. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
7. September 2010, 18:00 Uhr

Ein schlechtes Geschäft

Jörg Kachelmann, Kachelmann, Alice Schwarzer, Schwarzer, Prozess, Vergewaltigung, Verhandlung

Alles andere als eine unparteiische Gerichtsreporterin: Alice Schwarzer im Gerichtssaal© Alex Grimm/Getty Images

Alice Schwarzer: Gerechtigkeit – das bin ich

Andere haben dies längst getan. Dabei geht ein Riss durch Deutschland. Im Süden treiben "Focus" und "Bunte" ein ums andere Mal Akten und Ex-Geliebte auf, die Kachelmann kein gutes Zeugnis ausstellen. Doch insbesondere bei den norddeutschen Medien "Spiegel" und "Zeit" vermutet Alice Schwarzer dagegen Kumpanei mit dem prominenten Kollegen. Ausführlich haben beide Medien aus Akten und Gutachten zitiert, ohne ein vollständiges Bild zu zeichnen. Nachzulesen waren viele Passagen, in denen widersprüchliche Aussagen des mutmaßlichen Opfers dargelegt wurden. Die Glaubwürdigkeit wurde in Frage gestellt.

Wenngleich die renommierte Zeit-Reporterin Sabine Rückert den Kachelmann-Anwälten in einem umfangreichen Dossier unprofessionelles Agieren vorwirft, beschreibt sie den Fall Kachelmann letztlich als Justizirrtum. Nicht ganz so weit geht Gisela Friedrichsen, Spiegel-Gerichtsreporterin. Für sie aber ist es ausgemacht, dass Jörg Kachelmann Opfer eines "Prominenten-Malus" ist.

Alice Schwarzer findet es furchtbar, dass ausgerechnet Frauen so schreiben. Sie versteht sich als Antipode. Besonders in der Talk-Show "Anne Will" Anfang August tat sie das erfolgreich: Sie unterstellte Gisela Friedrichsen, diese habe schon für einen Freispruch plädiert. Tatsächlich allerdings erfolgt die jeweilige Parteinahme subtiler. Alice Schwarzer aber ist davon überzeugt, dass ihr Einsatz nötig ist, damit der Nebenklägerin Gerechtigkeit widerfahre. Dass diese nach der mutmaßlichen Vergewaltigung geputzt habe und CDs sortierte, sei eine typische Reaktion, spreche also für deren Glaubwürdigkeit, erklärt Alice Schwarzer.

Wer profitiert am meisten?

Alice Schwarzer will den Kachelmann-Verteidigern nicht das Feld überlassen. Sie glaubt, sie müsse ein Gegengewicht zu den bekannten Gerichtsreporterinnen schaffen: Mit "Bild" gegen "Spiegel" und "Zeit". Nach der Talk-Show "Anne Will" schrieb Jörg Kachelmann, den Alice Schwarzer drei Jahre zuvor um ein Grußwort für einen Jubiläumsband ihrer Zeitschrift "Emma" gebeten hatte, ihr eine private Mail. Alice Schwarzer entschied schnell, dass das nicht Privatsache sei und veröffentlichte Auszüge daraus.

Die Ferndiagnose, dass Kachelmann in eine Therapie gehört, hatte sie schon in der TV-Sendung getroffen. Darin spielte sie auch mit der Volksmeinung, dass seelische Demütigung fast schon Vergewaltigung ist. Jetzt antwortete sie öffentlich auf Kachelmanns Privatpost: "Vielleicht geht Ihnen aufgrund Ihrer Sexualpraktiken aber auch alles durcheinander. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall 'Nein' sagt, sondern Ernst. Und übrigens: Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann: Leider." Vielleicht ist selbst das - rein juristisch - noch keine Vorverurteilung; aber eine Schuldvermutung ist es mindestens. Alice Schwarzer hält ihre Parteinahme aber für ausgleichende Gerechtigkeit. Soll sie. Aber mit Hilfe der "Bild"? In ihrem Text über den ersten Verhandlungstag greift sie tief in den Kitsch-Topf: "Die zarte, junge, blonde Frau ...ihr Gesicht ist blass, aber gefasst … mit erhobenem Haupt." Sie hat eine Mission.

Alice Schwarzer glaubt, so schreiben zu müssen, weil der Fall Kachelmann ohne sie nicht gerecht beurteilt werde. Die Sicht speziell der betroffenen Ex-Geliebten und der Frauen generell müsse berücksichtigt werden. Das vertritt sie selbstbewusst, selbstgewiss und ohne Zweifel. Darum ist sie es, die die "Bild"-Zeitung nutzt. Bei nüchterner Analyse würde sie die Machtverhältnisse berücksichtigen: Meist hat der Stärkere den größeren Nutzen. "Bild" nutzt den Nimbus von Schwarzer: Schwarzer legitimiert "Bild". Als sei so sichergestellt, dass "Bild" Frauenrechte respektiert und keine Kachelmann-Kumpanei betreibt. Die Symbiose Schwarzer-"Bild alles andere als symmetrisch: "Bild" ist das Wirtstier, Alice Schwarzer der Putzerfisch.

Die Medienkolumne von Bernd Gäbler
Seite 1: Ein schlechtes Geschäft
Seite 2: Alice Schwarzer: Gerechtigkeit – das bin ich
 
 
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
Start des Kachelmann Prozesses Ein unwürdiger Rummel

Der erste Tag der Verhandlung gegen Jörg Kachelmann war geprägt von Peinlichkeiten und eitlen Selbstinszenierungen. Neben all den Comedians, Star-Feministinnen und C-Promis wurde die Frau, um die es im Prozess geht, fast übersehen. mehr...

Für "Bild" und "Emma" Alice Schwarzer kommentiert Kachelmann-Prozess

Es ist ein Coup der um spektakuläre Aktionen nie verlegenen "Bild"-Zeitung: Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wird für das Blatt den am Montag startenden Prozess gegen Jörg Kachelmann kommentieren. Der Anwalt des Wettermanns ist entsetzt. mehr...