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Terror-Experte zu Orlando-Massaker "Das IS-Logo soll die Tat aufwerten"

Der Tatort in Orlando und Terrorexperte Rolf Tophoven
Der Tatort in Orlando. "Das IS-Logo hat zu einer regelrechten Angstpsychose geführt", sagt Terrorexperte Rolf Tophoven
© Getty Images// Institut für Krisenprävention/DPA
Rolf Tophoven beschäftigt sich seit den 70er Jahren mit Menschen, die für Ideologien töten. Der Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen warnt vor voreiligen Schlüssen - und hat eine besondere Erklärung für den Attentäter von Orlando. 
Von Sophie Albers Ben Chamo

Herr Tophoven, gleich nachdem der Anschlag in Orlando bekannt wurde, wurde er als terroristisches Attentat identifiziert und instrumentalisiert...

Nach den Attentaten des IS auf Charlie Hebdo, auf das Bataclan, das Stade de France und den Flughafen in Brüssel kommt es natürlich sehr schnell zu reflexartigen Reaktionen. Besonders von Politikern - siehe Donald Trump. Aber natürlich muss man hier sauber trennen und analysieren. Fakt ist, dass der IS eine perfide Propaganda-Strategie fährt und auch solche Attentate als IS-Attentate deklariert, die nicht unbedingt IS-Attentate sind. Wiederum weiß ein Täter, dass er seine Tat durch ein "Allahu akbar" oder den Treueschwur zum IS aufwertet, selbst wenn er keine Verbindungen in diese Richtung hat. Durch das IS-Logo, das er seiner Tat aufdrückt, steigt nicht nur die internationale Aufmerksamkeit, sondern auch sein Selbstwertgefühl. IS als politische Ideologie klingt besser als sozioökonomische Gründe, Frustration oder eine zerbrochene Ehe.

Weil es am meisten Angst macht.

Das IS-Logo hat zu einer regelrechten Angstpsychose geführt. Und weil eben jeder wie die Schlange aufs Kaninchen auf den IS-Terror starrt, kommt es häufig zu reflexartigen, mitunter falschen ersten Einschätzungen. Allerdings wird es möglicherweise häufiger zu Attentaten dieser "einsamen Wölfe" kommen, wie bei dem aktuellen Anschlag in Paris, wo ein Mann einen Polizisten und dessen Frau ermordet hat. Diese IS-Strategie ist die Folge davon, dass es im eigenen Kriegsgebiet des selbsternannten Kalifats nicht mehr so gut läuft. Es gibt deshalb mehr Aufrufe, im Ausland anzugreifen. Dazu werden Männer und Frauen in Europa benutzt, die der IS-Ideologie folgen, wie zum Beispiel die junge Frau in Hannover, die einen Bundespolizisten angegriffen und schwer verletzt hat. Von der "Supermarke" IS fühlen sich viele angezogen und inspiriert. Andere wiederum, die eh etwas vorhatten, entscheiden sich eben in letzter Sekunde dazu, sich plötzlich mit dem Logo des IS zu "schmücken", um der ganzen Sache eine andere Dimension zu geben.

Wie unterscheidet man zwischen einem Hass-Verbrechen und Terrorismus?

Eine präzise Trennung ist auf den ersten Blick schwierig. Sie wird immer erst dann klar, wenn das Lebensprofil des Täters im Nachgang der Tat durchleuchtet wird. In Orlando sieht es ja mittlerweile so aus, als habe Omar Mateen sich nur zum IS bekannt, um seine Tat und sich selbst aufzuwerten. So sind die Nachwirkungen eben viel größer, als wenn er "nur" als gescheiterte Existenz gehandelt hätte.

Rolf Tophoven beschäftigt sich seit den 1970er Jahren mit Terrorismus - angefangen mit den Fedajin über die RAF bis zu den aktuellen Propaganda-Strategien des IS. Ab 1986 war er stellvertretender Leiter des vom langjährigen Leiter des Verfassungsschutzes in Hamburg, Hans Josef Horchem, gegründeten Instituts für Terrorismusforschung in Bonn, das 1993 aufgelöst wurde. Zwei Jahre nach den Anschlägen von 9/11 wurde es als Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik (IFTUS) wiedergegründet, das Tophoven seitdem leitet. Er ist Autor zahlreicher Bücher zum Thema Terrorismus und auch immer wieder TV-Talkrunden-Gast.


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