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Analyse

Amok und Terror: Wer behauptet, er könnte die Gesellschaft vor irren Tätern schützen, lügt

Drei Blutbäder in Bayern, kurz hintereinander - der Schock sitzt tief in der Gesellschaft. Und nun? Bundeswehr im Inneren? Grenzen dicht? Die Politik wirkt bei dieser Art von Tätern hilflos.

Ein Schild mit der Aufschrift "Warum?" in der Nähe des Münchner Olympia-Einkaufszentrums

Terror und Amok: Ein Schild mit der Aufschrift "Warum?" in der Nähe des Münchner Olympia-Einkaufszentrums.

Zunächst einmal: Nichts und niemand kann die Täter freisprechen. Sie tragen die Verantwortung für das, was sie getan haben, niemand sonst.

Am Montag vergangener Woche schlägt ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan in einem Regionalzug nach Würzburg mit der Axt um sich und verletzt vier Mitglieder einer chinesischen Familie schwer. In einem Video bekennt er sich zum IS.

Am Freitag läuft ein 18-jähriger Deutsch-Iraner im Münchner Olympia-Einkaufszentrum Amok und erschießt neun Menschen. Dafür hatte er sich den Jahrestag des Massakers auf der norwegischen Insel Utøya ausgesucht.

Am Sonntag zündet ein 27-jähriger Flüchtling aus Syrien am Eingang zum Musikfestival in Ansbach eine Bombe in seinem Rucksack: Zwölf Menschen werden verletzt. Eigentlich wollte er zur Masse der Konzertbesucher vordringen.

Die immergleichen Rezepte der Politik

Es ist der blanke Horror. Wer soll sich noch sicher fühlen? Lauert nicht um die Ecke der nächste Irre mit dem Dolch? Jeder hat noch die Bilder vor Augen, wie der weiße Lastwagen langsam auf die Feiernden an der Strandpromenade von Nizza zurollt - und dann beschleunigt.

Natürlich richten sich die Fragen und Sorgen nach diesen barbarischen Taten erst mal an die Politik, den Staat. Er soll und muss uns schützen, das ist seine wichtigste Aufgabe. Aber die Politik hat keine Antworten. Sie wirkt eher hilflos. Natürlich poppen nun jene Themen auf, die immer aufpoppen, wenn die Lage bedrohlich scheint: Einsatz der Bundeswehr im Inneren, mehr Polizei, mehr Überwachung, eine restriktivere Einwanderungspolitik. Aber wird das helfen?

Aufmarsch der "Franchise-Terroristen"

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat in einem bemerkenswerten Aufsatz für die "Zeit" die Merkmale der alten und neuen Blutbäder beschrieben. Ein Terrorist "alter Schule" war ein trainierter, penibel planender Täter, der auf Befehl einer Zentrale handelte. Seine Ziele waren die Repräsentanten des gegnerischen Systems, die er töten wollte, um ein Startsignal für den Umsturz zu geben. Die Sicherheitsbehörden sind auf diese Art Terrorismus eingerichtet, in diesen Kategorien denken und handeln sie. Um solche Täter zu stoppen, kann das alles nützlich sein: mehr Überwachung, mehr Polizei, ja, sogar der Einsatz der Bundeswehr im Inneren bei terroristischen "Großlagen", also wenn mehrere Attentate gleichzeitig stattfinden sollten.

Aber wir haben es hier mit ganz anderen Tätern zu tun. Nicht mit gebildeten Ideologen, sondern mit psychisch Gestörten. Nicht mit Befehlsempfängern einer Terrorzentrale, sondern mit Einzeltätern. Nicht mit spezialisierten Ingenieuren des Todes, sondern Killern mit Alltagswaffen. Münkler nennt sie "Franchise-Terroristen", Männer; die irgendwo zwischen Depression und Selbstradikalisierung oszillieren; Männer, die mit ihrer Tat, sei es ein Amoklauf, sei es ein Attentat, eine letzte "Sinninvestition" in ihr verkorkstes Leben tätigen.

Das wichtigste Ziel: Entsetzen zu verbreiten

Ihr Ziel ist nicht ein gesellschaftlicher Umsturz, sie haben keine Repräsentanten im Visier. Ihr Ziel ist es, ihren eigenen Namen mit Blut an die Wand zu schreiben, auf dass er endlich groß und mächtig wirke. Sie wollen maximales Entsetzen verbreiten. Und vielleicht noch, sollten sie vom Islamismus inspiriert sein, mit diesem Entsetzen den erhofften Krieg vorantreiben: "der Westen" gegen "die Muslime".

Wenn Entsetzen das Hauptziel ist, dann gibt es eine Partei, die Entsetzen, Misstrauen und Angst nur noch fördert: die AfD.

Wenn Entsetzen das Hauptziel ist, dann sind wir Medien gut beraten, nüchtern, klar und eher zurückhaltend zu berichten.

Wenn Entsetzen das Hauptziel ist, darf aber auch nicht der Staat so tun, als könnte er die Lage mit den alten Instrumenten in den Griff bekommen. 

Amoklauf von München: Gewaltbilder im Internet verbreiten - ja oder nein?

Das komplette Gespräch sehen Sie bei www.dbate.de.

Islamistische Parallelwelten am Computer

Es gibt keinen Schutz vor irren Einzeltätern. Wer das behauptet, lügt. Aber es gibt Maßnahmen, die helfen, Schutz aufzubauen. Menschen, die von Kriegen und Gewalt traumatisiert sind, brauchen Therapien, um solche Traumata abzubauen. Junge Männer, für die sich niemand so richtig zuständig fühlt, driften bisweilen am Computer in Parallelwelten - was später erstaunlicherweise immer niemand gemerkt haben will. Da braucht es mehr Acht- und Wachsamkeit, von allen. Und wer hier nie ankommt, weil er nicht arbeiten darf, aber auch nicht zurück in die Heimat kann, trocknet in seiner Sinnlosigkeit ein.

Wer desintegriert ist und glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben, wird eher Täter. Gesellschaftliche Integration schützt. Alle, die hier leben.