Gähnen mit Super-Guru Markus Lanz

9. Dezember 2012, 07:40 Uhr

Nena spricht über den Lotus-Effekt, Maria Furtwängler über Schlüpfer. "Wetten, dass..?" garantierte mal wieder den TV-Schlaf - Markus Lanz hielt es trotzdem für eine "vollkommen ausgeflippte Sendung". Von Sylvie-Sophie Schindler

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Lanz zeigt, was er (nicht) hat: Zur Einlösung seiner Wettschuld trat der Moderator mit dem Chippendales auf und präsentierte einen aufgemalten Waschbrettbauch.©

Babyübelkeit bei Herzogin Kate, knapp 98 Prozent für Angela Merkel, vorweihnachtliches Power-Shopping – die Woche war wirklich hart genug, da muss jetzt nicht noch einer daherkommen und was draufsetzen. Insofern hat Markus Lanz in seiner dritten "Wetten, dass..?"-Sendung, dieses Mal live aus Freiburg, alles richtig gemacht (Protokoll der Show). Der Moderator sparte sich jeden Aufreger, nichts, was das Herz unnötig in Wallung brachte.

Auch die Gags waren nicht zum Lachen da. Und jeder Party-Smalltalk ist garantiert tiefschürfender als es das Blabla mit den Couch-Gästen an diesem Abend war. Exerzierte Langeweile, bitte, das kann auch nicht jeder. Im Vergleich zu Lanz’ Samstags-Show ginge sogar "Die Sendung mit der Maus" als Thriller durch. Danke, sehr rücksichtsvoll, auch Glühwein-Geschädigte konnten so im Fernsehsessel völlig ungestört ihren Rausch ausschlafen. Und das Gesundheits-Plus für alle: extrem Adrenalin schonend.

Wenn das in Zeiten des Burn-Out keine guten Nachrichten sind. Immer mehr Menschen wollen ja ihre Ruhe finden, man wandert sich auf dem Jakobsweg die Füße wund, treibt sich in kargen Klosterzellen herum und schmeißt zig Euro diversen Coaches in den Rachen, damit die einem zeigen, wie das mit der Entschleunigung geht. Wozu nur dieser Aufwand? Mit "Wetten, dass..?" kommt man schneller zum Ziel, vielleicht ist der TV-Oldie sogar die Keimzelle einer neuen spirituellen Bewegung – und Markus Lanz demnächst Deutschlands Super-Guru.

Vielleicht klingt das böse, vielleicht sogar übertrieben. Doch letztlich kommen wir nicht an der Frage vorbei: Was wollen wir eigentlich, wenn wir "Wetten, das..?" schauen? Für Tod durch Dauer-Gähnen sind wir eindeutig zu jung. Oder nehmen wir in Zeiten der Mega-Krisen sogar das in Kauf, weil wir heilfroh sind um jedes Bisschen, das uns Sicherheit vermittelt? Mag der Euro noch so heftig wackeln, "Wetten, dass…?" hält beständig Kurs.

Alice Schwarzer feiert lieber Geburtstag

Kaum bewegte sich die Couch, neuerdings ein fahrbares Modell, freute sich Lanz: "Das ist eine vollkommen ausgeflippte Sendung." Die ursprünglich eingeladene Alice Schwarzer kam trotzdem nicht, sie ließ wissen, sie feiere ihren Geburtstag. Damit verpasste sie leider auch das Ranking um das schönste Kleid. Doch wie sich entscheiden, wenn Nena und Maria Furtwängler sehr ähnliche Modelle trugen?

Andererseits, warum überhaupt darüber reden? Nena wiegelte gegenüber Lanz ab: "Es gibt wichtigere Themen." Er solle doch bitte nicht so ein "dickes Ding" draus machen. Maria Furtwängler konnte sich trotzdem den Kommentar nicht verkneifen, dass "man nicht will, dass man den Schlüpfer sieht", also den unter dem Kleid. Das wiederum wurde dem Lanz zuviel, er würgte sofort ab. Später schwärmte er lieber über die trainierten Oberarme von Sängerin Pink und begeisterte sich nach einem Auftritt von Alicia Keys mit "Was für ein schöner Abend für mich heute". Gratulation! Andererseits, wenn Sendungen nur noch dem Privatvergnügen ihrer Moderatoren dienen, sollte überlegt werden, ob das Geld für die GEZ sinnvoll investiert ist.

Lebensphilosophie einer Dauer-Gutgelaunten

Viel Pink, viel Glitzer: Cindy aus Marzahn, die von Lanz titulierte "Weihnachtsassistentin", tauchte wieder auf der Bildfläche auf. Schnodderig wie immer, mal mehr, mal weniger komisch, aber niemals krampfhaft um einen Witz bemüht. Lanz' Verbissenheit wird man vergeblich bei ihr suchen. Wohltuend einerseits. Trotzdem wurde man das Gefühl nicht los, als wüsste sie selbst nicht, ob sie in dieser Sendung wirklich richtig ist.

Auch Nena mag sich eventuell fehl am Platze gefühlt haben. Anfänglich noch in Plauderlaune, verstummte im Laufe des Abends die sonst Dauer-Gutgelaunte. Denn Lanz wusste weder ein- noch umzugehen mit den Lebensphilosophien der Sängerin. Nena sprach beispielsweise über den Lotus-Effekt, der ihr helfe, etwa Gerüchte an ihr abperlen zu lassen und erklärte entschlossen auf die Frage nach ihrem Karrierestart: "Ich bin nicht hier, um über Damals zu reden. Ich möchte über das Jetzt reden, denn ich habe mehr Spaß an der Gegenwart." Auch sprudelte aus ihr heraus: "Es wäre schön, wenn wir uns im Laufe der Sendung familiär verhalten. Wir gehören alle zusammen."

Stripshow war nicht der Rede wert

Zum, wenn man also so will, Familientreffen an diesem Abend kamen außerdem auch Helene Fischer, Heino Ferch, Florian David Fitz, Olaf Schubert und Karl Dall, allesamt auf die Couch verbannt, in den Showacts waren unter anderem die Fantastischen Vier, Rihanna und Pianist Lang Lang dabei. Auch die Muskelmänner der Tanzcombo Chippendales hatten ihren Auftritt. Anlass war die Wettschuld, die Markus Lanz noch einlösen hatte. Das Ziel: kollektives Die-Nackte-Brust-Zeigen. Um es kurz zu machen: Es war nicht der Rede wert.

Konnten denn wenigstens die Wettkandidaten die versammelte TV-Nation aus dem Dornröschenschlaf reißen? Golfschläger am Geräusch des Abschlags zu identifizieren: na ja. Die richtige Holzart erschnüffeln: geht so. Wettsieger wurde schließlich verdientermaßen ein Paddelclub aus Baden-Württemberg. Dessen Wette: Zehn Kinder liefen über in einem Schwimmbecken umgedrehte Kajaks. Und Karl Dall sprach aus, was sicher viele dachten: "Das war eine der spannendsten Wetten der letzten 45 Jahre." Tja, wenn Spannung die Ausnahme ist, dann muss Langeweile wohl tatsächlich die Regel sein. Und damit´s keiner merkt, sagt man halt Unterhaltung dazu.

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