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10. März 2008, 11:20 Uhr

Die Kinderleiche im Neckar

Der raubeinige Hamburger und der smarte Ehrgeizling, dazu noch zwei rassige Damen mit Migrationshintergrund: Um die Ära der schwäbischen Behäbigkeit von Kommissar Bienzle zu beenden, hat der SWR scharfe Typen, schnelle Autos und eine Kinderleiche aufgefahren. Von Kathrin Buchner

Beide sind sie Alpha-Männchen, die sich erst als Team zusammenraufen müssen: die neuen Stuttgarter "Tatort"-Kommissare© Stephanie Schweigert/SWR

Er redet ungern über sein Privatleben, kommt mit leichtem Gepäck von Hamburg nach Stuttgart, steht auf Porsche, hat ein Projektil auf seinem Schreibtisch und eine Vergangenheit als Undercover-Ermittler. Nicht ganz so mürrisch wie Bienzle ist er wohl, aber zumindest in der Wortkargkeit sind sie sich nicht unähnlich, der alte und der neue Stuttgarter Kommissar Thorsten Lannert, gespielt von Richy Müller. Ein Ermittler in bester Schimanski-Tradition, raubeinig, unkonventionell und hemdsärmelig, einer, dem Autoritäten und Dienstvorschriften egal sind, der einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hat und der den Fuß ungern vom Gaspedal nimmt.

Damit der Testosteron-Spiegel erträglich bleibt, hat dieser Lannert einen Partner bekommen. Sebastian Bootz (Felix Klare) ist ein zartgliedriger Emporkömmling mit ebenmäßigem Teint und Ehrgeiz, ein Durchstarter mit Bilderbuch-Familie, hübscher Frau und zwei niedlichen Kindern.

Der raubeinige Fischkopp und der smarte Karrierist. Das ist das neue Ermittler-Duo für Stuttgart, die gegen die schwäbische Behäbigkeit Bienzles antreten. Ergänzt wird das Herren-Duo von zwei schneidig-rassigen Damen mit Multi-Kulti-Hintergrund: Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) und Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Miranda Leonhardt). Das Interesse für das neue Power-Duo war groß: 7,9 Millionen Zuschauer sahen zu, so viel wie bei keinem anderen "Tatort" in diesem Jahr.

Auch die Thematik des ersten Falles in der "Tatort"-Folge "Hart an der Grenze" entspricht dem Zeitgeist: Es geht um illegale Adoptionen, womit sich zahlungswillige Paare gehobenen Alters ihren Kinderwunsch verwirklichen. Tragische Geschichten von verzweifelten Paaren, die von skrupellosen Geschäftsmännern ausgenommen werden. Eines dieser Kinder landet als Leiche im Neckar, was Lannert und Bootz auf die Spur von Kinderhändlern bringt.

Miami-Vice-Flair in der Schwaben-Metropole

So modern das Thema ist, so konventionell ist die Umsetzung der Geschichte: Am Anfang ist die Leiche, dann werden Verdächtige verhört, ein paar pseudo-moralische Floskeln werden mit skrupellosen Geschäftemachern ausgetauscht, "goldene Nase mit der Not der Menschen verdienen", es gibt eine rasante Verfolgungsjagd, im Zuge derer Lannert den schicken Sportwagen schwäbischer Herkunft der Staatsanwältin zu Schrott fährt - ein bisschen Miami-Vice-Flair in der Schwaben-Metropole. Und die bösen Kinderhändler kommen aus dem Osten.

Knie tätschelnd auf dem Adoptions-Sofa

Die schönste Szene des gesamten Krimis: Als die beiden Kommissare sich als schwules Pärchen ausgeben und für die Ermittlungen ihre Berührungsängste und ihr gockelhaftes Reviergehabe über Bord werfen, um sich auf der Couch der Adoptionsagentur gegenseitig die Knie tätscheln. Das hätte Bienzle nie zugelassen.

Trotzdem: Nur weil kein Schwäbisch mehr gesprochen wird und rasante Schlitten ums Stuttgarter Schloss rasen, ist noch keine Revolution geschehen. Dazu braucht es schon kreativere Inszenierungsideen. Die erste Lannert-Bootz-Folge ist ein Neustart, zweifelsohne, aber noch lange nicht der große Wurf.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
poncho72 (12.03.2008, 17:53 Uhr)
Kult Status möglich!
Habe schon lange nicht mehr einen so guten Tatort gesehen. Echt klasse! Schauspieler sind echt klasse... Der Bienzle war nicht mehr ganz frisch. ;o)
GordonBleu: Achja...die Nörgler...Schleichwerbung hin oder her..dann muss man ja alles abkleben demnächst. Authentisch soll ein Film sein... Das man sich an sowas aufhängen tut...tse tse tse...
GordonBleu (11.03.2008, 08:08 Uhr)
mercedes werbefilm
nachdem dem tatorte aus hannover wohl von vw gesponsort werden, hat in stuttgart mercedes die regie übernommen. tolles rotes coupe zielsicher in szene gesetzt, von innen , von außen. oder sollte das mehrmalige zeigen des formschönen armaturenbrettes etwa einen dramaturgische effekt gehabt haben? und wie sicher dieses auto ist, wissen wir jetzt auch. der kommissar hat sich nach dem frontalcrash nur ein klein wenig an der hand verletzt. wer überwacht eigentlich schleichwerbung im tv?
brigittelebecq (10.03.2008, 22:52 Uhr)
Erste Sahne
Das war der beste Tatort, den ich je gesehen habe! Und ich habe schon viele gesehen. Musste am Ende weinen. Und Felix Klare sah sooo süß aus!
hevosenkuva (10.03.2008, 16:53 Uhr)
Nicht gesehen den neuen Tatort,
aber ich fand Bienzle gut. Um hier mal eine Gegenstimme zu erheben, liebe Action-Fans :o)
woris (10.03.2008, 16:20 Uhr)
Tat
Alles schön und gut.Muss sich erst entwickeln.Nur wenn mir ein Russe im Ausland wie bei einem Duell eine Pistole entgegenhält schieße ich nicht in die Luft.Das könnte der Ganster missverstehen und mich einfach erschießen.Kam ja eh davon.
Also bitte mehr Realismus.
Dizzydevil (10.03.2008, 13:37 Uhr)
Ganz ok
Als ich hörte, dass ausgerechnet im ersten neuen tatirt aus dem Shwabenländle die Kommissare einen auf schwul machen sollte, war ich als Homosexueller sehr skeptisch. Zu plump, zu vorurteilsbeladen kamen ähnlich gelagerte Tatorte bisher daher. Als dann noch die Kinderleiche auftrat schwor ich als eingefleischter Tatortfan mir, wenn Homosexuelle wieder mal als "KiFi"s herhalten müssen, fällt dieses Team komplett durch.
Somit hat sich zumindest in diesem Belang bei mir meine Hoffnung erfüllt. Der Karriere-Kommissar ist mir ein bisschen zu glatt und die Staatsanwältin ein bisschen zu gestylt, aber ansonsten hat mich die geschichte und deren Umsetzung überzeugt. Ich freue mich auf weitere Fälle!
OskarRumpel (10.03.2008, 13:36 Uhr)
Man
könnte fast sagen, dass alles besser ist als Oberlangweiler Bienzle.
Der T gestern war ein gelungener Einstieg - und das beste ist, dass reichlich Entwicklungspotential möglich ist. Ich bin jedenfalls bereits jetzt schon auf die nächsten Folgen gespannt.
rynaldo (10.03.2008, 13:30 Uhr)
Stangenware
Richy Müller war OK - das war alles. Alles ist jetzt zeitgeistmäßige Stangenware. alles muss im Teamgeist erledigt werden, Verfolgungsflüge mit Hubschrauber, Die Staatsanwältin sieht aus wie aus der RAMA-Reklame und fährt - auf Staatskosten - einen 100.000 Euro Mercedes. Ich hoffe ja nicht, dass das die Wirklichkeit ist. Mir sind die "einsamen Wölfe" als Ermittler tausendmal Lieber. Und auch der alte Bienzle war besser. Jeder, der Mal in Stuttgart gewohnt hat, weiß warum.
rudispitzmuelli (10.03.2008, 12:44 Uhr)
das könnte aber Kultstatus erlangen
ich fands gut, das könnte noch Kultstatus erlangen. Die Mischung machts doch, und die hat gestimmt, inkl. feinsinniger, anspielender Humor. Bis hin zur Pinocchio-Unterschrift. Wer Richy Müller im Profil sah, hats verstanden. Und er nimmt sich somit auch nicht zuuu ernst. Weiter so!
Clibanarius (10.03.2008, 12:18 Uhr)
Endlich...
...,ich konnte die bisherigen Stuttgart-Tatorte mit dem langweiligen Bienzle nicht ausstehen. Fand allein seine Erscheinung ala Möchtegern-Philipp-Marlowe mit Mantel und Hut unsympathisch, arrogant und mitunter herablassend gegenüber Kollegen und Verdächtige, ziemlich unglaubwürdig sowas. Völlig das Gegenteil dagegen mit der markanten und sehr sympathischen Erscheinung von Richy Müller, der sowohl seine komische als auch ernsthafte Spielweise vielfach beweisen konnte. Freue mich auf weitere Schwaben-Tatorte: Im übrigen eine Rangliste der besten Tatorte nach den Städten:
1. Köln
2. Münster
3. München
4. Ludwigshafen
5. Frankfurt
...der Rest unter ferner liefen bzw. unwichtig.:o)
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