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22. März 2010, 16:40 Uhr

Das Talkshow-Reptil

Sie können einfach nicht loslassen und brauchen die große Bühne: Viele Politiker drängt es noch lange nach ihrer aktiven Zeit ins Fernsehen, wo sie den großen Welterklärer geben. stern.de stellt sechs Geißeln der Talkshows vor. Dieses Mal: Heiner Geißler. Von Wolfgang Röhl

Heiner Geißler, Talkshow, Geißeln der Talkshow

Gehört in Talkshows schon fast zum Inventar: Heiner Geißler© Thomas Peter/Reuters

Heiner Geißler heißt eigentlich Heiner Q. Geißler, Q für Querdenker. Der Jesuitenschüler, lange Jahre der semantische Pitbull von Helmut Kohl (Evergreen: "Ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz überhaupt nicht möglich gewesen"), denkt nämlich dermaßen quer, dass für sein sperriges Gedankengut die Türen der Talkshow-Studios verbreitert werden müssten. Dort geht er seit Dezennien ein und aus, vor allem, seit ihn der Pfälzer 1989 als CDU-Generalsekretär abservierte. Geißlers TV-Präsenz hat auch damit zu tun, dass er immerfort Bücher schreibt, die ja irgendwie beworben werden müssen. 27 Stück oder so hat er inzwischen abgeliefert, die Talkshows kommen da mit Einladungen kaum noch hinterher. Das neueste Buch zum Mann trägt den gedankenschweren Titel "Ou Topos: Suche nach einem Ort, den es geben müsste" und handelt vom glücklichen Leben für alle und so. Wer das Werk auf der Website von Amazon bestellt (EUR 18,95), wird auf geistesverwandte Produkte aufmerksam gemacht. Etwa auf das "Heiner Geißler Girlie-Shirt" mit der Sentenz "Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen" (EUR 15,95, drei Größen, sieben Farben). Wie er das wohl gemeint hat?

Heinrich der Morgenfrische

Wenn Geißler-Groupies mit oder ohne Hemd im TV-Studio oder vor der Glotze sitzen, wird schlagartig klar, warum er dort unentbehrlich ist. So sehr, dass er es nach Zählung der legendären Quasselstrippenrunde "Sabine Christiansen" geschafft hatte, dort Stammgast Nummer zwei zu werden, gleich hinter Christiansens Spezi Klaus Wowereit. Fünf Jahre nach Gründung hatte das Frühstücksfernsehen mal ausgezählt, wer dort am häufigsten aufgeschlagen war - Heinrich der Morgenfrische! Der begeisterte Bergsteiger erklimmt im Frühtau klaglos die steilste Stiege, sofern sie zu einem Fernsehstudio führt. Seine Nummer, darf man annehmen, ist in den Telefonen der Talkshow-Caster per Kurzwahl gespeichert. Und seine E-Mail-Adresse poppt bei ARD und ZDF wohl schon auf, wenn man nur "Gei..." eingibt.

Seine Unabdingbarkeit hängt, natürlich, auch mit seinem weisen alten Reptilsgesicht zusammen, in dem die Kamera herumfuhrwerken kann, forschend nach listigen, nonverbalen Kommentaren im Plenum der Runzeln und Fältchen. Er ist ja ein Schauspieler vor dem Herrn, welchem er sechs Jahre lang diente; als Mönchlein, welches keinen schweren Gang scheut.

"Schlimmster Hetzer im Land"

Aber die stete Nachfrage nach Geißler hat auch mit der nicht unberechtigten Hoffnung zu tun, dass von ihm immer wieder mal ein verbaler Schwinger erster Güte erwartet werden darf. Wie bei seinem vorerst letzten Auftritt bei Anne Will, wo er inzwischen auch ein Abo hat und bekannte, er mache zwischen "Steuerbetrügern, Mädchenhändlern und Drogenhändlern keinen Unterschied". Wie der Breitbandaktivist (Mitglied von CDU und Attac) da vom Leder zog, ideologisch untergehakt mit der Hummer-Kommunistin Sahra Wagenknecht; ausgerechnet er, der mal die berüchtigte "Freiheit statt Sozialismus"-Kampagne durchgezogen hatte - das ist der Stoff, nach dem der deutsche Schnarchtalk lechzt. Geißler liefert die Ware. Man muss nur gleichsam, wie auf einer thailändischen Krokodilfarm, ein paar Hühnchenteile in den trüben Teich werfen - zack, schon schnappt sein gefürchtetes Maul zu. Drogenhändler, Mädchenhändler, Steuersünder - same same, not different. Solche Perlen der Abendunterhaltung liebt die Laberbranche.

Manch einer glaubt, dieser Mann habe einen politischen Kurswechsel hingelegt wie sonst nur - andersrum - Bernd Rabehl oder Horst Mahler. Als den "seit Goebbels schlimmsten Hetzer im Land" hatte ihn Willy Brandt einst geschimpft. Brandts Verehrer Hans-Joachim Kuhlenkampff, das Showmaster-Urgestein, kriegte in einer NDR-Talkshow 1988 fast einen Herzkasper, als sich der Wortschwall des ausgefuchsten Jesuitenschülers über ihn ergoss. Auch "Kuli" hatte zuvor die Goebbels-Karte gespielt.

Die smarteste Versuchung, seit es Demagogen gibt

Geißler, Nazi? Ein Riesenmissverständnis! Der war noch nie nazi, sondern immer sozi, im Sinne von sozialradikal. In den Siebzigern versuchte er, die katholische Soziallehre, eine Klebstoffkomponente der Union, zu reanimieren. In den 90ern wetterte er gegen die "Catch-as-catch-can-Marktwirtschaft à la Thatcher" und gegen die Sparpolitik des Theo Waigel, geißelte Einschnitte ins soziale Netz sowie eine angebliche "Demontage des Sozialstaats". Kürzungen beim Arbeitslosengeld, stärkere Beteiligung der Bürger bei der Finanzierung der Gesundheitsreform - rote Tücher für den gar nicht schwarzen Geißler. Der war früh sogar für eine "begrenzte" Zusammenarbeit mit den SED-Erben zu haben, die heute unter "Die Linke" firmieren.

Genau betrachtet, schwimmt der selbsternannte Querdenker genau mit dem Mainstream des Sozialpopulismus, den inzwischen alle Parteien mit Ausnahme der FDP bedienen. Mit der Nummer von der Gerechtigkeitslücke, die das Land angeblich in frühkapitalistische Finsternis zurückgeworfen hat, treten inzwischen ja auch Rudolf Dressler, Norbert Blüm, Gregor Gysi, Renate Künast und die Lobbyisten der Wohlfahrtsindustrie allerorten auf. Jedoch kann keiner von ihnen so hübsch filibustern (etwa über einen Steuerdatenklau, der juristisch "eigentlich" keiner sei). Niemand beißt so herzhaft in gegnerische Waden wie Heiner, der Unbequeme vom Dienst. Keiner kann Binsen, welche so gut wie jeder Clown im deutschen Talkshowzirkus schon mal unter donnerndem Studioapplaus zum Besten gegeben hat ("Der Mensch muss das Maß der Gesellschaft sein, nicht das Geld"), als ureigene Geistesblitze verkaufen. Und weil dem so ist, werden wir Couch potatoes ihn noch ganz, ganz oft auf dem Schirm haben - Heiner Q., die smarteste Versuchung, seit es Demagogen gibt.

Von Wolfgang Röhl
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
Benkku (23.03.2010, 17:08 Uhr)
@enkelmann (23.03.2010, 15:52 Uhr)
Das sehen Sie falsch: Wenn die nicht mehr dabei wären, entstünde eher ein informatives Schwarzes Loch auch zum Schaden des Veranstalters, obwohl man auf den einen oder anderen in Ihrer Aufzählung gut ganz verzichten könnte.

Soeben bedankte sich im Phönix der Herr Vonundzu beim "Fossil" Herrn Schmidt für dessen Hinweise zur Afghanistan-Problematik!!! Übrigens sein einzig verwertbarer Satz. Alles andere, was der Young Leader sich im wahrsten Sinne des Wortes abquälte!, war ein fürchterliches zusammenhangsloses Gestammel.

Mich nerven eher Aufsteiger-Typen in politischen Diskussionen mit ihrem Fraktions-Kauderwelsch, z.Bsp. ganz besonders Daniel Bahr, Birgit Homburger, Dr. Martin Lindner, Dirk Niebel, Cornelia Pieper, Johannes Vogel etc. Durch die Bank meinen sie, den Großen Vorsitzenden noch übertreffen zu müssen. Es grenzt schon an Kadavergehorsam. Sie sind auch diejenigen, die mit einstudierter Ausweichsmanöver-Taktik auf brennende Fragen für den allgemeinen Politikverdruß im Lande sorgen.
SethusCalvisius (23.03.2010, 16:15 Uhr)
Alternativen
Und wenn die Alten nicht mehr in die Talkshows kommen, finden wir dort nur noch die Westerwelles, Sarrazins oder Merkels. Hallelujah!
Oder vielleicht Wolfgang Röhl?

Merke: Es ist nichts so schlimm, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte.
enkelmann (23.03.2010, 15:52 Uhr)
Die Frage ist doch, warum diesen Reptilien überhaupt Foren gegeben werden, um sich im Scheinwerferlicht zu baden. Warum treffen sich Geißler, Henkel, Hundt, Scholl- Latour, Wowereit, Vogel, Mitscherlin, Ströbele, Biedenkopf und wie sie alle heißen, nicht privat. Könnten viele Gebühren gespart werden.
batavia (23.03.2010, 12:36 Uhr)
@Wolfgang Röhl
Nach Jürgen v.d. Lippe und Gerhard Baum ist jetzt Heiner Geißler an der Reihe ...

Sind Sie ein Intelligenz-Neider oder einfach nur "ganz mies drauf" ?

Was sollen diese dämlichen Rundumschläge, die außerdem jeglicher journalistischer Kunst entbehren ?

Sie sind eine Schande für den STERN !
Pitkl (23.03.2010, 12:13 Uhr)
Ihr versteht nicht!
Herr Geißler arbeitet im Auftrag des Jesuitenorden und da spielt Herrn Geißlers persönliche Meinung überhaupt keine Rolle. Als Philosoph und Jesuiten Koadjutor beherrscht Geißler die Kasuistik aus dem ff.

Selbst Gysi prahlte vor kurzem in der weltonline, dass er Jesuit ist.
Vincent_Vega (23.03.2010, 10:39 Uhr)
Herr Röhl, zügeln Sie sich
Sind Sie neidisch, weil Heiner Geißler so oft bei den Talksendungen von ARD und ZDF erscheint? Und Sie nicht? Oder hängt es mit Ihrem Brötchengeber zusammen, dem Mix aus Magazin und Privatsender, der BigBrother und DSDS vom Privatsender RTL ununterbrochen kommentiert und sich mit Raabs Pedant der Castingshow für Oslo zuerst auch nicht anfreunden wollte, bis klar wurde, das bei Raab die Kandidaten wenigstens singen können?
Wäre Ihre Hetze nicht weniger ätzend, würde Geißler auch mal Stern-TV beglücken?
Ich denke mal da liegt eher des Pudels Kern.
2rixakatze (22.03.2010, 23:25 Uhr)
Gebildet, intelligent und interessant
Ich kann nur sagen, dass es sich lohnt Herrn Geißler zuzuhören. Seine früheren Ansichten habe ich ganz und gar nicht teilen können, aber jeder Mensch hat das Recht und auch die Pflicht weiter zu lernen und Meinungen zu ändern. Das Leben und die Bedingungen ändern sich und es wäre schlimm, bei vorgefassten Meinungen von vor 20 Jahren stehen zu bleiben.
Weshalb sollte ich z.B. Herrn Westerwelle zuhören? Er schreit und tobt, seine Sätze gleichen sich seit Jahren. Sie haben keine Substanz, weil es nur um Macht und Machterhalt geht! Altersweise Menschen dürfen die Wahrheit sagen, auch dass sie sich vielleicht geirrt haben. Es wird ihnen nicht viel passieren, aber man muß ihnen dankbar sein für ihre Analysen, weil man sonst das Gefühl hat, dass nur noch Worthülsen im Umlauf sind. Man kann das inhaltsleere Geschwafel wirklich nicht mehr hören!
Hören Sie also auf, intelligente Menschen wie bei Dieter Bohlen durch den Kakao zu ziehen und zu beleidigen. Niveaulosigkeit gibt es inzwischen wirklich genug. Auf Kosten anderer zu lachen ist wirklich das Letzte.
1valentino (22.03.2010, 23:23 Uhr)
Selten solche Hasstiraden gelesen!
Wir sollten viel mehr auf die "Alten" hören, die rücken nämlich oft mehr hin zur Menschlichkeit und weg vom gierzerfressenden Lobbytum. Herr Röhl und damit auch der Stern, sollte sich für diesen dumpfen, oberflächlichen und falschen Artikel schämen.
laketahoe (22.03.2010, 21:43 Uhr)
Lieber Herr Röhl,
Herr Geißler stört mich nicht annähernd so sehr, wie die Üblichen Verdächtigen...

Allen voran die ewigen Zausel der Deutschen Polittalkshows:

Hans Olaf Henkel und Roger Köppel. Letzterer hat es gestern bei Anne Will mal wieder geschafft, dass ich mir überlegen musste, welcher Spezialist da eigentlich noch behilflich sein könnte, um dem Mann Durchblick zu verschaffen...

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, der Herr Köppel setzt sich am Abend seines 45. Geburtstages in eine Talkshow ..... um sich bedeutend fühlen zu können......verteilt seine Weisheit großzügig unter dem Fußvolk.....

Man könnte glatt neidisch werden auf diesen Überflieger aller Klassen .... hätte er selbst nicht bis zum 44. Lebensjahr dafür gebraucht, um den Führerschein zu machen... und das mit dem Pullitzer Prize wird wohl auch nie etwas werden.....

Deutschland du hast es wirklich gut mit deinen Beratern,Gurus und Einsteins!

Heiner Geißler hat zumindest Verstand und ist kein Langweiler der redundantes Zeug redet.
Benkku (22.03.2010, 21:36 Uhr)
Wen wundert's, ...
daß sich die Sender gerne mit Heiner Geißler schmücken? "Mögen Sie uns noch lange erhalten bleiben", verabschiedete sich soeben im Phönix die Moderatorin von ihm.

Angesichts dessen, was die ferngesteuerten jungen Aufsteiger an Fraktions-Kauderwelsch von sich geben dürfen, ist dieser Veteran immerhin verständlich und das, was er sagt, auch meistens einleuchtend.

Alles, was dagegen von den oben genannten Plappermäulern abgesondert wird und nicht auf deren eigenem Mist gewachsen, stößt ab. Das macht die Kurzgeschlossenen so unsympathisch. Die totale Geistes-Verunreinigung geht bei denen hinauf bis in die Ministerriege.
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