"Rommel" ist das neueste Geschichtsspektakel in der ARD - und höchst umstritten. Regisseur Niki Stein verteidigt Film und Drehbuch. Ein Gespräch über Grenzen, Brutalität und Geld.
Die Frage ist unglaublich deutsch. Präsentiert werden dürfen interessante Geschichten. Und die von Rommel gehört zweifellos dazu.
Der Film hat eine ganz klare Haltung. Rommel erscheint als durch und durch ambivalente Figur. Er ist der Durchschnittsdeutsche, der viel zu lange die Verbrechen des Regimes nicht wahrhaben wollte. Diese Verbrechen werden im Film immer wieder thematisiert. Da wird nichts relativiert oder verharmlost.
Vor der habe ich auch Respekt. Ich hätte auch die Geschichte des Karrieristen Rommel erzählen können, der besessen darum kämpft, Orden zu bekommen. Oder die der Propagandafigur, von der Goebbels gar nicht genug kriegen konnte. Aber natürlich greift man sich als Autor bei jeder historischen Figur den Moment heraus, in dem sich etwas ändert. Das mache ich bei Rommel, das hat Schiller bei Wallenstein gemacht. Das ist weder Geschichtsklitterung noch ein Geniestreich, sondern ganz normales Handwerk.
Aber wer bestimmt, ab wann wir was dürfen? Für mich ist das entschieden. Auch der Nationalsozialismus darf dramatisiert werden. Die Frage ist zunächst, welche Figur ist es wert. Himmler ist es sicher nicht wert. Rommel aber sehr wohl.
Natürlich. Das ist sein Handwerk. Das würde Ihnen George Clooney genau so erzählen. Das muss ein Schauspieler selbst tun, wenn er Hitler spielt. Sonst funktioniert die Sache nämlich nicht.
Sie sind das beste Beispiel für die Haltung, die hier gerade überwunden wird. Nämlich dass man den Nationalsozialismus in Deutschland nicht aus Tätersicht erzählen darf.
Wenn sie eine Geschichte dramatisieren, dann entsteht ganz automatisch Identifikation. Die Kunst ist es, diese Identifikation richtig zu führen. Bleibt dem Zuschauer die Empathie vielleicht auch mal im Hals stecken? Genau das habe ich gemacht.
Die Leute werden bewegt sein, wenn Rommel am Ende die Giftpille nehmen muss, seine Frau völlig entsetzt zusammenbricht und er auf dem Weg in den Tod seinem Sohn die Hausschlüssel gibt. Aber sie kriegen direkt wieder die NS-Propagandafigur um die Ohren gehauen, wenn ich zeige, wie das Regime den Selbstmord ausgenutzt hat. Man muss Rommels Wandlung immer in Bezug setzen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus und seiner eigenen Hitler-Begeisterung. Genau das tun wir.
Das ist genau das, was ich zeigen und erreichen wollte. Nehmen Sie die Szene mit Rommel und dem gefangenen englischen Offizier. Sie sitzen am Tisch und trinken Tee. Und Rommel sagt, machen wir doch Frieden. Der Engländer erinnert an die Judenfrage. Rommel antwortet, das sei Politik und gehe ihn nichts an, er sei Soldat. Das entlarvt ihn.
Sie sehen doch im Film Gewalt und Tod. Ich habe einen wirklichen Tabubruch begangen und gezeigt, wie General Stülpnagel, der zum Widerstand gehörte, mit der Drahtschlinge gehängt wird. Ich habe das bewusst getan, weil ich wenig Möglichkeiten hatte, die Brutalität des Regimes zu zeigen. Und die durfte nicht fehlen.
Das ist doch drin. Ich zeige zum Beispiel, wie Geiseln nach der Enttarnung der Comtesse als Resistance-Kämpferin abgeführt werden. Ursprünglich wollte ich den Film als Zweiteiler machen. Da wäre dann mehr Raum für ein Sittengemälde gewesen. Da hätte ich auch die Vernichtung des Dorfes Oradour durch die SS gezeigt, und wie Speidel sieht, dass russische Kriegsgefangene erschossen werden. Aber das ist keine Entschuldigung. Der Film zeigt, so wie er jetzt ist, durchaus das ganze Bild und nicht nur einen Ausschnitt.
Wenn in Deutschland Filme gemacht werden, reden wir auch immer über Geld. Ich hatte einfach nicht die Möglichkeiten wie in einer Hollywoodproduktion Millionen für ein paar sehr eindrückliche Minuten mit Kriegsszenen auszugeben. Wir hatten zwei Lastwagen und einen Panzer, den aber auch nur einen Tag. Natürlich wäre eine Szene denkbar, die noch eindrucksvoller die Brutalität des Krieges zeigt als die mit dem jungen Leutnant, der sich erschießt, als er schwer verletzt unterm Panzer liegt. Aber das ist bei begrenzten Budgets schwierig.
Ich nehme die deutsche Geschichte sehr ernst. Mein Vater hat sechs Jahre den Zweiten Weltkrieg mitgemacht, von 18 bis 24. Das ist für mich ein stetes Thema seit meiner Jugend. Natürlich haben wir immer gefragt: Warum habt ihr mitgemacht? Wir haben diese Generation in eine Ecke gestellt, aus der sie nicht rauskam. Das führt uns nicht weiter. Wir müssen versuchen zu verstehen - und zwar auch Dinge und Menschen, die wir ablehnen oder zu denen wir ein zwiespältiges Verhältnis haben.
"Rommel" - am 1. November, 20.15 Uhr in der ARD
"Rommel" Die Besetzung ist ein Traum, der Held einfach unwiderstehlich: Ulrich Tukur spielt "Rommel", Hitlers populärsten General. Zu sehen am am Donnerstagabend um 20.15 Uhr in der ARD. Gezeigt werden die letzten Monate im Leben des Erwin Rommel. An der französischen Atlantikküste soll der legendäre "Wüstenfuchs" die Invasion der Alliierten verhindern. Aber er weiß, dass der Krieg verloren ist. Die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 suchen seine Nähe. In Rommel, der Hitler verehrt und bewundert, wachsen schon länger Zweifel an der militärischen Strategie der Nazis. Der Feldmarschall versucht vergeblich, Hitler die Lage zu erklären. Drei Tage vor dem Attentat auf den Diktator wird Rommel bei einem Fliegerangriff schwer verwundet. Er ist geschwächt, verunsichert. Wenig später wird er von Hitler gezwungen, sich als mutmaßlicher Mitwisser der Attentatspläne selbst zu töten. Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein konzentriert sich ganz auf das Jahr 1944 - da sieht er das große Drama, die beste Geschichte. Tatsächlich funktioniert der Film. Er ist packend und bewegend. Aber zurück bleibt ein schaler Geschmack.