26. Juli 2012, 14:49 Uhr

Kanzlerin im Altkleid

Ist es ein Zeichen in der Krise? Die Bundeskanzlerin erschien bei den Wagner-Festspielen in einer Abendrobe, die sie schon 2008 in Bayreuth trug. Sicher kein Zufall. Von Thomas Schmoll

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Eine Frau, ein Statement: Dass Angela Merkel bei den Bayreuther Festspielen das gleiche Kleid trug, wie schon 2008 war gewiss kein Zufall. Die Kanzlerin wollte damit ein Zeichen setzen.©

Entspannt wirkte sie, die Kanzlerin. Klar, wenn man zur Abwechslung mal nicht den Euro retten und keine fünf Millionen Mails am Tag checken muss und auch noch mit "Angie, Angie"-Jubel-Rufen empfangen wird, macht das Leben Laune. Da fällt das Lächeln leicht. So geschehen am Mittwochabend in Bayreuth zum Auftakt der Festspiele, wo Angela Merkel Stammgast ist. Und weil sie immer da ist und meistens in einer mehr oder weniger schönen Abendrobe kommt, warten viele, viele Fotografen, um die Dame aus Berlin ablichten zu können. Die Fotos tauchen alsbald im Internet auf. Und siehe da, schon fiel dem einen oder anderen auf: Das Kleid trug sie schon einmal. Nämlich 2008. Und wo? In Bayreuth. Das gibt’s doch nicht! Typisch deutsch, entbrannte eine Debatte darüber: Darf eine Kanzlerin in der Öffentlichkeit ein und dasselbe Kleid zweimal tragen? Ist es ein Sparsignal an das Volk, das da heißt: Schaut, ich, die Regentin über 80 Millionen Deutsche, schnall den Gürtel enger. Wenn ich das kann, könnt/müsst ihr das auch! "Welt Online" machte aus der Abendrobe ein "Krisenkleid".

Schon ist der Streit über den Bassbariton Evgeny Nikitin vergessen, der Bayreuth verlassen musste, weil er Nazi-Symbole auf der Brust tätowiert hat, was nun gar nicht zu den Festspielen passte, die Wagner-Fan Hitler in den 30er-Jahren Jahr für Jahr besuchte. Wen interessiert groß, dass Ersatzmann Samuel Youn die Titelpartie "Der Fliegende Holländer" prima gemeistert hat, Dirigent Christian Thielemann ihm "Nervenstärke" ("Hut ab!") bescheinigte und Merkel seinen Gesang "außerordentlich gut" fand? Die Diskussion bleibt in kleineren Fachzirkeln. Hierzulande wird die Abendgarderobe der Kanzlerin debattiert.

Merkels Plan ist aufgegangen

Man darf davon ausgehen, dass es tatsächlich Merkels Absicht ist, ein Signal zu setzen oder auch nur zu zeigen: Ich erlaube mir so etwas. Denn ich bin und bleibe eine von euch und auf dem (roten) Teppich. Sollte das ihr Kalkül, ihre Taktik gewesen sein, ging der Coup auf. In Foren heißt es kurz und bündig zusammengefasst: Lang lebe unsere Kanzlerin! So schreibt zum Beispiel jemand "Typisch deutscher Michel. zweimal das gleiche Kleid und die Welt bricht zusammen!!!! Mir ist eine Politikerin 10x lieber, die um ihre Person kein Gewese macht!!! Wir haben genug Prominente, die nur durch Äußerlichkeiten auffallen, aber sonst nichts auf die Reihe bringen." Allein die Anzahl der Ausrufezeichen spricht Bände. Merkel trifft ins Schwarze, in die Mitte der Volksseele. Ein Altkleid aus ihrem riesigen Klamottenfundus – nicht mehr und nicht weniger. Aber es ist perfekt.

In der Frauenzeitschrift "Emma" erklärte Merkel 2005 ihre Strategie. "Wenn Sie sich zum Beispiel meine Bayreuth-Kleider über zehn Jahre anschauen: das stahlblaue Seidenkleid oder die Federboa, das hat mir schon Spaß gemacht. Einmal im Jahr auftreten, wie ich es nur als Frau kann und wie es Verwunderung auslöst. Das spreche ich mit niemandem ab." Die Wirkung ist jedenfalls da. "Warum soll sie denn nicht 2 mal das gleiche anziehen, ist doch kompletter Schwachsinn das sie sich für jeden Anlass was neues kauft. Ich bin kein Fan von ihr, aber da ist sie wenigstens ein normaler Mensch geblieben", schreibt ein Diskutant.

Es war nicht die erste Diskussion über ein Kleid

Schon einmal redete Deutschland über ein Kleid der Kanzlerin, die übrigens Anfang der 90er Jahre Frauenministerin war. Zur Eröffnung der neuen Osloer Oper gewährte sie einen tiefen Einblick in ihr Äußeres. Mit einem tiefen Dekolletee erschien sie und ließ ihren Busen aufblitzen. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Der Ausschnitt der protestantischen Frau spaltete die Nation. Die Reaktionen reichten von "Hammer!" bis "Nein, für eine Bundeskanzlerin ist das nicht in Ordnung, so aufzutreten". Ihr damaliger Pressesprecher Thomas Steg musste nicht erklären, wie die Regierungschefin das Land auf Vordermann bringen will, sondern wie sie dazu kam, so ein Kleid zu tragen.

In der "Emma"-Ausgabe vom Herbst 2005 sagte Merkel, sie sei "noch nie" in ihrer politischen Laufbahn "so stark als Frau wahrgenommen worden wie in den letzten Monaten. Im Gegenzug habe ich mich in einem für mich ungewohnten Maße auch öffentlich zu meinem Frausein bekannt. Und damit meine ich jetzt nicht nur das Schminken."

 
 
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