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3. Oktober 2010, 21:45 Uhr

Klischee-Krimi im Knast

Diesmal ging es für die beiden Kommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic in den Knast. Der Münchner Tatort lieferte zwar solide Abendunterhaltung - doch überraschend war der Plot nicht. Lediglich eine grandios spielende Anneke Kim Sarnau verlieh dem psychologischen Krimi Spannung und Tiefe. Von Lea Wolz

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Stoßen im Knast auf eine Mauer des Schweigens: die beiden Hauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec)© Bayerischer Rundfunk

München, Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Mit einem Schraubenzieher bedroht der Gefangene Nic Schuster (Sascha A. Gersak) seinen Mithäftling Charly Bause (Heinz-Josef Braun) und versucht, aus dem Gefängnis zu fliehen. Ein Haftkoller? Kurz vor seiner Entlassung? Die beiden dazu gerufenen Hauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind verwundert. Einen Tag später ist Schuster tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Hat er sich den goldenen Schuss bewusst gesetzt? Oder hat ihm jemand die tödliche Dosis untergejubelt? Der Vorfall wird immer mysteriöser, denn gleichzeitig glückt einem anderen Gefangenen der Ausbruch. Hassan Adub (Medhi Nebbou), halb Algerier, halb Franzose, ist auf der Flucht.

Etwas ist also faul in Stadelheim, das merken nicht nur die beiden Münchner Kommissare schnell. Doch der Plot, mit dem "Die Heilige" (Regie: Jobst Christian Oetzmann; Buch: Magnus Vattrodt und Jobst Christian Oetzmann) aufwartet, ist nicht gerade originell. JVA-Angestellte liebt Häftling und verhilft ihm zu einem Leben in der Freiheit. Ihr Motiv: nicht nur Liebe, auch Menschlichkeit und Mitleid. Denn das System Knast ist brutal. Härte zählt, wer sich nicht wehrt, ist "Freiwild", wird gequält. Soweit, so häufig gesehen.

Viel Personal, wenig Spannung

Daneben ist der Münchner Tatort mit Erzählsträngen und Figuren überfrachtet. Da ist der Gefängniswärter, der plötzlich unter Verdacht steht, weil er den Häftling Nic Schuster nachts noch duschen ließ. Wohl wissend, dass dort jemand Stoff deponiert hat, und der Gefangene sich in erster Linie einen Schuss setzen will. Da tauchen die alten Kumpels des Gefängnisflüchtlings Hassan auf, mit denen dieser noch eine Rechnung offen hat. Da ist der Häftling Schuster, der Hassan Schutzgeld zahlt, damit er ihn vor der Brutalität der Mithäftlinge schützt. Der von dem Fluchtplan Wind bekommt und daher Charly Bause androht, Marie zu vernichten, wenn er ihn nicht ebenfalls mit aus dem Gefängnis schleust. Und schließlich gibt es den ruhigen Charly Bause, der lebenslänglich sitzt und nach eigener Aussage nichts zu verlieren hat. Die Beamtin Marie Hoflehner (Anneke Kim Sarnau) verehrt er als "Maria" der Anstalt und wird für sie zum Fluchthelfer von Hassan. Er ist es auch, der Schuster umbringt, bevor dieser die Fluchtpläne vereitelt. Am Rande taucht auch noch eine Geliebte von Schuster auf.

Das alles macht "Die Heilige" komplizierter, als es nötig wäre. Wirklich grandios ist Anneke Kim Sarnau als JVA-Angestellte Marie Hoflehner. Überzeugend spielt sie die akkurate und korrekte Beamtin, die aus Liebe ihren Job riskiert und alles aufs Spiel setzt. Dabei sind es vor allem die kleinen Gesten, die Details, die der Figur psychologische Tiefe geben. Liebevoll hat sie für Hassan Duschgel, Rasierzeug, Handtücher und Haarbürste bereitgelegt, als dieser nach der Flucht im Haus ihres verstorbenen Vaters untertaucht. Ihre Gesichtszüge lösen sich in seiner Gegenwart sichtlich, das Gesicht bekommt Farbe. Es ist dieser weiche Kern, der sie zur Fluchthelferin werden lässt. Zu beobachten, was der Knastalltag aus Menschen macht, fällt Marie Hoflehner schwer. Und Hassan, meint sie, habe eine zweite Chance verdient. Statt wie vereinbart nach Algerien - in seine angeblich so geliebte Heimat zu reisen - bleibt der allerdings in Deutschland und beschert der Beamtin eine Menge Ärger und eine abgrundtiefe Enttäuschung.

Neben einer eindrucksvoll spielenden Sarnau bleiben noch die guten Kameraeinstellungen und die Erzählweise in Erinnerung. An manchen Stellen wechselt das aktuelle Geschehen in schnellen Schnitten mit Rück- oder Vorausblicken ab, so dass ein interessantes Erzählgeflecht entsteht. Die Farben sind passend zum Knastalltag überwiegend düster und kalt, in warme Töne sind vor allem die Liebesszenen getaucht.

Trotzdem ist "Die Heilige" nur ein mittelmäßiger Tatort. Zu vorhersehbar ist der Plot an vielen Stellen, zu überfrachtet die Handlung, zu bemüht viele Kommissarswitze. So fesselt vor allem das authentische Spiel von Sarnau. Dagegen bleiben die beiden Ermittler, die das Geschehen eigentlich vorantreiben sollten, leider oftmals so grau wie ihr Haupthaar. Schlüssig ist daher, dass die letzte Einstellung ebenfalls Sarnau gehört - mit einer dann doch noch überraschenden Wendung.

Von Lea Wolz
 
 
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