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20. August 2010, 20:35 Uhr

Der Katzenberger-Effekt

Wer verstehen will, wie das Fernsehen im Jahr 2010 funktioniert, muss Daniela Katzenberger kennen. Sie ist blond, großbusig, ständig am Reden - und so künstlich, dass sie schon wieder echt wird. Die Medienkolumne von Bernd Gäbler

 

Daniela Katzenberger ist eine vom TV-Sender Vox geschaffene Kunstfigur. Sie ist angesiedelt in der Medienwirklichkeit und ausgestattet mit eindeutigen Attributen: Eine junge Frau mit ausladenden, künstlichen Brüsten; langem, weißblondem Haar; stark geschminkt; die Augenbrauen hat sie sich rupfen und dann - viel zu hoch - auf die Stirn tätowieren lassen. Jedermann - auch Menschen ohne Stilempfinden - kann erkennen: Das ist "white trash", das ist geschmacklos, das ist billig. Zur Figur gehören ein Markenzeichen und ein Motto.

Diese Figur wurde nicht zur Identifikation geschaffen, sondern damit sie betrachtet und beurteilt wird, der Zuschauer sich womöglich sogar leicht von ihr abgrenzen kann. Der "Katzenberger-Effekt" ist nun etwas, das in jeder Sendung vorkommt, die Vox mit der Protagonistin ausstrahlt.

"Daniela ist so natürlich"

Da tauchen dann am Wegesrand "Fans", Zuschauer oder Gaffer auf, die in das von "Daniela Katzenberger" auf Mallorca gegründete Café pilgern und zu dieser Figur befragt werden. Sie zeigen sich begeistert, loben "Daniela Katzenberger" vor allem - und das ist die Überraschung - wegen ihrer "Natürlichkeit", weil sie so "echt" oder schlicht ein "herzlicher Mensch" geblieben sei.

Die Aussagen verwundern, weil sie so offenkundig dem widersprechen, was dem Zuschauer geradezu aufs Auge gedrückt wird: Diese Figur ist künstlich. Entweder erklären wir diese Leute für bekloppt oder wir nehmen ihre "Falsch"nehmung - eben keine "Wahr"nehmung - ernst. Nehmen wir die Leute ernst, dann müssen wir erklären, wie diese Wahrnehmung - nennen wir sie in Analogie zum "Doppler-Effekt" den "Katzenberger-Effekt" - zustande kommt. Daran verstehen wir, wie Medien heute funktionieren. Denn der Effekt ist ein Produkt medialer Inszenierung.

Es geht nämlich nicht um Psychologie. Es geht nicht darum, warum das Mädchen Daniela Katzenberger berühmt werden will. Die gelernte Kosmetikerin stammt aus Ludwigshafen, zapfte am Tresen im Restaurationsbetrieb ihrer Mutter das Bier. Medial startete "Daniela Katzenberger" als "Auswandererin" mit dem skurrilen Plan, als Playboy-Bunny von Hugh Hefner aufgenommen zu werden, nannte Pamela Anderson ihr Design-Vorbild und ließ sich entsprechend herrichten. So wurde sie zum Star des "Reality-TV" auf Vox.

Das Fernsehen sagt uns, dass jeder berühmt werden kann - völlig unabhängig von irgendeiner Kompetenz. Jeder kann ein Restaurant eröffnen, jeder kann singen, jeder kann Model sein. "Daniela Katzenberger", die nicht fähig ist, ein Spiegelei zu braten, hat nun ein Café in Santa Ponca auf Mallorca gegründet. Wegen ihrer medialen Popularität läuft das Café wunderbar. Natürlich ist das Café echt, aber geschaffen wurde es nur durch und wegen des Fernsehens. Die Aufmerksamkeitsökonomie wird real - es gehen tatsächlich massenhaft Menschen in das Café, bestellen Getränke und zahlen dafür Geld. Das schafft wiederum neue Aufmerksamkeit. Das Medium kann sich also aufschaukeln; Hypes werden ein alltägliches Phänomen.

Seite 1: Der Katzenberger-Effekt
Seite 2: Auf dem Weg in eine neue Kunstwelt
 
 
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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