Die englisch Band Blur befindet sich derzeit auf Deutschland-Tour. In Hamburg verrieten Bassist Alex und Drummer Dave stern.de, was die Reeperbahn mit dem Mittelalter, Blur mit Britpop und Bekanntheit mit Konzertgästen zu tun hat.

Drummer Dave Rowntree (l.) und Bassist Alex James (r.) in den Gewölben unter der Bühne der "Großen Freiheit" in Hamburg© Claudia Fudeus
Zu Beginn des Konzertes erinnert sich Blur-Sänger Damon Albarn: "Als wir 1992 hier spielen wollten, mussten wir den Auftritt absagen, da wir nur sieben Karten verkauft haben." So können sich die Zeiten ändern. An diesem Abend ist die "Große Freiheit" in Hamburg ausverkauft. Vor dem ersten Konzert ihrer Deutschlandtournee sprach stern.de mit dem Bassisten Alex James und Schlagzeuger Dave Rowntree.
Alex: Nein, eher Sex. Ziemlich schmierig. Das hier ist nicht der richtige Platz für Ladies, oder? Mehr ein Ort für Jungs.
Alex: Ja, aber irgendwie ist dieser Ort mehr von Männern für Männer designt - man könnte wahrscheinlich nichts Zwielichtigeres entwerfen. Frauen finden das vielleicht auf die gleiche Weise interessant, die Menschen bei Autounfällen hingucken lässt. Sehr altmodisch, das Ganze hat definitiv was Mittelalterliches. (rutscht noch ein bisschen tiefer in den Sessel und fährt fort, seine Haare zu zersausen) Gefällt mir aber.
Dave: Ay.
Alex: Wenn man in einer Band ist, wird man ja auch so ein bisschen schlampig - schaut euch nur an, wo wir hier sind. Typisch Band.
Dave (blickt sich zwischen schwarz gestrichenen Wänden, Böden und Metallrohren um): Die Böden sind wahrscheinlich seit 20 Jahren nicht gestrichen.
Alex: Diese Sofas sind ein bisschen klebrig, wer weiß, wer da schon drauf gesessen hat. Und trotzdem sitzen wir hier doch ganz zufrieden rum.
Dave: Es ist was anderes als Büroarbeit. Man erwartet ja auch von uns, dass wir jede Nacht ordentlich schwitzen. So was sieht nur glamourös aus, wenn das Licht aus ist. Und so ist es auch mit Schlampigkeit: Sieht gut aus im Dunkeln.
Dave: Hey, ich arbeite im Büro. Wir haben inzwischen alle Büros.
Dave (grinst): Ich hab einen bequemen Stuhl und zwinge meine Sklaven, auf unbequemen Stühlen zu sitzen. Nein, es sind zwei kleine Räume und es erinnert ein bisschen an diese Szenarios, in denen im Fernsehen oder Film ausprobiert wird, wie viele Leute man in eine Telefonzelle quetschen kann. Genau das mache ich da auch - Tische an den Wänden und jeder hat ungefähr 8 cm Arbeitsfläche.
Alex: In dieser Straße, echt? Naja, man kann wahrscheinlich in jeden Pub in London gehen und hört, dass die Rolling Stones da immer auf ein Bier hinkamen. Das liegt daran, dass Bands ihre Zeit gern in Bars verbringen. Es gibt viele Orte mit einer Popmusik-Geschichte. Die großen hässlichen Städte der Welt bringen die schönste Musik hervor - man denke nur an Sheffield und The Human League oder Birmingham und Duran Duran. Gerade die Beatles haben wahrscheinlich überall schon gespielt, wo wir auch spielen. Es ist ganz schön schwer, dem zu entkommen. Obwohl wir das versucht haben, als wir unser letztes Album aufgenommen haben - wir sind richtiggehend von der Karte und aus der üblichen Studiolandschaft verschwunden.
Alex: Das heißt, dass wir wieder cool sind. Nein, ich verstehe ja dieses Bedürfnis, Sachen zu Kategorisieren. Menschen reagieren einfach sehr gut darauf, dass man ihnen sagt, was etwas ist. Und man braucht auch Worte, um Musik zu beschreiben. Aber die beste Musik ist die, die über Worte hinausgeht. Der beste Rap-Song benutzt Rap nur, um Musik zu erschaffen. Stilrichtungen sind nur das Werkzeug, nicht das ultimative Ziel. "Britpop" war eigentlich nur eine Reaktion auf die Überflutung britischer Medien mit Grunge-Bands, was uns auch nicht gefallen hat. Also haben wir eine Band gegründet, ein Album rausgebracht und sie waren verdammt glücklich damit. Unsere Plattenfirma wollte dann, dass wir das zweite Album noch mal mit Butch Vig, dem Produzenten von Nirvanas "Nevermind", aufnehmen. Plattenfirmen sind extrem konservativ. Wenn du willst, das Sachen nach deinem Willen laufen, musst du hart sein und "nein" sagen. (macht eine kleine Pause und stürzt den Rest seines Kaffees hinunter)
Große Musik sollte zwar revolutionär sein und nicht nur reaktionär, aber unser zweites Album war reaktionär-revolutionär - es war eine Reaktion auf Amerika. Und es ist echt leicht, die britische Presse für britische Werte zu begeistern - darauf werden sie immer anspringen. Plötzlich wurde das ein Markenzeichen, und die Labour-Partei, die an die Macht kam, sprang auch auf den Zug. Und dann wurde es endlos und nervtötend, während wir uns eigentlich schon längst weiterbewegt hatten. Wir haben nichts explizit Britisches mehr gemacht seit 1995, das ist immerhin fast zehn Jahre her. Wir haben auch immer amerikanische Musik gehört. Als ich Graham traf, hörte er die Pixies und Dave liebt amerikanischen Jazz. Ist es nicht so, Dave?
Dave: Ja, ich mag amerikanischen Jazz.
Alex: Vielleicht machen wir als nächstes ja ein Jazz-Album.