New Yorker zu früh käme. Die Angehörige eines Terroropfers belehrte mich, dass der Film Leichenfledderei sei, Hollywood schlage Kapital aus den Anschlägen vom 11. September. Keiner hatte den Film gesehen, doch sie warnten vor ihm wie vor einem neuen Terroranschlag.

Die Preview fand nahe dem Rockefeller Center statt. Es war ein sonnigklarer Tag, wie damals jener 11. September 2001. In den Wolkenkratzern Manhattans spiegelten sich der blaue Himmel und Flugzeuge, die über den Hudson River gen Westen flogen. Neben mir saßen ein Journalist aus Harlem, der lässig Kaugummi kaute, und zwei New Yorker Reporter, die so selbstverliebt und zynisch redeten, wie New Yorker Reporter manchmal reden. Menschen, die nichts mehr erschüttern kann.

Das letzte Telefonat, die letzte Zeitungslektüre

Der Film beginnt unspektakulär: Er zeigt vier Araber in einem Hotelzimmer, die sich rasieren und beten. Am Flughafen blättern Passagiere in Zeitungen, Stewardessen plauschen, ein Pilot telefoniert mit seiner Frau. Der Film zeigt den Alltag jenes 11. September so lange, bis wir unseren in ihm wiederfinden, bis er uns einlullt, bis die Realität zu uns hinabgestiegen ist in den Saal. Doch jeder im Kino weiß, dass es das letzte Telefonat des Piloten ist, die letzte Zeitungslektüre, dass die 44 Insassen von Flug United 93 auf ihrem Weg gen Westen schon bald tot sein werden, ihre Leichen verstreut in einem Feld in Pennsylvania.

Nach zehn Minuten hörte mein Nachbar zur Linken auf, Kaugummi zu kauen. Die beiden Reporter zur Rechten pressten sich angespannt in die Sessel wie bei einer Achterbahnfahrt. Wenig später hörte ich sie schluchzen und fluchen, eine Frau im Saal weinte. In uns allen stieg Hitze auf, bis Hemden durchgeschwitzt waren und Gesichter gerötet. Es war eines jener seltenen Kinoerlebnisse, da Leinwand und Leben zu verschmelzen scheinen.

Panik und verstörte Lotsen

Regisseur Paul Greengrass erzählt die Geschichte von Flug United 93 in Echtzeit, 81 Minuten vom Start in Newark bis zum Absturz in Shanksville, Pennsylvania. Er erzählt sie unerbittlich, aber nüchtern. Schmerzhaft, aber unsentimental. Er lässt die Kamera im Wechsel durchs Flugzeug hetzen und durch die Flugkontrollzentren. Die Kamera klebt auf den Gesichtern nervöser Terroristen, die auf den richtigen Zeitpunkt der Entführung warten. Sie klebt auf den Gesichtern verstörter Lotsen, die am Radarschirm ein Flugzeug nach dem anderen verlieren. Sie klebt auf den Gesichtern des verzweifelten Militärkommandeurs, der auf den Abschussbefehl wartet. Sie lässt einen panisch werden und nach Hilfe schreien, nach einem Superhelden. Doch die Hilfe kommt nicht.

Aufschrei im Kino

Kein Anschlag der Weltgeschichte ist so seziert worden wie jener des 11. September. Keine Nachrichtenbilder sind im Fernsehen so oft gezeigt worden wie jene der qualmenden Türme. Doch als im Film das zweite Flugzeug in den Südturm des World Trade Center fliegt und die Lotsen in Newark dies live sehen, ging ein Aufschrei durchs Kino, kehrte das Entsetzen zurück, die Erinnerung an jenen Dienstag vor fünf Jahren, als ein langer Krieg seinen Anfang nahm.

Dramatischer Überlebenskampf

Das Drama aber endet hier nicht. Nun beginnt es erst richtig. Die Passagiere der United 93 erfahren an Bord von den Anschlägen in New York und Washington. Sie telefonieren mit ihren Angehörigen. Sie beginnen ihren dramatischen Überlebenskampf - "let's roll" -, bis sie die Cockpittür rammen, bis das Blut der Entführer spritzt, bis die panikgefüllte Maschine gen Erde schießt und die Leinwand schwarz wird.

So könnte es gewesen sein. Genau weiß man es nicht.

Wir blieben noch eine Weile sitzen. Dann standen wir auf. Keiner sprach. Der Fahrstuhl kam. Die Tür ging auf. Keiner sprach. Der Fahrstuhl fuhr. Die Tür ging auf. Keiner sprach. Die Sonne schien. Der Himmel war blau. Ein Flugzeug zog gen Westen. Der Lärm von New York setzte ein und erinnerte uns daran, dass die Stadt noch stand.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 18/2006

 
 
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