Das kann so oder so ausgehen. Wenn Geige nicht meine Sache gewesen wäre, hätte ich mich geärgert. Ich kann die Vergangenheit abhaken, ich sehe sie als Fundament für das, was ich heute mache.
Garantiert nicht so wie mein Vater. Nicht weil es nicht gut ausgegangen ist, sondern weil die Chancen so gering sind. Von 1000, die durch so was gehen, enden 999 todunglücklich. Das Risiko ist schon verdammt hoch, das will man seinen Kindern nicht antun.
Ich will das meinen Eltern nicht unterstellen. Es gab ja große Ausgaben, die Reisen der Eltern, Geigenbögen, Versicherungen, ich habe gut verdient, hatte aber große Ausgaben.
120.000 D-Mark im Jahr, ich habe das Geld aber auch wieder ausgegeben. Und andere haben sich natürlich bedient, klar.
Mal spiele ich für 500 Dollar am Abend, mal für 30.000.
Wenn du 16 bist und ein Bewusstsein für all das entwickelst, sitzen Ziegelsteine auf deinen Schultern. Du bist als Künstler für alle verantwortlich, die Eltern, das Publikum, Manager, Plattenfirma und dafür, dass der Dirigent zufrieden ist. Als kleines Kind ist dir das egal, aber wenn du 14, 15 bist, ist es vorbei mit der kindlichen Leichtigkeit. Da muss man dagegenhalten, das ist ein sehr schwieriger Prozess.
Ich habe es durchgezogen, aber ich war unglücklich, es hat mir nicht viel Spaß gemacht. Dann bin ich kurz nach London gezogen, aber das ging nach hinten los, ich habe die Schule geschwänzt und nur abgehangen und bin vom Royal College of Music geflogen. Für mich war immer klar, ich wollte nach New York.
Ja. Mit 19. Meine Eltern wollten es nicht, meinem Bruder haben sie das Studium bezahlt, mir nicht. Ich habe das klammheimlich vorbereitet, die Bewerbungen abgeschickt, bis meine Eltern den Brief der Juilliard School aufmachten: Lieber Herr Garrett, finden Sie sich bitte dann und dort zum ersten Semester ein. Da waren die natürlich schockiert.
Klar, du gehst nicht dahin, hieß es, du hast doch hier einen Vertrag mit der Grammophon, du spielst mit Abbado, du kannst du doch nicht wieder Musik studieren, wie kommt denn das rüber, die Leute nehmen dich nicht ernst.
Absolut. Ich hätte wohl sonst das Geigespielen aufgegeben. Es musste erst meine Sache werden.
Ich glaube, sie wissen es, haben aber Probleme, das zuzugeben. Sie haben mich hier erst einmal in sieben Jahren besucht.
Man ist immer Kind, da kommt man nicht raus. Ich habe immer noch das Bedürfnis, dass meine Eltern mich positiv sehen. Der Anspruch durchzieht mein ganzes Leben.
Mozart wäre ohne seinen Vater auch nie Mozart geworden. Oder Haydn. Das ist doch immer so.
Da ist was Wahres dran, Talent ist wichtig, du musst Instinkt, Musikalität, die Physis, die Nerven, das Gedächtnis haben - aber ohne jemanden, der drückt, auch wenn es weh tut, kannst du eine gewisse Schwelle nicht überschreiten. Gott sei Dank ist einem das als Kind nicht bewusst.
Für mich ist das eine interessante These. Der Begriff Wunderkind ist ja nur Vermarktung, damit es nach außen schöner wirkt. Eine Plattenfirma kann ein Kind nicht auf die Bühne schicken und sagen: Dieses Kind arbeitet acht Stunden am Tag, dann sagt jeder: Oh Gott, das arme Kind. Also wird der Name Wunderkind gewählt, damit die Zuschauer kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie die Tickets kaufen. Das Leben ist schon sehr hart. Sehr hart. Stellen Sie sich mal vor, ich hätte das nicht geschafft.
Allein die Rechnungen für Psychotherapie.
Ja, hier hat jeder Träume, die mögen bescheuert sein, total unrealistisch, aber diesen Drive finde ich geil, die versuchen es einfach, das vermisse ich in Deutschland.
New York ist für mich die Hauptstadt Europas, es gibt unheimlich viele Leute aus verschiedenen Ländern, die hier ihr Glück versuchen. Keiner fragt dich, wo du herkommst, wenn du einen ausländischen Akzent hast. Man fragt dich das nur, wenn du keinen hast. Für mich ist New York Ruhepol, hier habe ich Abstand von den Leuten, die ich sonst so kenne.