Mit dumpfen Hassparolen lassen sich Teenager schwer für die rechtsextreme Szene werben. Deshalb versuchen es die Neo-Nazis auch auf die sanftere Tour. Die Musikpropaganda hat nun sogar die Grundschulen erreicht. Ein Kommissar in Brandenburg muss sich deswegen einiges anhören. Von Johannes Gernert

Rechtsradikale Musik wird immer wieder auf Portale wie YouTube geladen© Sean Gallup/Getty Images
Vor ein paar Wochen sind in Brandenburg wieder einige Exemplare aufgetaucht. Zwei Männer und eine Frau standen vor einer Schule in Ludwigsfelde und haben sie verteilt. Wahrscheinlich hatten sie die Songs der NPD-Schulhof-CD aus dem Internet heruntergeladen und dann selbst auf Rohlinge gebrannt. Jedenfalls ließ sich das Album gar nicht abspielen. Eine Panne, über die sich der Verfassungsschutz freute. Für Rechtsextreme ist es schwieriger geworden, ihre Propaganda-CDs unter die Schüler zu bringen. Zumindest in aller Öffentlichkeit.
Seit rechtsextreme Bands, Labels und Vertriebe vor vier Jahren zum ersten Mal im größeren Stil kooperiert haben, um mit dem Sampler "Anpassung ist Feigheit" Jugendliche für die nationalistische Sache zu interessieren, hat sich auf den unterschiedlichsten Ebenen Widerstand gegen solche Projekte organisiert. Dieser wuchs, als die NPD vor Landtagswahlen und im Bundestagswahlkampf mit auf den Zug aufsprang. Polizei und Verfassungsschutz beobachten die Lage und beschlagnahmen CDs. Gemeinsam mit den zivilen Bündnissen vor Ort kämpfen und argumentieren sie gegen das an, was sie eine "Einstiegsdroge" nennen: Musik mit rechten Botschaften.
In Eberswalde ist gerade wieder eine Lieferung angekommen. Auf dem hellen PVC-Boden in Jörg Bremers* Büro beim Brandenburger Landeskriminalamt stehen vier Pilotenkoffer, eine Schuhschachtel, einige Kartons und eine große silberne Kiste. Alle voller CDs. "Stahlgewitter" steht auf einem Cover. Der Kommissar nimmt ein anderes Album in die Hand: "Aryan Hope". Kennt er noch nicht. Das bedeutet in der Regel Arbeit: im Kripo-Jargon "verschriftlichen". Er wird sich jeden einzelnen Song anhören und dabei den Text aufschreiben, um festzustellen, ob die CD ein Fall für den Staatsanwalt sein könnte - oder für die Bundesprüfstelle in Bonn, die jugendgefährdende Medien auf den Index setzt.
Eineinhalb Tage braucht er für so ein Album meistens. Bremer, kaum dreißig, blond und ein bisschen bleich, hellblau-kariertes Hemd, braune Wildlederschuhe, hat zusammengerechnet schon einige Monate seines Lebens mit "Verschriftlichen" verbracht. Kein Landeskriminalamt schickt derart viele Anregungen zur Indizierung nach Bonn wie das in Brandenburg. Im vergangenen Jahr waren es in der Rubrik "Tonträger" exakt 37. Sie kamen alle aus Bremers kleinem Büro.
An einem langen Konferenztisch in einem grauen Behördenbau befinden dann Vertreter von Verbänden, Kirchen und Ländern bei der Bonner Prüfstelle über die rechtsextreme Musik. Allein aus Sachsen kamen im vergangenen Jahr 33 Alben. Im Bereich indizierter Musik machen rechtsextreme Texte immer noch den größten Teil aus. Weit abgeschlagen dahinter: Pornorapper. In beigen Mappen lagern die Akten zu den Alben von Doitsche Säuferfront, Volkszorn, Kruppstahl oder Stahlgewitter. Der Index unterteilt die Musik in "Liste A" und "Liste B". A ist jugendgefährdend und darf nicht an Minderjährige verkauft werden. B ist darüber hinaus noch "strafrechtlich relevant". Die NPD-Schulhof-CDs sind weder A noch B, darauf hat die Partei geachtet.
Draußen in Eberswalde, in dem frisch geweißelten Kasernenbau mit den langen, blauen Fluren, erkennt Bremer die meisten Paragraphen-Verstöße ziemlich schnell. Eine Gruppe namens Valhöll hat ein Lied gegen Ermyas M. gemacht, der in Potsdam fast zu Tode geprügelt wurde. Zur Liedermacher-Gitarre singt jemand etwas von "Rassenschande" und "Scheinasylbewerber". "Klassischer 130er", sagt Bremer. Paragraph 130 Strafgesetzbuch: Volksverhetzung.
Es sind aber nicht unbedingt diese offen fremdenfeindlichen Zeilen, die er für die gefährlichsten hält. Die Bands kennen ihre Grenzen mittlerweile sehr genau. Sie sprechen also manchmal nicht mehr von "den Juden", sondern sagen einfach "sie" oder "die Auserwählten". Auf den ersten Blick wirkt manches harmlos. Eine Grundstrategie, die Bremer beobachtet, zeigt sich nicht nur auf den Demos, wo die Rechten mit ihren Sonnenbrillen und Palästinenser-Tüchern oft nicht mehr von linken Autonomen zu unterscheiden sind, sondern auch bei der Musik. Es gibt eigentlich nur eine Richtung, glaubt er, die in der rechten Szene nicht wirklich funktioniert: Techno. Da ist außer DJ Adolfs Reden-Remix "Es spricht der Führer" nicht viel zu verzeichnen.