30. November 2007, 17:07 Uhr

Würde unter Druck

Über Tom Cruise' Verkörperung des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird man diskutieren können, wenn der Film "Valkyrie" ins Kino kommt - die Vorab-Auszeichnung des Hollywood-Stars und Scientologen für seine Rollenauswahl aber mutet doch sehr seltsam an. Von Peter Luley

Der Fan und der Star: Frank Schirrmacher übergibt Tom Cruise den Bambi-"Courage"©

Es gibt ein paar Setfotos, die Tom Cruise bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Filmprojekt "Valkyrie" zeigen: Angetan mit einer schmucken Augenklappe ist er in der Rolle des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg mal allein zu sehen, mal inmitten seiner Darsteller-Kollegen Kevin McNally, Christian Berkel, Bill Nigby, Terence Stamp, David Schofield und Kenneth Branagh. Man erinnert sich an die Querelen, die es im Sommer um die zunächst verweigerte und dann doch erteilte Drehgenehmigung im Berliner Bendler-Block gab, und an allerlei Boulevard-Spekulationen über private Unternehmungen von Cruise und Gattin Katie Holmes in Berlin. Gesehen aber hat den von Regisseur Bryan Singer inszenierten Film, der nächsten Sommer ins Kino kommen soll, noch niemand.

Schon allein deshalb mutet die Entscheidung des Verlagshauses Burda, dem Mimen für seine Rolle quasi vorab einen Bambi zuzusprechen, höchst merkwürdig an - ganz zu schweigen von der dafür gewählten Kategorie "Courage", die wohl dem Durchsetzungsvermögen des auch als Mit-Produzent firmierenden Darstellers huldigen sollte.

Wer aber gestern die Cruise-Laudatio von "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher miterlebte, kam aus dem Staunen nicht mehr raus: Derart devot pries da der Journalist den bekennenden Scientologen - also den Anhänger einer in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachteten Sekte, die nicht für demokratische Strukturen berühmt ist -, dass der Umstand, dass Schirrmacher den Dreh recht nah begleiten durfte, als Erklärung kaum mehr zu reichen scheint. Womöglich war es die Aussicht darauf, einen deutschen Widerstandshelden in Star-Kino-Form verewigt zu sehen, die eine Art patriotische Dankbarkeit in ihm befeuert hat.

Hätte noch gefehlt, "Top Gun" als Antikriegsfilm zu bezeichnen

Kein Titel, weder Geschäftsführer noch Vorstandsvorsitzender noch Präsident, sei groß genug gewesen für Cruise, als der vor über einem Jahr "United Artists" übernommen habe, fabulierte Schirrmacher, weshalb der Mime das Studio jetzt ganz einfach unter seinem Namen leite. In Cruise' Karriere sei es immer nur nach oben gegangen, nie abwärts; selbst Misserfolge an der Kinokasse seien keine Niederlagen, sondern "ganz bewusste Entscheidungen" für unpopuläre Themen gewesen. Schirrmacher fühlte sich durch Cruise' Umgang mit den gegen ihn gerichteten Angriffen gar an das Hemingway-Wort von "Grace under Pressure", also der "Würde unter Druck", erinnert. Hätte nur noch gefehlt, dass er "Top Gun" als Antikriegsfilm bezeichnet hätte. Die Prämierung Cruise' empfand er jedenfalls "auch als mutig, ja zwingend".

Betretenes Schweigen nach rhetorischen Kraftakten

Getoppt werden konnte dieser Auftritt natürlich nur noch von einem: Cruise selbst. Fast eine Viertelstunde erging sich der Umstrittene in einem Monolog über seine warmherzige Begrüßung in Deutschland, seine schwierige Kindheit und Werte wie Mut und Leistungswillen, die ihm seine Eltern vermittelt hätten.

Dass sich nach zwei derartigen rhetorischen Kraftakten die Zuschauer im Saal nicht zum Applaus erhoben, mag ein Indiz für das gewisse Unbehagen sein, das bei vielen im Publikum geherrscht haben dürfte. Doch schon der bloße Beifall der anwesenden Granden aus Politik, Journalismus und Gesellschaft hinterließ einen befremdlichen Eindruck.

Bekannt wurde im Anschluss nur die auf Cruise gemünzte kritische Äußerung Heiner Lauterbachs: "Einen Film zu drehen, dafür 50 Millionen Dollar zu bekommen - ich finde, da gibt es Mutigeres", erklärte der Schauspieler. Und auch wenn man den Buchautor Lauterbach ("Nichts ausgelassen") nicht unbedingt als filigranen Sprachkünstler kennt - in diesem Fall möchte man ihm uneingeschränkt zustimmen.

Ob "Valkyrie" seinem Helden den Oscar bescheren oder gar "das Bild von Deutschland in der Welt auf Jahrzehnte prägen" wird, wie Schirrmacher am 2. September in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" textete, wird muss die Zukunft zeigen. Zwingend aber war der gestrige Bambi für Tom Cruise genauso wenig wie die meisten anderen Trophäen des Abends. Eher handelte es sich um eine bizarre Provokation, die der Würde der Veranstaltung nicht gerade gut tat und die in zwei von sich selbst berauschten Reden ihren Ausdruck fand.

Von Peter Luley
 
 
KOMMENTARE (10 von 20)
 
postit (02.12.2007, 18:09 Uhr)
Sind andere Religionen besser?
Ich weiss nicht, wieso sich alle so über die Scientologie aufregen? Klar sind das Scharlatane - doch auch nicht mehr als die anderen! Wenn ich mir die ewig missionierenden Katholiken so anschaue, dann sehe ich auch oft Intoleranz und Garstigkeit. anstatt Nächstenliebe zu predigen, werden offene Lebensgemeinschaften oder Homosexuelle öffentlich an den Pranger gestellt. AIDS kriegt man in den Schwellenländern auch nicht in den Griff, wenn Ratzinger weltweit gegen Verhütung aufruft. Vielelicht erst mal vor der eigenen Haustüre kehren, bevor man andere an den Pranger stellt....
peterdevries (01.12.2007, 11:00 Uhr)
@faber & @obstler
Ihr macht euch so langsam laecherlich... Der Moment dass Cruise, Travolta oder andere Scientologen die Weltherrschaft antreten, werden wir nicht mehr erleben. Mal zum vergleich: die letzte 10 Jahren haben die Muslimen mehr Versuche gestartet in jene Richtung als welche andere Religioese Gruppe denn auch. Verurteilt Ihr jetzt auch diese Religion?
Ich habe persoenlich mehr "angst" fuer die Katholiche Kirche mit ihre Sexschandalen mit Kinder, als fuer eine Gruppe Schauspieler und ein paar moechtegern selbstoptimierer..
cousteau (01.12.2007, 10:58 Uhr)
Frank Schirrmacher ...
... hat antiquierte bis reaktionäre Ansichten über Frauen und Familie, passt eben super zur FAZ. Das allein macht ihn inkompatibel zur Scientology, die so etwas nicht vertritt. Er ist einfach ein Fan von Tom Cruise. Nun lasst ihn doch ...
Wenn ich mal den MTV Award an Depeche Mode verleihen darf, dürft ihr euch auf eine halbstündige Heiligsprechung auf Martin Gore gefasst machen - also war das beim Bambi noch gar nichts ;)
Obstler (01.12.2007, 10:32 Uhr)
Ist Frank Schirrmacher Scientologe?
Die FAZ ist in letzter Zeit auch durch erstaunliche Scientology-Verteidigung und Cruise-Nähe aufgefallen.
Dewerth (01.12.2007, 10:27 Uhr)
Ich schlage vor...
Tom Cruise selig zu sprechen und Schirrmacher das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Der Auftritt der beiden Herren war schlicht peinlich. Aber noch peinlicher finde ich, dass ich mir den Käse angesehen habe. Schande über mich und meine Fernbedienung!
postit (01.12.2007, 10:18 Uhr)
das ist nicht die OSCARVERLEIHUNG!
Herje - Hesters bekommt jedes Jahr 'nen Bambi weil er noch nicht gestorben ist und auch die sonstigen Preisträger unseres landes taugen meist nicht viel. Wer diesen Preis ernst nimmt, ist selber schuld. Cruise war greifbar und hat einen Bambi bekommen, weil er dieses drittklassige Event besucht hat. afür hat er den Bambi auch verdient!
Mechmo (01.12.2007, 10:08 Uhr)
Bambi ist kein Nobelpreis!
Den Autor des Artikels muss man fragen, wieso das Bambi eigentlich eine so bedeutende Auszeichnung sein soll? Unterhaltungsfuzzis verleihen anderen Unterhaltungsfuzzis Preise für Unterhaltung. Die ganze Aufregung um Tom Cruise zeigt doch nur, wie engstirnig und intollerant sich Meinungsmacher zum Maß aller Dinge erheben wollen. Wo ist da der Unterschied zu Sektenfreaks?
Dylan1941 (01.12.2007, 01:17 Uhr)
Bambi ?
Vorab eines : Mir ist es völlig egal, welcher Spinner an was glaubt solange dieser Glaube andere Menschen frei denken respektive in Ruhe lässt.
Aber was bitte ist die Bambi Verleihung und MTV Awards etc. ?
Für was bekommt Herr Cruise diesen Preis und welche Haubentaucher haben
noch einen Bambi für welche "Leistung" eingesackt ?
Götz George vertritt die richtige Meinung, wenn schon Köche und Damen
mit operierten Plastikbrüsten bei Verleihungen/Fernsehsendungen etc. neben Ihm stehen, dann stimmt etwass nicht.
Vor 25 Jahren mit drei Fernsehprogrammen hat keine Quasselstrippe ala Kerner/Beckmann oder Dumpfbacke Gottschalk Max Intzinger zu einer Promi-Preis-Verleihung eingeladen.
Heute ist prominent wer einigermaßen Frikadellen braten kann .
jockel_us (01.12.2007, 00:51 Uhr)
Prise Preussengeist gefragt
Wenn ich mich recht entsinne, war's Friedrich der Grosse, der fand, "jeder nach seiner Facon" sollte in seinem Lande selig werden.
Wer eigentlich hat Frau Caberta, oder die evangelischen/katholischen kirchlichen "Sektenbeauftragten", wirklich beauftragt? Keine/r, den ich kenne.
Von der Wiege bis zur Bahre, in Deutschland wird immer noch alles verordnet. Auch der Glaube.
Waren die "Deutschen Christen" (DC) keine Sekte? Und doch machten ihre (Ex-Nazi) Mitglieder den groessten Teil der protestantischen "Amtskirche" aus.
Und wer Buben hat im katholischen Einzugsgebiet, muss die Vatikan-Sekte und ihre Priester mehr fuerchten als Scientology, finde ich.
testsieger2006 (30.11.2007, 23:09 Uhr)
Ablenkung
Stauffi.... unser gutes Gewissen! Den darf keiner spielen... besonders nicht einer, der nicht in Treue fest zu unserem teutschen Demokratieverständnis steht. Am teutschen Wesen soll die Welt genesen. (Mich wundert, dass die co2-Abgabe nicht schon kurz nach Gründung der BRD schon ein Thema war.)
Und jetzt kommt so ein gläubiger Sekten-Ami daher und spielt unseren Hitlerattentäter... den Mann, der die Oligarchie gegen die Diktatur setzen wollte, der vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation träumte..... und leider auch dessen Herrscherkaste, der ER SELBST natürlich angehörte. Das Attentat war primär eine Investition in eine adlige Zukunft, ihr Schafe! ............. Die beiden sind sich nicht nur äußerlich sehr ähnlich. Passt also... oder jeder bekommt das, was er verdient.
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