
Alles andere als eine unparteiische Gerichtsreporterin: Alice Schwarzer im Gerichtssaal© Alex Grimm/Getty Images
Andere haben dies längst getan. Dabei geht ein Riss durch Deutschland. Im Süden treiben "Focus" und "Bunte" ein ums andere Mal Akten und Ex-Geliebte auf, die Kachelmann kein gutes Zeugnis ausstellen. Doch insbesondere bei den norddeutschen Medien "Spiegel" und "Zeit" vermutet Alice Schwarzer dagegen Kumpanei mit dem prominenten Kollegen. Ausführlich haben beide Medien aus Akten und Gutachten zitiert, ohne ein vollständiges Bild zu zeichnen. Nachzulesen waren viele Passagen, in denen widersprüchliche Aussagen des mutmaßlichen Opfers dargelegt wurden. Die Glaubwürdigkeit wurde in Frage gestellt.
Wenngleich die renommierte Zeit-Reporterin Sabine Rückert den Kachelmann-Anwälten in einem umfangreichen Dossier unprofessionelles Agieren vorwirft, beschreibt sie den Fall Kachelmann letztlich als Justizirrtum. Nicht ganz so weit geht Gisela Friedrichsen, Spiegel-Gerichtsreporterin. Für sie aber ist es ausgemacht, dass Jörg Kachelmann Opfer eines "Prominenten-Malus" ist.
Alice Schwarzer findet es furchtbar, dass ausgerechnet Frauen so schreiben. Sie versteht sich als Antipode. Besonders in der Talk-Show "Anne Will" Anfang August tat sie das erfolgreich: Sie unterstellte Gisela Friedrichsen, diese habe schon für einen Freispruch plädiert. Tatsächlich allerdings erfolgt die jeweilige Parteinahme subtiler. Alice Schwarzer aber ist davon überzeugt, dass ihr Einsatz nötig ist, damit der Nebenklägerin Gerechtigkeit widerfahre. Dass diese nach der mutmaßlichen Vergewaltigung geputzt habe und CDs sortierte, sei eine typische Reaktion, spreche also für deren Glaubwürdigkeit, erklärt Alice Schwarzer.
Alice Schwarzer will den Kachelmann-Verteidigern nicht das Feld überlassen. Sie glaubt, sie müsse ein Gegengewicht zu den bekannten Gerichtsreporterinnen schaffen: Mit "Bild" gegen "Spiegel" und "Zeit". Nach der Talk-Show "Anne Will" schrieb Jörg Kachelmann, den Alice Schwarzer drei Jahre zuvor um ein Grußwort für einen Jubiläumsband ihrer Zeitschrift "Emma" gebeten hatte, ihr eine private Mail. Alice Schwarzer entschied schnell, dass das nicht Privatsache sei und veröffentlichte Auszüge daraus.
Die Ferndiagnose, dass Kachelmann in eine Therapie gehört, hatte sie schon in der TV-Sendung getroffen. Darin spielte sie auch mit der Volksmeinung, dass seelische Demütigung fast schon Vergewaltigung ist. Jetzt antwortete sie öffentlich auf Kachelmanns Privatpost: "Vielleicht geht Ihnen aufgrund Ihrer Sexualpraktiken aber auch alles durcheinander. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall 'Nein' sagt, sondern Ernst. Und übrigens: Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann: Leider." Vielleicht ist selbst das - rein juristisch - noch keine Vorverurteilung; aber eine Schuldvermutung ist es mindestens. Alice Schwarzer hält ihre Parteinahme aber für ausgleichende Gerechtigkeit. Soll sie. Aber mit Hilfe der "Bild"? In ihrem Text über den ersten Verhandlungstag greift sie tief in den Kitsch-Topf: "Die zarte, junge, blonde Frau ...ihr Gesicht ist blass, aber gefasst … mit erhobenem Haupt." Sie hat eine Mission.
Alice Schwarzer glaubt, so schreiben zu müssen, weil der Fall Kachelmann ohne sie nicht gerecht beurteilt werde. Die Sicht speziell der betroffenen Ex-Geliebten und der Frauen generell müsse berücksichtigt werden. Das vertritt sie selbstbewusst, selbstgewiss und ohne Zweifel. Darum ist sie es, die die "Bild"-Zeitung nutzt. Bei nüchterner Analyse würde sie die Machtverhältnisse berücksichtigen: Meist hat der Stärkere den größeren Nutzen. "Bild" nutzt den Nimbus von Schwarzer: Schwarzer legitimiert "Bild". Als sei so sichergestellt, dass "Bild" Frauenrechte respektiert und keine Kachelmann-Kumpanei betreibt. Die Symbiose Schwarzer-"Bild alles andere als symmetrisch: "Bild" ist das Wirtstier, Alice Schwarzer der Putzerfisch.