PKK-Geiselnahme "Es ging nur um Aufmerksamkeit"

Die Terrororganisation PKK hat ihre drei deutschen Geiseln frei gelassen. Aber zu welchem Preis? Die Bundesregierung bestreitet, dass Lösegeld geflossen ist. Terrorismusexperte Rolf Tophoven hält das für glaubhaft. Im stern.de-Interview erhebt er Vorwürfe gegen den Reiseanbieter.
Von Ulrike Klode

Helmut H., Martin S. und Lars Holger R. sind frei. Ihre Entführer haben sie auf einem Hügel am Berg Ararat zurückgelassen - und sind geflohen. Die Entführung der drei Deutschen fand so ein unspektakuläres, aber glückliches Ende. Aber zu welchem Preis? Hat die Bundesregierung Lösegeld gezahlt?

Bundeskanzlerin Angela Merkel gab am Sonntag eine ausweichende Antwort. "Sie wissen, dass wir alles tun, um die Geiseln frei zu bekommen", sagte sie. Gleichzeitig sagte Außenmininster Frank-Walter Steinmeier immer wieder: "Deutschland lässt sich nicht erpressen." Für die Bundesregierung ist die Lösegeld-Frage hoch brisant. Spätestens seit Deutschland in der internationalen Politik - auch mit dem Engagement deutscher Soldaten - wieder sichtbarer geworden ist, haben sich die Entführungen deutscher Staatsbürger gehäuft. Während die drei Bergsteiger auf dem Weg in die Heimat sind, befinden sich sechs weitere Deutsche in Geiselhaft: zwei Segler vor Somalia, zwei Ingenieure in Nigeria, ein Tischler in Afghanistan, ein Deutscher im Irak.

Hinzu kommt: Die Bundesregierung soll in der Vergangenheit in bestimmten Fällen Lösegeld gezahlt haben, sagen Insider. Insgesamt 20 Millionen Euro soll zum Beispiel die Befreiungsaktion von neun deutschen Geiseln in der Sahara im Jahr 2003 gekostet haben, auch wenn die Bundesregierung das nie offiziell bestätigt hat. Geld fließt in solchen Fällen nicht direkt aus der Staatskasse an die Entführer, sondern über Stiftungen, mit deren Hilfe das Geld an die Organisationen "geschleust" werde, sagt der Terrorismusexperte Rolf Tophoven stern.de. Mit der Entführung von Deutschen können Terroristen also zwei Dinge auf einen Streich erreichen: Eine Konfliktpartei treffen und den Kontostand aufbessern. Die Deutschen laufen nun Gefahr, zu einem beliebten Ziel der internationalen Entführungsindustrie zu werden.

Experte: Kein Lösegeld

Im Fall der von der PKK entführten Deutschen glauben Experten den Worten der Regierung dennoch. Nach Ansicht von Tophoven wurde im Fall der drei Bergsteiger kein Lösegeld gezahlt. "Hier sollten Überschriften produziert werden", sagt er, "es ging primär um Aufmerksamkeit." Ein Regionalfürst der PKK habe sich profilieren wollen, der Führung habe die Geiselnahme aber nicht gepasst - aus Imagegründen. Denn die Entführung habe der Reputation der Kurden geschadet, die für einen autonomen Staat kämpfen. Daher habe die PKK-Führung die Forderungen der Entführer auch nur halbherzig unterstützt. Die Entführer hatten gefordert, dass Deutschland "seine gegen das kurdische Volk und gegen die PKK gerichtete feindliche Politik aufgibt", wie es in einer Erklärung hieß. Die kurdische Terrororganisation ist nach Einschätzung von Experten längst nicht mehr so hierarchisch organisiert, wie sie es unter ihrem Anführer Abdullah Öcalan war, der seit 1999 im Gefängnis sitzt. Bisher lautete die Devise: Entführungen von Soldaten ja, zivile Geiseln nein.

Tophoven sieht die Verantwortung im Entführungsfall nicht nur bei der Bundesregierung, sondern auch bei den privaten Reiseveranstaltern. "Es ist sträflich leichtsinnig, sich in ein Gebiet zu begeben, wo ein bewaffneter Konflikt tobt oder schwelt." Die Region im Osten der Türkei ist seit Mitte der 80er Jahre umkämpft, der Berg Ararat war zwischen 1992 und 2000 wegen der PKK-Aktivitäten sogar komplett gesperrt. "Wer dort hinfährt, muss einkalkulieren, dass so etwas passieren kann", sagt der Experte vom Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen. Nach der Entführung war das Auswärtige Amt dafür kritisiert worden, dass es keine solche Warnung für das Gebiet ausgegeben habe. Doch Tophoven nimmt die Reise-Anbieter in die Pflicht: "Dass es keine Reisewarnung gab, ist kein Argument."


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