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Telio Hohe Gebühren, Erpressung, Drogenhandel: Das Geschäft mit den Gefängnis-Telefonen

Ein Telio-Apparat in einer Haftanstalt
In Haftanstalten werden die Telefone oft von Telio gestellt.
© Christian Charisius / DPA
Wer im Gefängnis sitzt, hat viel Zeit - und wenig Kontakt nach draußen. Da wird jede Minute am Telefon wertvoll. Und damit zur Handelsware. Auch für Dinge, die man eigentlich gar nicht haben sollte.

Wer einsitzt, hat die Qual der Wahl beim Telefonanbieter nicht, sondern nur den, den die Justizvollzugsanstalt stellt - und ist meist froh, überhaupt telefonieren zu können. Der wichtigste Anbieter in Deutschland ist Telio. Das Unternehmen bezeichnet sich auf seiner Webseite stolz  als "Europas Marktführer für Telefonanlagen im Justizvollzug". Die Insassen benutzen die Telefone praktisch wie eine Telefonzelle, statt einer Karte oder Geld geben sie eine persönliche PIN ein. Auf das damit verbundene Konto können Angehörige per Paypal oder Überweisung Geld einzahlen.

Streitgrund Telefon im Gefängnis

Pro Station gibt es in der Regel zwei Telefone, erzählt ein langjähriger Angestellter einer Hamburger Justizvollzugsanstalt, der anonym mit uns gesprochen hat. Die beiden Geräte würden dann von 25 bis 35 Insassen geteilt. "Wenn da mal eines kaputt ist, sorgt das natürlich für richtig Ärger. Da wird dann der Platz in der Schlange gekauft oder ein anderer fürs Warten bezahlt. Wenn sich dann einer vordrängelt, geht das auch bis zur tätlichen Auseinandersetzung." Auch, dass oft aus technischen Gründen gar kein Gespräch zustande käme, sorge für Frust. "Das kommt auf das Netz an. Bei O2 gibt es oft gar keine Verbindung zu Telio."

Die Justizbehörde erklärte auf Anfrage zu Problemen lediglich: "Die von der Firma Telio angebotene Gefangenentelefonie funktioniert reibungslos." In Bezug auf die Streitigkeiten hieß es: "Das Telefonangebot ist ein wichtiges Element, um den schädlichen Folgen des Freiheitsentzuges durch die Möglichkeit der Aufrechterhaltung sozialer Kontakte entgegenzusteuern. Es trägt zum Abbau von Problemen bei. Streitigkeiten über das Telefonangebot sind die Ausnahme." 

Telefonzeit gegen Drogen

Auch der Angestellte sieht die Telefone trotz der Probleme grundsätzlich als positiv für den Gefängnisalltag an. Umso unverständlicher erscheint es ihm, dass Teilen der Insassen nur ein bestimmtes Zeitkontingent zum Telefonieren zur Verfügung steht. "Die dürfen dann zwölf Stunden telefonieren - im Monat. Ohne Whatsapp, ohne Messenger. Das ist verdammt wenig, vor allem, wenn man noch ein intaktes Familienleben hat." Andere, etwa im offen Vollzug, können unbegrenzt mit der Familie sprechen.

Die Behörde sagt dazu: "Die Gewährung der Telefonzeit erfolgt entsprechend den gesetzlichen Vorgaben. Zeitliche Vorgaben sind teilweise erforderlich, um allen Gefangenen das Führen von Telefonaten zu ermöglichen. Darüber hinaus kann es zu Begrenzungen aufgrund gerichtlicher Anordnungen oder im Jugendvollzug aus erzieherischen Gründen kommen."

Angesichts der Beschränkung, ist es eigentlich kein Wunder, dass die Telefonzeit gehandelt wird - auch gegen illegale Stoffe. "Viele sind drogensüchtig, die würden alles tun, um mehr Stoff zu bekommen." Dabei wurde die PIN eingeführt, weil man so die illegalen Geschäfte mit Telefonkarten unterbinden wollte, erzählt unser Insider. "Da hat sich aber nichts geändert. Dann lässt halt der eine auf den anderen seine Nummer eintragen und der muss dann Geld einzahlen. Ganz schlimm ist es bei der Drogenproblematik. Wenn dann Leute deswegen verschuldet sind, wird das dann eben nicht über Geld beglichen, sondern über Telio." Andere würden auch erpresst oder bedroht, die PIN herauszugeben. "Aber das ist genauso wie beim Einkauf letztlich. Der wird ja auch abgetreten." Die Justizbehörde will von solchen Fällen keine Kenntnis haben.

Handy? Funktioniert problemlos

Ganz allgemein wäre die Kontrolle längst nicht so streng, wie es angemessen wäre, beklagt der Angestellte. Abhören könnte man die Gespräche nur per Gerichtsbeschluss. Dazu würde es aber nur in extremen Ausnahmefällen kommen. Anlass zum Verdacht gäbe es seiner Ansicht nach genug. Die Insassen würden aber ohnehin völlig offen am Telefon sprechen - auch über Drogenhandel. Selbst, wenn andere in Hörweite wären. Die Behörde will sich zur Abhör-Praxis nicht äußern.

Und dann sind da noch Handys und Smartphones. Die sind zwar offiziell verboten, wie uns die Behörde bestätigt, funktionieren einmal reingeschmuggelt aber völlig normal. Dabei bietet Telio auch einen Mobilfunkblocker an. "Den setzt in Hamburg aber keiner ein - weil dann die Handys der Angestellten auch nicht mehr funktionieren würden", glaubt der erfahrene Mitarbeiter. Die dürften nach Angabe der Justizbehörde in den Anstalten zwar gar keine privaten Mobiltelefone benutzen. "Ich kenne aber kaum einen Kollegen, der sein Handy nicht in der Seitentasche hat."

Dass Häftlinge Handys besitzen, ließe sich der Behörde zufolge nicht vollständig verhindern. "Die Hamburger Justizvollzugsanstalten ergreifen angemessene Maßnahmen, um das Verbot von Mobiltelefonen durchzusetzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mobiltelefon entdeckt wird, ist groß." Genaue Details dürfe man aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Dazu gehört wohl auch die Frage, warum man keine Mobilfunkblocker benutzt, obwohl die Behörde betont, dass das rechtlich möglich wäre - und weder Insassen noch Angestellte die Geräte benutzen dürfen.

Soziale Kontakte zum hohen Preis

In der Vergangenheit verlangte Telio für seinen Dienst enorm hohe Gebühren, bis zu 2,60 Euro die Minute konnten bei Anrufen in bestimmte Länder anfallen. Mehrere Betroffene klagten dagegen, am Ende entschied im Herbst 2017 sogar das Bundesverfassungsgericht, dass Telio nur noch marktübliche Preise verlangen darf. 

Doch auch die sind nach Ansicht unseres Insiders noch zu hoch. "Viele haben ja gar kein Festnetz mehr, es geht alles über Handy. Und da sind Anrufe immer noch viel zu teuer. Da kann man locker auf 50-100 Euro in einer Woche kommen, wenn man eine halbe Stunde am Tag telefoniert. Und dann sitzen die Insassen etwa beim Ausländerberater oder dem Pastor und fragen, ob sie nicht da telefonieren können."

Bei der Hamburger Justizbehörde sieht man die hohen Gebühren nicht als Problem. "Es ist den besonderen Bedingungen der Gefangenentelefonie geschuldet, dass die Gebühren höher als außerhalb des Justizvollzugs ausfallen können", erklärte man uns auf Anfrage. Gelegentliche Beschwerden über die Kosten gäbe es nur von etwa einem Prozent der Insassen.

Problem im System

Telio an sich ist natürlich nicht das Problem. Bei anderen Anbietern wie Gerdes, der ebenfalls mit Hamburger Justizvollzugsanstalten zusammenarbeitet, dürfte der Dienst genauso missbraucht werden. Auf die Frage, ob ein Aufbrechen der Monopol-Situation in den Gefängnissen der Lage helfen könnte, antwortet unser Informant klar: "Nein, dann würde es eben an anderer Stelle weitergehen. Die Situation an sich ändert sich ja dadurch nicht."


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