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13. August 2002, 00:29 Uhr

Der König lebt

Er brachte die Welt durcheinander und machte die Jugend verrückt. Vor über einem Vierteljahrhundert starb Elvis - und ist lebendiger denn je.

Elvis' Geburtshaus in Tupelo© Volker Hinz

Von Wolfgang Röhl und Volker Hinz (Fotos)

Memphis, Tennessee. Einen Moment sind wir irritiert. Der Mann, der aus dem Bürogebäude kommt, ist groß und schlank. Graue Mähne, nach Art amerikanischer Hippiefossile zum Pferdeschwanz gebunden. Haltung etwas gekrümmt, als habe er es mit dem Rücken. Ja, so könnte ER heute aussehen, abgespeckt. Beschleunigt er jetzt den Schritt, weil wir ihn anstarren? Der Motor seines Chevys läuft. Die Scheiben sind abgedunkelt. Der Mann hält einen Umschlag in der Hand. Offenbar hat er etwas abgeholt im Bürohaus am Elvis Presley Boulevard 3734. Schecks? Tantiemen? Stimmt es doch? Lebt ER noch?

Vielleicht liegt's an der Sonne. Sticht wie am Äquator. Jeder fühlt sich an diesem Sommertag erschlagen, paralysiert, irgendwie gaga. Wie vor über einem Vierteljahrhundert, als der King starb. Trotz der Hitze strömten am 16. August 1977 mehr als 100.000 Menschen zum Boulevard, der schon zu Elvis' Lebzeiten nach ihm benannt worden war. Hunderte fielen in Ohnmacht, wegen Wärmestau und vor Aufregung. Ein betrunkener Autofahrer raste in die Menge und tötete zwei junge Frauen.

Nach einem Weilchen hält man hier vieles für möglich. Eine Stadt voller Elvisse. Elvis-Büsten an öffentlichen Plätzen; Devotionalien jedweder Gestalt in Souvenirshops, CD-Stores, Gitarrenläden. Im ehemaligen Blues-Quartier Beale Street, wo der blutjunge Elvis sich schräge Klamotten kaufte (am liebsten in der Kombination Rosa-Schwarz), wackelt er als Autoanhänger in den Andenkenläden, flackert als Neonreklame am Musiklokal »Elvis Presley's Memphis«. Im »Sun«-Studio an der Union-Street sprach Elvis seine famous first words. Frage der Sekretärin: »Wie singen Sie denn? Wie wer?« Elvis: »I don't sound like nobody.« Ich singe überhaupt nicht wie jemand anders.

Wem in Memphis nicht der King erscheint, der ist nicht normal. Manche haben ihn mitten in der Stadt gesehen, andere sind sicher, Elvis halte sich wie eh und je in seinem tiefgekühlten, sargfinsteren Schlafzimmer der Villa Graceland auf. Das sei der Grund, weshalb der obere Stock des Hauses für Besucher tabu ist. Diskutieren Sie das im Internet unter "Is Elvis Alive" (www.elviscrawler.de)! Ein Arzt namens Donald Hinton aus Kansas City sucht regelmäßig Elvis-Stätten auf. Nur um dort zu vermelden, dass Elvis unter dem Namen seines bei der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders Jesse bei ihm, dem Doc, in Behandlung sei, unter anderem wegen Arthritis. Read all about it unter www. thetruthaboutelvisjesse.com.

Selbst Nachgeborene haben in Memphis den direkten Draht zum King. Bobby Davis, Pressemann bei den Elvis Presley Enterprises (EPE), hätte gar ein Stück der Leber des Königs besichtigen können, wenn er gewollt hätte. Das bewahrt eine Bekannte seit 25 Jahren in Formaldehyd auf. Die Frau war bei Elvis? Obduktion dabei gewesen und hatte das Teil heimlich abgezweigt.

Bobbys Chef heißt Jack Soden. Er hütet Graceland, den Gral des internationalen Presleytums. Seit zwanzig Jahren ist Elvis' Schicksalsvilla ein Museum. Jedes Jahr pilgern 600.000 Menschen dorthin, in runden Todesjahren bis zu einer Million. Nur das Weiße Haus zählt mehr Besucher. Dieses Jahr, sagt Soden, werde während der »Elvis Week« um den 16. August die Hölle los sein. Ein gigantisches Elvis-Revival hat sich zusammengebraut.

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