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Kommentar

Plasberg hat aus München nichts gelernt

Mit einem "Hart aber fair"-Extra hat sich Frank Plasberg am Sonntagabend 48 Stunden nach dem Amoklauf von München zu Wort gemeldet. Und eine grob fahrlässige Sendung geliefert.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Trauernde Menschen in München und Frank Plasberg von Hart aber fair

"Hart aber fair"-Extra zu München: von Tiefpunkt zu Tiefpunkt 

Alles richtig, denkt man noch angesichts der Gästeliste und hofft auf die Fortsetzung des Siegeszugs der Sachlichkeit in Zeiten von Angst und Verunsicherung: Marcus da Gloria Martins, der für seine Kommunikationsstrategie der Besonnenheit gefeierte Leiter der Polizeipressestelle von München, Annette Ramelsberger, versierte Gerichtsreporterin der "Süddeutschen Zeitung", die am Sonntag ein Porträt des Attentäters geliefert hat, Christian Pfeiffer, renommierter Kriminologe und Experte, Björn Staschen, NDR-Redakteur für soziale Medien und - weniger für Sachlichkeit bekannt, aber für die Politik auf dem Podium - Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

Doch dann beginnt die Extra-Sendung "Hart aber fair: Amok in Zeiten des Terrors" und die Frage ist nicht mehr "Welche Lehren ziehen wir eigentlich aus der hervorragenden Öffentlichkeitsarbeit der Münchner Polizei?", sondern das übliche, sensationsheischende, jedes Mal unbeantwortbare "Wie verändert das unser Land?". Gerade Mal 48 Stunden nach dem Amoklauf in München, bei dem ein 18-jähriger Schüler mindestens neun Menschen getötet und 16 verletzt hat, ignoriert Moderator Frank Plasberg alles, was da Gloria Martins und seine Kollegen an dem schrecklichen Abend richtig gemacht haben.

Verantwortungsbewusstsein, Besonnenheit, Sachlichkeit werden schon in der Exposition niedergemacht: "Der Alarmmodus ist Alltag", "Der Verarbeitungsmodus unserer Seele versagt", "Das Internet ist der schnelle Brüter der Angst". Der übliche Fieberrausch, Fakten werden in Emotionen ersäuft. Allerdings kann noch niemand ahnen, mit welcher Begeisterung ersäuft werden wird.

Da Gloria Martins bei "Hart aber fair": "Nur Fakten helfen"

Zuerst wehrt sich da noch: Das größte Problem bei seiner Arbeit sei es, mit rationalen Argumenten gegen Stimmungsmache, Gerüchte und Ängste anzukommen. Die Polizei sei zwar "der Bariton im Chor der Stimmen", aber wenn diese Stimme übertönt würde, hätte sie ein Problem. Plasberg fragt ihn trotzdem, wie es zu den Falschmeldungen kommen konnte - drei Täter, Langwaffen. "Nur Fakten helfen", so der Polizeisprecher, aber wenn Menschen tot am Boden lägen, "in diesen Dimensionen", müsse man mit Blick nach hinten auf Nizza und Brüssel raus mit den Informationen aus den Notrufen. Er weist auch darauf hin, dass die Medien sofort eine große Präsenz hätten, während die Bevölkerung die Befriedigung ihres Informationsanspruchs einfordere.

Offensichtlich zu trocken für Plasberg, der als Nächstes nach den Gefühlen der Opferangehörigen von Amok- und Terrorangriffen fragt. Und Ramelsberger wird angehalten zuzugeben, dass sie in den unklaren Stunden des Freitagabend an Paris gedacht habe - wie wohl die meisten - und später erleichtert gewesen sei, dass es "wenigstens nicht der IS" war - wie wohl die meisten. 

Ob es Sinn mache, zwischen Amok und Terror zu unterscheiden, fragt Plasberg. Natürlich, antwortet Herrmann stellvertretend für jeden denkenden Menschen. Und dann versteht man die seltsame Frage auch, denn es ist an Stasche, den Übergang zum Einspieler zu liefern: Angesichts von Tätern wie Anders Behring Breivik, dem norwegischen Terroristen, der vor fünf Jahren 77 Menschen ermordet hat, sei die starre Trennung zwischen Amok und Terror so nicht durchhaltbar. Es folgt ein Amokläufer-Biografie-Clip: Ballerspiele, aggressives Verhalten im Internet, Mobbing-Opfer. Und der Münchner Täter habe den norwegischen Massenmörder glorifiziert.

Da Gloria Martins versucht es noch einmal: "Was mich eben gestört hat, sind Formulierungen wie 'nach Berichten von'. Gebt uns die Chance, Fakten zu schaffen." Nicht spekulieren, nicht voneinander abschreiben, wendet sich der Polizeisprecher sehr klar an den Journalisten Plasberg. Den fasst das offensichtlich nicht an: "Dafür kriegen Sie Applaus", so seine lakonische Reaktion. Und auf Herrmanns Forderung: "Lassen Sie uns in Ruhe ermitteln", gibt es ein "Lassen wir es dabei" und die dringende Bitte an Pfeiffer, auf die Krankengeschichte des Täters einzugehen. Bringt aber auch nichts: Pfeiffer weist darauf hin, dass man noch nicht alles über den Täter wisse und er nur den bisherigen Erkenntnisstand mit anderen Amokläufern vergleichen könne.

V-e-r-a-n-t-w-o-r-t-u-n-g-s-b-e-w-u-s-s-t-s-e-i-n

Also redet Plasberg über den üblichen Verdächtigen: Computerspiele wie "Counter-Strike", woraufhin Pfeiffer ihm noch eine Abfuhr erteilt: Die sind es nie allein. Da müsse eine Krise hinzukommen. Hätte man die Gefahr früher erkennen müssen? Pfeiffer: Die Eltern haben sich offensichtlich gekümmert, denn der Sohn war in Behandlung. Und dann der Hinweis: "Das ist vor 48 Stunden passiert." Es müsse erst einmal ermittelt, mit Eltern und Ärzten gesprochen werden.

Mit dem nächsten Einspieler wird die Sendung grob fahrlässig. Trotz der nicht neuen, nach jedem wiederholten Erkenntnis, dass Täter vorhergehende Taten studieren und auch kopieren, gibt einen Clip über das Buch zu sehen, das im Zimmer des Münchner Täters gefunden wurde: eine Untersuchung über Amokläufe.

Für den nächsten Amokläufer zum Mitschreiben?

Ob man die im Buch genannten Kriterien nicht für eine Art Rasterfahndung nutzen könne, will Plasberg wissen. Fast ein bisschen fassungslos erklärt Pfeiffer, dass das nichts bringe, denn diese Kriterien träfen auch auf sehr viele Jugendlich zu, die nicht zu Amokläufern würden. Aber selbstverständlich solle man helfen und sich kümmern, "nicht weil derjenige laufen könnte, sondern weil er in Not ist".

Der Tiefpunkt nach dem Tiefpunkt

Schießlich darf da Gloria Martins sich wünschen, dass Eltern besser auf ihre Kinder aufpassen, und weist nur noch lasch darauf hin, dass ihm die offensichtlich intendierte Frage nach der Schuld nicht gefalle, weil sie nichts bringe. Enge Kurve zum Internet, wo der Täter sich seine Waffe besorgt haben soll. Und Innenminister Herrmann fordert mehr Eingriffsmöglichkeiten für die Polizei. Dann geht es um den Amoklauf von Winnenden, den der Münchner Täter auch studiert und die Stadt sogar besucht haben soll. Und es folgt der professionelle und menschliche Tiefpunkt der Sendung: Die Mutter eines in Winnenden ermordeten Mädchens wird live zugeschaltet und soll erzählen, wie sie sich angesichts der Bilder von München fühle.

"Fragen ohne vorzuführen, nachhaken ohne zu verletzen. Talk auf Augenhöhe" wirbt "Hart aber fair" für sich selbst.


Eine Leseempfehlung für Frank Plasberg: "Unwirklich" von Carolin Emcke

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