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Wie die Serie "Die Brücke" ihr Denken veränderte

In "Die Brücke - Transit in den Tod" spielt sie eine Kommissarin, die an Asperger leidet. Was macht das mit einem, Sofia Helin? Eine Begegnung mit der schwedischen Schauspielerin.

  Eine etwas andere Ermittlerin: Saga Norén (Sofia Helin) hat Asperger.

Eine etwas andere Ermittlerin: Saga Norén (Sofia Helin) hat Asperger.

Bei Vernehmungen schlägt sie Zeugen ins Gesicht, sie wechselt mitten im Büro ihr T-Shirt, ihr blondes Haar hängt struppig in die Stirn. Ihr Auto: ein olivfarbener Porsche, ihre Dienstkleidung: Lederhose, T-Shirt, Militärmantel. Ton in Ton. In Bars geht sie nicht zum Trinken, sie sucht jemanden für schnellen Sex, der nach dem Akt wieder abhauen muss. Dann zieht sie ihren Laptop hervor und schaut Videos aus der Pathologie, begutachtet eine zerstückelte Leiche.
Saga, so sagen ihre Kollegen, sei speziell.
Seit 2011 ermittelt Saga Norén als Mordkommissarin in der dänisch-schwedischen Serie "Die Brücke". Doch Norén ist keine Kommissarin Lund, kein Wallander. Sie hat Asperger, das Zwischenmenschliche liegt ihr nicht. Eine Heldin, die das Heldentum erklären kann, aber nicht fühlen.

  Make-up statt Militarymantel: Privat mag es Sofia Helin eher schlicht und elegant.

Make-up statt Militarymantel: Privat mag es Sofia Helin eher schlicht und elegant.

In einem Jugendstilhotel in Stockholm möchte man die Frau hinter Saga Norén treffen, die Schauspielerin Sofia Helin. Vielleicht hält man automatisch nach Military-Mantel Ausschau, jedenfalls läuft die 43-Jährige erst mal unerkannt vorbei. Doch die charakteristische Narbe auf der Oberlippe – fieser Fahrradunfall mit 24, ausgerechnet auf einer Brücke – hilft, sie zu erkennen. Sie hat ihr Haar zurückgesteckt, trägt eine Fellstola über der Seidenbluse.
Man muss dieses Genre mögen, in das "Die Brücke" hineingeschrieben wurde: Nordic Noir, wie es genannt wird, blutige Serienmordfälle vor einer grau verwaschenen Kulisse.
Helin wollte nie eine Kommissarin spielen. Doch je mehr sie über Saga erfuhr, desto größer wurde die Lust, die Rolle anzunehmen, die kaum weiter entfernt von ihrem privaten Ich sein könnte. Helin: sensibel, leise, verheiratet, zwei Kinder. Norén: rup- pig, kontrollmanisch, bindungspanisch.
Zur Vorbereitung studierte Helin Fachliteratur, sprach mit Betroffenen – und ging schließlich als Saga vor die Tür. Sie erinnert sich an eine Szene im Schwimmbad, ein Mann umwarb sie mit warmen Worten, da spürte sie plötzlich die Macht der Rolle. Helin erwiderte nichts, kein Lächeln, kein Wort: "Seine Reaktion glich der einer Blume beim Verwelken."

Psychologenbesuche als Teil des Jobs

Helin tauchte so tief hinein in ihre Rolle, dass sie das Gefühl hatte, ihr Hirn beginne vor Anstrengung förmlich zu brennen. "Ich spürte, wie die alten und neuen Denkmuster zusammenwuchsen", sagt sie. Tatsächlich könne sie inzwischen steuern, wie sie reagiere: rational wie Saga. Oder emotional wie Sofia.
Helin wuchs in einem Dorf 200 Kilometer westlich von Stockholm auf, ihr Vater arbeitete als Vertreter, die Mutter als Krankenschwester. Kurz nach ihrer Geburt starb ihr Bruder bei einem Unfall; die Eltern trennten sich, da war sie vier. Helin entwickelte eine chronische Asthma- Erkrankung, und mit zwölf besuchte sie zum ersten Mal einen Psychologen. Seitdem lässt sie sich behandeln. Sie sieht das als Teil ihres Jobs. Genauso, wie sie sich regelmäßig die Verspannungen der Saga Norén aus dem Körper massieren lässt. Vor neuen Rollen fahre sie häufig zur Kur, um loszulassen, den Kopf zu leeren. Und anschließendeineneueFigureinziehenzu lassen. Sie sagt: "Manche Menschen interessieren sich für Autos, ich interessiere mich für Emotionen." Andere Schauspieler hungern sich für eine Rolle herunter oder lassen sich eine Glatze rasieren – Helin werkelt an ihrer Psyche.

Die aktuelle Staffel, die seit dem vergangenen Sonntag im ZDF läuft, forderte Helin besonders. Saga Norén durchlebt eine dunkle Zeit. Nicht nur bekommt sie einen neuen Partner zugeteilt, auch wird sie gezwungen, sich aufs Neue mit ihrer komplizierten Familiengeschichte aus- einanderzusetzen. Schließlich verliert sie einen weiteren Vertrauten. In ihr erwacht Todessehnsucht.

Wenn sie Saga spielt, hat sie keine Zeit für den Alltag

Helin wusste schon vorher, so sagt sie, dass sie mit Saga untergehen muss – und rutschte beim Drehen selbst in ein Loch. "Wenn ich lange über den Tod nachdenke, hat das auch Auswirkungen auf meine Gefühle." Klar gebe es Schauspieler, die Emotionen der Arbeit nicht an sich heranließen, "aber ich weiß nicht, ob ich meinen Job dann überhaupt genießen würde".
Acht Monate dreht die Schwedin pro Staffel, an vier Tagen in der Woche. Dazwischen fährt sie zurück zu ihrer Familie. In Drehzeiten schreibt sie ihrem Mann und den Kindern sowie ihren Assistenten Listen mit Dingen, die erledigt werden müssen. „Ich muss Saga sein – und habe keine Zeit für den Alltag.“ Sie vergesse ihre PIN, einmal verlor sie ihren Führerschein.
Helin sagt, sie habe Saga Norén gehen lassen müssen. Ein schwieriger Prozess. Heißt das, Saga kehrt nicht zurück? "Nein, sie kommt gerade wieder hoch – bei allen Beteiligten der Serie." Im vergangenen Jahr sagte der Drehbuchautor in einem Interview, es könne sein, dass die dritte Staffel die letzte sei. Helins Lächeln nach zu urteilen, haben sich die Macher noch mal umentschieden, sagen will sie dazu aber nichts. "Wir wissen nicht einmal, ob die Brücke in 15 Monaten tatsächlich noch steht." Seit Anfang des Jahres werden Grenzkontrollen am Öresund durchgeführt. Auf der Pendlerstrecke zwischen Kopenhagen und Malmö, die Saga Norén in jeder Folge entlangjagt, kommt es seitdem zu großen Verspätungen – und noch größerem Unmut.
Als Sofia Helin sich verabschiedet und das Hotel verlässt, geht man zum Fenster – und hält Ausschau nach einem olivgrünen Porsche. Natürlich steht da keiner. Helin steckt sich Kopfhörer in die Ohren, schließt ihr Fahrrad auf und fährt davon.

Die dritte Doppelfolge der Serie "Die Brücke- Transit in den Tod" läuft am Sonntag um 22 Uhr im ZDF. Bereits jetzt kann man alle Folgen in der Mediathek ansehen.

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