Ein Mammut mit Zukunft

25. Dezember 2012, 12:58 Uhr

Am 26. Dezember feiert die ARD-"Tagesschau" ihr 60-jähriges Bestehen. Diese Sendung ist ein Unikat. Dabei geht es weniger um den nachrichtliche Gebrauchswert als um ein Kulturgut. Von Bernd Gäbler

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Das Lächeln des Mammuts: NDR-Intendant Lutz Marmor, "Tagesschau"-Sprecherin Judith Rakers und ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke©

Wäre die "Tagesschau" heute noch so wie zu ihren Anfängen, wir würden sie mit "Brisant" verwechseln. Anfangs waren die Kino-Wochenschauen das optische und inhaltliche Vorbild. Schiffstaufen und Modenschauen waren beliebte Themen, nur ab und an schritt mal ein Politiker durch Bild. Es folgte die große Phase der Verkündigungen. Das deutsche Fernsehvolk, dem unabhängiger Journalismus noch fremd war, hielt Karl-Heinz Köpcke, der von 1959 bis 1987 regelmäßig in die Wohnzimmer der Deutschen schaute, für den Regierungssprecher.

Heute gibt es ständig und überall Nachrichten. Jeder ist sein eigener Beschaffer und Gatekeeper. Der Wert der "Tagesschau" liegt in diesen Zeiten ausschließlich darin, dass ein kenntnisreiches Team verlässlich eine solche Auswahl trifft, dass jeder Zuschauer einigermaßen sicher sein kann, nichts ganz Wichtiges zu verpassen.

Eine Institution

Die "Tagesschau" ist eine Institution. Das hat Angela Merkel im Grußwort zur bereits vorfristig veranstalteten ARD-Feier richtig bemerkt. Eine Institution ist das Gegenteil von Mode. Darum tut die "Tagesschau" gut daran, in Outfit und Format anders zu sein als der andere Fluss der Bilder, Töne und Texte, den das Fernsehen rund um die Uhr bietet. Die "Tagesschau" ist sperriger. Hier sagen einem keine flotten Moderatoren, dass sie genau so dufte Kumpel sind wie man selbst. Hier sorgen keine aufgebrezelten Damen für geschmeidige Übergänge. Es gibt Damen und Herren, die am Tisch sitzen und vorlesen, was man ihnen aufgeschrieben hat. Sie reden nicht, als plauderten sie einfach drauflos. Und zum Glück auch nicht - wie sonst so viele im Fernsehen - als seien sie Nachhilfelehrer für Begriffsstutzige. In ihrer Sprache gibt es unterschiedliche Verben und präzise Wertungen. Diese Sprache wirkt manchmal wie ein Code für Eingeweihte. Regelmäßig ergeben auch allerlei Untersuchungen, dass Massen von Zuschauern kaum etwas verstehen, geschweige denn behalten. Sonderlich groß ist der praktische Nachrichtenwert also nicht.

Noch viel geringer ist allerdings der Unterhaltungswert. Er tendiert gegen null. Nur über jeden Versprecher freut sich das Publikum, weil die Sprecher dadurch menschlicher werden. Falsche Flaggen werden ausführlich besprochen. Erfahrene Zuschauer wissen, dass sich die Pannen am Wochenende häufen. Für Jahre ein Highlight ist es, wenn ein Putzmann durch das Bild läuft.

Ordnung im Chaos

Aber worin besteht denn eigentlich der Wert der "Tagesschau"? Ihre Besonderheit liegt in der Behauptung, etwas miteinander zu verbinden, das eigentlich längst voneinander getrennt existiert: Fernsehen und Bedeutung. Die "Tagesschau" sagt uns, was ihr wichtig ist. Sie unterbreitet uns dazu einen kundigen redaktionellen Vorschlag. Sie verlangt keine Zustimmung, sondern fasst lediglich die Welt in zehn bis zwölf Meldungen und ein paar Berichten zusammen und sortiert sie. Das schafft Ordnung.

Wir wissen ja, dass die Welt voller Kriege, Krisen und Konflikte ist, dass die Menschen ständig Chaos erzeugen und sich gegenseitig ein Bein stellen - im Großen wie im Kleinen. Die "Tagesschau" fädelt Perle für Perle auf eine Kette, damit aus dem chaotischen Haufen eine lineare Erzählung wird. Man kann sie nacherzählen, kritisieren oder Trost daraus schöpfen: Auch morgen dreht sich wieder die Welt. In diesem Sinne ist die "Tagesschau" tatsächlich ein säkulares Ritual, eine Art Hochaltar des heiligen Informationsauftrags des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Neutralisieren

So falsch lag der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma nicht, als er einmal resigniert feststellte, die "Tagesschau" könne auch bei Kerzenlicht in Latein gelesen werden, die Leute würden sie dennoch einschalten. Tatsächlich hat sie in etwa dieselbe Funktion wie ein Abendgebet: etwas Klarheit bringen, etwas Selbstvergewisserung.

Die Bindungswirkung derartiger Rituale lässt natürlich nach. Schon gibt es Menschen, die sogar zwischen 20 Uhr und 20 Uhr 15 telefonieren. Schon gibt es Menschen, die sich gar nicht um die "Tagesschau" scheren und dennoch gut informiert sind. Als permanent kommunizierende Individuen stehen sie mitten im Strom der Informationen. Sie machen aus der Welt da draußen eine Welt "für sich". Demgegenüber verströmt die "Tagesschau" immer das Flair eine neutralisierenden Distanz.

Keine Witzchen, keine Tiervideos

Sie ist nicht subjektiv, aber selbstverständlich ist ihre Art, die Welt zu ordnen, für niemanden verbindlich. Will sie - so lange wie das möglich ist - aber Institution bleiben und nicht aufgehen im Pluralismus beliebiger Weltdeutungen, dann muss sie widerständig bleiben gegen jede Einpassung in das TV-Gängige: keine Witzchen, keine verkrampfte Lockerheit, keine Youtube-Tiervideos am Ende.

Dann kann der Sprecher noch lange mit dem Papier rascheln, obwohl er längst alles vom Teleprompter abliest. Dann kann Ulli Deppendorf noch lange erläutern, was die Parteien in Berlin gerade Hinterlistiges treiben. Dann kann das Mammuth namens ARD-"Tagesschau" auch die nächste Medien-Eiszeit noch überleben.

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

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Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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