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TV-Kritik

"Donnerstalk": Einmal atmen, bitte, Dunja Hayali!

Der "Donnerstalk" mit Dunja Hayali ist zurück. Verspricht Herz und Haltung. Und scheitert an der Sensationslust. Haltlos rast die Sendung von der Terrorangst zum Merkel-Bashing, von Erdoğans gefährlichem Einfluss zur Virtual Reality im Selbstversuch. Erkenntnis? Keine.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Dunja Hayali

Herz, Haltung und Hayali haben im ersten "Donnerstalk" des Sommers nicht gereicht

Dunja Hayali ist zurück mit dem "Donnerstalk". "Herz. Haltung. Hayali" verspricht die Werbekampagne der Show, die in der Sommerpause vier Mal Maybrit Illners Sendeplatz füllen soll. Mit jeweils drei Themen: "Leben mit der Angst vor Gewalt" ist der Aufreißer der ersten. Ebenfalls erledigt werden "Der lange Arm Erdoğans" und - das Leichte zum Schluss - "Virtual Reality". Und am liebsten würde ich weiter Themen auflisten, um nicht auf den Punkt kommen zu müssen. Muss ich aber. Also: Ich bin wirklich Hayali-Fan, aber angesichts von Amok und Terror stochert auch Dunja Hayali nur hilflos in Gefühlen herum. Ich habe mehr erwartet. Es war der 83-jährige Ex-Innenminister Gerhart Baum, der Sätze sagte, an denen man sich ein wenig festhalten kann. Was ja ganz angenehm ist in diesen Tagen.

Dagegen war Hayali schon mit der Einleitung im freien Fall: über den Seelenzustand in den "Tagen des Schreckens", "Angst und Unsicherheit sind angekommen in Deutschland" und "nichts ist, wie es einmal war". Dann sieht man die Moderatorin im Einspieler durch München laufen, das allerdings ziemlich aufgeräumt wirkt. Sie spricht mit Leuten auf der Straße: "Ja, man passt schon mehr auf", sagt der eine. "Man darf sich der Angst nicht hingeben", der andere. Es geht ins Klinikum ans Bett eines an der Schulter verletzten Amok-Opfers. Dann zur Dienststelle des Social-Media-Teams der Polizei, wo so erfolgreich gegen Gerüchte gekämpft wird. Schließlich muss Altbürgermeister Christian Ude bekennen, dass München sich verändert habe - während er vor einem gut gefüllten Gasthaus in der Sonne sitzt. Und plötzlich geht es um Wut, um Flüchtlinge, und ein stramm gescheitelter Mann darf vor laufender Kamera "elektrischen Stuhl und Gaskammer" fordern.

Schluss mit den Sensationen möchte man rufen. Aber vielleicht wird ja im Gespräch auf dem weißen Studiosofa alles gut?

"Die Angst ist da"

Da sitzt der ehemalige Innenminister Gerhart Baum, der in den 70er-Jahren die BRD vor dem Terror der RAF schützen sollte. Und während Hayali aufgeregt fragt, was der Terror mit uns mache, bittet er darum, besonnen zu bleiben und sehr genau zu unterscheiden, was wann und wo passiert ist. Nur so könne man etwas gegen die Angreifer ausrichten. Lauter richtige, wichtige Sätze: "IS-Leute können auch kommen, wenn sie keine Flüchtlinge sind" - denn der Terror und die deutsche Flüchtlingspolitik hätten nichts miteinander zu tun. "Wir dürfen uns nicht von Angst treiben lassen, so wie Frankreich. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind Wasser auf die Mühlen der Terroristen." Politiker, die totale Sicherheit versprechen, seien Scharlatane.

Hayali will aber trotzdem wissen, ob bessere Grenzsicherung und Kontrollen in Flüchtlingsheimen nicht helfen. Und fragt allen Ernstes nach einem Vergleich des RAF- und des IS-Terrors. Sei das heute nicht eine ähnliche Krise? "Nein", sagt Baum, und versucht noch einmal, über das Wichtige zu sprechen: dass Kräfte, die gegen unsere Verfassung arbeiten, nicht Oberwasser haben dürfen. Als er auch noch die historische Verantwortung der Deutschen anspricht, setzt Hayali sich neben eine Frau im Publikum, die in Ansbach in der Nähe war, als der Selbstmordattentäter sich in die Luft gesprengt hat. Die gibt allerdings eine ziemlich detaillierte, sachliche Erklärung darüber ab, wo und wie genau sie das Attentat aus der Entfernung mitbekommen hat. Hayali geht, als sie sagt, dass es ihr und ihren Kollegen besser gehe, als denen, die in der unmittelbaren Nähe der Explosion waren. Trotzdem, die Angst ist da, sagt Hayali, und es werden Hass-Posts gegen Merkel aus dem Netz präsentiert.

Dunja Hayali: "Einmal atmen, Herr Baum"

Auf dem Sofa sitzen mittlerweile auch Grünen-Chef Cem Özdemir und "Spiegel"-Autor Markus Feldenkirchen. Während Özdemir die Zurschaustellung der "unerträglichen" Posts anmerkt, steigt Feldenkirchen auf das Merkel-Bashing ein. Seiner Meinung nach könne die Stimmung im Land weiter kippen, weil der Terror deutschen Boden erreicht hat. Und das habe dann Folgen für Merkel. Ihr am Donnerstag verkündetes Maßnahmenpaket hält er für zu dünn. Baum, der immer mal wieder das Wort ergreifen will, vertröstet Hayali mit: "Herr Baum, gleich. Einmal atmen." Das wünscht man ihr auch.

Er befürchte, Baums Botschaften ("Seehofer macht Politik auf dem Rücken der Opfer") würden "nicht überall ankommen", sagt Feldenkirchen. Weil im aktuellen politischen Klima nur der "Laute, Starke, Scharfe" gehört werde. Deshalb fände Seehofers Meinung in der Bevölkerung auch die Mehrheit. Es bringe nichts, das zu ignorieren. Baum antwortet, um Fassung ringend: "In Zeiten der RAF waren 67 Prozent der Deutschen für die Todesstrafe. Aber wir arbeiten auf der Grundlage unserer Verfassung. Das dürfen wir doch nicht zur Disposition stellen!" Darauf zu antworten, traut sich keiner. Nächstes Thema.

Der lange Arm von Erdoğan

Wie groß ist der Einfluss der Regierung Erdoğan nach dem gescheiterten Putsch auf Türken in Deutschland? Hetze und Übergriffe. Menschen, die in Angst leben, werden vorgestellt. Özdemir ist noch da, der seit der Armenien-Resolution des Bundestages Erfahrung mit Drohungen hat. Natürlich beschäftigten die Geschehnisse in der Türkei die in Deutschland lebenden Türken, sagt er. "Aber die Musik spielt hier. Es gelten die deutschen Gesetze." Man könne frei seine Meinung äußern - aber im Respekt vor anderen. Sonst sei man hier fehl am Platze. Punkt.

Mit einigem Abstand sitzt ein junger, türkischstämmiger Geschäftsmann aus Stuttgart mit auf der Couch, der Erdoğans Massenverhaftungen und das Aussetzen der Menschenrechte im Land seiner Eltern offensichtlich gutheißt. Er spricht von notwendigen "Säuberungen", greift Özdemir wegen der Armenien-Resolution an und zeigt keinerlei Interesse an einer von Hayali so fromm gewünschten Versöhnung.

Gut, dass es das dritte Thema gibt, das wie ein Blinddarm an dieser Tour de Force durch aktuelle Megathemen hängt: Virtual Reality. 24 Stunden unter der 3D-Brille. "Der nächste heiße Scheiß", sagt Hayali. Und zeigt einen Film, in dem sie - von Arzt und Fachfrau begleitet - in die virtuelle Welt abtaucht, ziemlich mediokre Grafiken bestaunt, Zombies umnietet, dabei in einem Atemzug "Ich brauche mehr Waffen" und "Ich will nicht, dass Kinder so was machen" sagt, und ein bisschen malt.

Dann ist die Stunde endlich um. Erschöpft fragt man sich, was davon hängenbleiben soll, aber dann beginnt auch schon die nächste Show. Liebe Dunja Hayali, Herz allein reicht nicht. Haltung sieht anders aus. Und Hayali kann mehr.