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28. November 2010, 21:46 Uhr

Tukur zwischen Terror und Tumor

Zum 40. Jubiläum hat sich der "Tatort" einen neuen Ermittler gegönnt - und was für einen! Ulrich Tukur als Felix Murot ist die aufregendste Figur, die die Krimireihe seit Langem zu bieten hat. Dazu war der erste Fall kinoreif in Szene gesetzt. Da störte auch die verworrene RAF-Geschichte nicht. Von Carsten Heidböhmer

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LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) taucht am Edersee tief in die Geschichte des bundesdeutschen Terrorismus ein© HR/Johannes Krieg

Am Anfang steht eine Haselnuss. Sie ist verantwortlich für die ungewöhnliche Realitätswahrnehmung des neuen Mitglieds der "Tatort"-Familie. Felix Murot (Ulrich Tukur), Ermittler beim Landeskriminalamt in Wiesbaden, erhält zu Beginn der Folge von seiner Ärztin die Diagnose, dass sich in seinem Kopf ein haselnussgroßer Gehirntumor befindet. Ob gut- oder bösartig wird er jedoch nicht mehr erfahren - er verlässt das Krankenhaus und macht weiter als sei nichts geschehen. Einzig seiner Sekretärin Magda Wächter (Barbara Philipp) erzählt er davon bei einer gepflegten Zigarette auf dem Balkon - man will sich vom Tumor ja nicht den Spaß am Leben verderben lassen.

Doch durch die Haselnuss ändert sich seine Wahrnehmung. Er kann nicht nur besser riechen und schmecken, er rutscht auch in eine surreale Welt hinein. Lange Phasen dieses "Tatorts" folgt die Kamera Murots Blickwinkel. Im Hintergrund tauchen immer wieder Fetzen von 40er-Jahre-Musik auf, die Welt dringt nur noch gedämpft an ihn heran. Ständig fragt man sich: Ist das jetzt Realität - oder geschieht das alles nur in Murots Kopf?

Murot wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert

Ein Mordfall führt den LKA-Ermittler an die Stätte seiner Kindheit zurück, einen kleinen Ort am nordhessischen Edersee. Ein Journalist wird tot in einem Ruderboot gefunden. Er wurde mit einer Waffe erschossen, die aus dem RAF-Umfeld stammt. Während die lokale Polizei von einem Selbstmord ausgeht, ermittelt Murot auf eigene Faust und mietet sich in der Pension ein, wo der Tote zuletzt abgestiegen war. Er war offenbar einer untergetauchten RAF-Agentin auf der Spur. Eine brisante Geschichte - so brisant, dass Murot Anweisungen kriegt, die Ermittlungen ruhen zu lassen. Was er selbstverständlich nicht befolgt.

Am Edersee, wo sein Vater eine Kirchengemeinde leitete, wird Murot auch mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Und der Zuschauer lernt den neuen Ermittler besser kennen. Er ist ein Moralist, ein altmodischer Einzelgänger, der ein antiquiertes Auto fährt und noch an das Gute im Leben glaubt. Auf die Frage, weshalb er damals Polizist geworden ist, antwortet der Pfarrersohn: "Es geht um Erlösung - Familientradition." In der geheimnisvollen Pensionswirtin Jana Maitner (Martina Gedeck) glaubt er, seine Jugendliebe Lilly zu erkennen. "Wie einst Lilly" ist auch der Titel dieser "Tatort"-Folge. Aber ist sie es wirklich - oder existiert die Ähnlichkeit nur im Kopf? Immer wieder verzerrt ihm der Tumor die Erinnerung. Später wird er ihn Lilly nennen.

Ähnlich wie Felix Murot wird auch Jana Maitner mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: Die Pensionswirtin war früher RAF-Terroristin und gleichzeitig Spitzel für den Verfassungsschutz. Jetzt lebt sie unter einer neuen Identität. Weil ein Journalist genau das aufdecken wollte, musste er sterben. Wie Murot herausfindet, ist ein früherer Kollege vom BKA involviert - und liquidiert alle, die von der Sache wissen könnten.

Verschwörungs-Thriller à la Hollywood

Es ist faszinierend, wie hier die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung ständig verschwimmen. Der Kameramann Bernd Fischer unterstützt diese einzigartige Atmosphäre, indem er bedrückend schöne Bilder einfängt. Wenn der Morgennebel über dem Edersee dampft, wünscht man sich eine große Kinoleinwand anstelle des heimischen Fernseher. Auch das Schauspieler-Ensemble sprengt den Rahmen einer üblichen "Tatort"-Folge: Neben Gedeck und Tukur sind in weiteren Rollen Hochkaräter wie Vadim Glowna, Martin Brambach, Fritzi Haberlandt und Lars Rudolph zu sehen.

Das Debüt des 102. "Tatort"-Ermittlers, der fast auf den Tag genau 40 Jahre nach der ersten Folge "Taxi nach Leipzig" auf Sendung geht, gehört zum Besten, was die Reihe hervorgebracht hat. Da stört auch der etwas überzogene Fall kaum. Drehbuchautor Christian Jeltsch und Regisseur Achim von Borries haben einen Plot konstruiert, der deutliche Parallelen zu dem Fall des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Buback und der Terroristin Verena Becker aufweist. Borries und Jeltsch präsentieren hier ihre eigene Version der Geschichte: Becker/Gedeck war demnach eine Informantin des Verfassungsschutzes, die mit Billigung des Staates an Morden beteiligt war. Soweit mag sich die Geschichte tatsächlich zugetragen haben, das Oberlandesgericht Stuttgart klärt genau diese Frage in einem aktuellen Prozess gegen Becker. Doch dass die Staatsmacht 30 Jahre später zum Äußersten greift und alle Wissensträger liquidiert - das erinnert eher an Verschwörungs-Thriller à la Hollywood als an die viel beschworene Realitätsnähe der "Tatort"-Reihe.

Dennoch: Angesichts der optischen wie akustischen Qualitäten und der großen Originalität der Ermittlerfigur nimmt man diese Schwächen gerne hin. Tukur hat bereits angekündigt, die Figur des Felix Murot weiterzuentwickeln. Zumindest einen zweiten Fall wird es geben, das Drehbuch liegt schon vor. Man darf also auf die weitere Genese der Haselnuss gespannt sein. Sie könnte noch einmal entscheidend in das Leben des Felix Murot eingreifen. Im stern.de-Interview hat Ulrich Tukur nämlich Konsequenzen angedroht für den Fall, dass seine Figur nicht beim Publikum ankommt: "Dann würde ich ihn sterben lassen." Hoffen wir, dass es dazu nicht so bald kommt.

Von Carsten Heidböhmer
 
 
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