7. April 2010, 11:34 Uhr

Frauen am Rande der Wechseljahre

Es ist ein Facelift für die deutsche Serienlandschaft: Statt Landärzten, Bergdoktoren und Traumschiffen zeigt das ZDF "Klimawechsel", eine Mini-Serie über Frauen in den Wechseljahren. Selten wurde ein schwieriges Thema mit so viel Witz aufgegriffen.

Klimawechsel, Doris Dörrie, ZDF, Andrea Sawatzki

Beate (Ulrike Kriener, l.) wird drastisch klar gemacht, was Desiree (Andrea Sawatzki, r.) meint, wenn sie sagt, dass ihr die Brust platzt©

Was, das macht ihr fürs ZDF?" Diesen erstaunten Satz hörte Regisseurin Doris Dörrie während der Dreharbeiten zu ihrer neuen Serie "Klimawechsel" immer wieder. Und auch Dörrie selbst fragte mehrmals bei Produzent Oliver Berben nach, ob das ZDF die Serie auch wirklich zeigen werde. Noch dazu im Hauptprogramm, das sonst Landärzten, Bergdoktoren und Traumschiffen vorbehalten ist. Tatsächlich ist die von diesem Mittwoch (20.15 Uhr) an ausgestrahlte sechsteilige Miniserie über vier Lehrerinnen in den Wechseljahren ein Tabubruch in der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft.

Denn da ist die sich verzweifelt an die Reste ihrer Jugendlichkeit klammernde Mittfünfzigerin Beate (Ulrike Kriener), die ihr Sexleben mittels einer Vaginalstraffung aufpeppen will. Mauerblümchen Cornelia (Juliane Köhler) wird von Panikattacken gequält und lässt sich von einem minderjährigen Schüler schwängern. Die dicke Angelika (Maria Happel) törnt mit ihren nächtlichen Schweißattacken den durchtrainierten Ehemann ab und sucht Trost im Sufismus. Und die unter ständigem Schlafmangel und ihrem notorisch untreuen Partner leidende späte Mutter Desirée (Andrea Sawatzki) sagt Sätze wie: "Ich bin so müde, mir platzen die Titten". Ungewöhnlich gewagt ist sie, diese ZDF-Serie. Frivol gar, an sämtlichen Schamgrenzen rüttelnd. Und saukomisch, ohne die hintergründige Tragik der Protagonisten zu verschleiern. "Man kann nur komisch sein, wenn man den Ernst der Lage begreift", sagt Dörrie dazu.

"So ein Unsinn, zieh die sofort aus"

Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Panikanfälle - für viele Betroffene haben die Wechseljahre etwas niederschmetternd Ernstes. Reden wollen die wenigsten darüber. Über die Sorge, die Attraktivität zu verlieren, schon, meint Hauptdarstellerin Ulrike Kriener. "Aber nicht darüber, wie viel Sex man noch hat, ob man sich vom eigenen Mann angenommen fühlt, ob das noch alles gut geht", sagt die 55-Jährige, die für ihre Rolle als sexbesessener Vamp ihre Scheu vor freizügigen Szenen abstreifen musste. Um sich vor all den Männern am Set nicht vollständig zu entblößen, habe sie sich in einer Szene bei der Frauenärztin mit Strumpfhosen auf den Gynäkologie-Stuhl gelegt. "Doris rief gleich: 'So ein Unsinn, zieh die sofort aus'", erinnert sich Kriener. "Das geht nur, wenn da ein tiefes Vertrauen ist zwischen Schauspielern und Regisseur", fügt Dörrie hinzu.

Das Vertrauen der deutschen Schauspielerriege in Dörrie muss grenzenlos sein. Ob Juliane Köhler, Maren Kroymann oder August Zirner - niemand der hochkarätigen Besetzung zögerte auch nur einen Moment mit der Zusage für "Klimawechsel". "Ich glaube, bei solchen Geschichten mitzuspielen ist der Traum jeden Schauspielers", sagt etwa Andrea Sawatzki, die wie Ulrike Kriener vor allem als Fernsehkommissarin bekannt ist - und jetzt die durchgeknallte und dabei derb bayerisch sprechende verkannte Künstlerin Desirée spielt. "Mein Spaß war es, Ulrike und Andrea ihren Rollen, die sie sonst so spielen, zu entreißen", sagt Dörrie. "Es ist ein unglaubliches Potenzial an Schauspielern da". Das Potenzial der Serie hat auch der amerikanische Sender HBO erkannt, der schon über eine Adaption von "Klimawechsel" nachdenkt. Dörrie ist angetan von der Vorstellung, ihre Figuren von Hollywoodstars verkörpert zu sehen. "Beim Casting müssen aber alle die Stirn runzeln - wer das nicht kann, hat keine Chance", sagt Dörrie scherzhaft und spielt auf den Trend des Faceliftings an.

Facelift für die deutsche Serienlandschaft

Doch kommt "Klimawechsel", dieser Facelift für die deutsche Serienlandschaft, auch in der Bundesrepublik an? Schließlich ist Dörries Serie so etwas wie eine Kriegserklärung an das öffentlich-rechtliche Programm. "Sie ist aus purer Notwehr entstanden", sagt die Regisseurin. Sie sei entsetzt von dem Bild der Frau in ihrem Alter um 20.15 Uhr auf ARD oder ZDF. "Gibt's noch eine Frau in meinem Alter, die keine Farm in Afrika aufmacht? Wo komme ich denn da noch vor im Öffentlich-Rechtlichen?", frage sie sich. "Vor lauter Wut und Frust" hat sie "Klimawechsel" geschrieben - und damit ein in der Öffentlichkeit bisher geschmähtes Thema federleicht verpackt. Und gnadenlos überzeichnet, jedoch ohne es jemals der Lächerlichkeit preiszugeben.

"Ich denke, dass es zwei Fraktionen geben wird: Die einen werden begeistert sein, die anderen schockiert", prophezeit Ulrike Kriener. Auf die Erstausstrahlung blickt die Schauspielerin mit gemischten Gefühlen. "Klar bin ich aufgeregt. Mein Mann hat die Serie noch nicht gesehen, mein Sohn auch nicht." Kurz hält sie inne, ein unangenehmer Gedanke durchzuckt sie. "Oh Gott, was wohl meine Eltern davon halten?"

"Klimawechsel" startet am Mittwoch, 7. April, um 20.15 im ZDF mit einer Doppelfolge. Ab dem 8. April gibt's vier weitere Folgen, immer donnerstags von 21.00 bis 21.45 Uhr

Nicole Grün/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
monzeno (08.04.2010, 17:55 Uhr)
Freude
Aus ganzem Herzen konnte ich lachen und habe mich köstlich amüsiert. Nachdem ich in den letzten 4 Tagen gefühlte 10 x die Neubauer gesehen habe, waren diese Episoden wirklich einmal etwas anderes. Nur weiter so!
KonnyKolumna (08.04.2010, 10:30 Uhr)
Meine Meinung als Medienfrau
Die Werbung für KLIMAWECHSEL bei Markus Lanz mit den Protagonistinen und ihr Herr Schlenz fand ich echt klasse! Selten habe ich Markus Lanz so entspannt erlebt und das Thema Wechseljahre so ehrlich und lustig 'be-talkt'

Da es abzusehen war, dass die Serie polarisieren wird und Doris D. selbst sagte "...die einen werden mich lieben dafür, die andern hassen" fand ich eine Doppelserie zum Auftakt nicht optimal ...
ssteffen (08.04.2010, 10:23 Uhr)
weil die Jungen aussterben
sucht die Medienwelt nach den Konsumenten der Zukunft. Das scheinen Mitt- und Endvierziger mit gewaltigen Lebensdefiziten zu sein. Ich finde das Bild maßlos überzeichnet und viel zu sehr mit bösem Sarkasmus überladen. Und zum Lachen ist mir da auch nicht zu mute, wenn da einer gleich die Titten platzen. Es ist aber nett, dass das zweite die Frauen darauf vorbereitet, was im späteren Leben auf sie zukommt. Voll aus dem Leben gegriffen werden die Damen nass aufwachen, Botox gespritzt bekommen und ihre Vagina muss gestrafft werden. Toll?..

Wir haben keinen Gott, wir haben Geld.
Neid, Missgunst und Gier regieren uns.
Das Leben ist schön.
KonnyKolumna (08.04.2010, 10:02 Uhr)
sehr schöne Alterantive
ja, wirklich witzig gemacht und tolle Alternative zu Landarzt & Co auch wenn ich mich etwas an die 'lockere' kameraführung gewöhnen musste

Was mir etwas fehlt ist der Frauentyp, der kein Problem mit dem Älternwerden hat oder sich mit angehenden 47(wie ich ;-) sogar attraktiver findet als mit 20, Frauen die nicht ständig im Kampf mit sich, anderne Frauen und Männer sind und einfach ihr 'Ding' machen, gerne Frau & Mutter sind, sich dafür Wertschätzen ...mit oder ohne berufliche Karriere ...
AttaTroll (08.04.2010, 08:58 Uhr)
Kopfschütteln
Ich war sehr gespannt auf die Doppelfolge ujnd dann maßlos enttäuscht und auch etwas verärgert. D. Dörrie kritisiert zu Recht das Bild der Frauen um die 50 die das öffentlich rechtliche Fernsehen in albernen Serien à la Uschi Glas & Co. so präsentiert. Aber anstatt die reale Welt der weiblichen 50+ Generation zu zeigen, verfällt Dörrie in das andere Extrem:
Frauen, die sich ausschließlich über das Äußere definieren (noch dazu solche mit Studium und Beruf), Vaginastraffung und Botoxbehandlungen vornehmen lassen, nachts im Sand einen Riesen-Phallus modellieren, im Kaufhaus dauernd Anti-Age-Cremes klauen, und die verzweifelt einem Mann hinterherrennen und ihm mitten auf der Straße ihre operierten Silikonbrüste präsentieren um ihn zu halten. Hallo? DAS soll das Leben der Frauen der 50+ Generation sein?
Warum wird nicht wenigstens eine einzige selbstbewußte Frau gezeigt, die mit beiden Füßen im Leben steht und den Mann zum Teufel jagt, wenn er ihr sagt, dass sie "untenrum zu flatterig" ist anstatt sich umgehend für 5000 Euro operieren zu lassen?
Warum werden in so einer Serie nicht verschiedene Frauen gezeigt, die auf unterschiedliche Art mit dem Älterwerden umgehen. Es gibt sicher Frauen wie die Protagonistin "Beate" in der Serie, aber auch solche, die wissen was sie wollen und so leben wie sie es wollen (und das ganz ausgezeichnet) und deren Hauptgedanken eben NICHT darum kreisen, wie man einen Mann finden oder halten kann. Und dazwischen gibt es noch viele andere Facetten.
Schade! Ich habe mehr von D. Dörrie erwartet und bin sehr enttäuscht. Ich fand es auch nicht "saukomisch", sondern eher nervig.
poldi55 (08.04.2010, 07:44 Uhr)
Anders als die anderen...
bis auf die Kameraführung ganz nett.
05Chrissy (07.04.2010, 23:44 Uhr)
Köstlich amüsiert!
Eine verkrampfte Geschichte hätte die Thematik auch Jahre zurückwerfen können.

Äh, weiß jemand, wo man sich zu diesem Yoga-Kurs anmelden kann? :-)
batavia (07.04.2010, 21:54 Uhr)
klasse
war es ! Freue mich auf die nächsten Folgen.
batavia (07.04.2010, 15:53 Uhr)
Jippie !
Es gibt noch Filme im öffentlich-rechtlichen ohne Frau Neubauer und Frau Ferres ?

Dann kann man sich ja endlich einmal wieder was ansehen ohne die sog. "starken" Frauen und dämliches happy end.
Ich freu mich auch schon.
simbadische (07.04.2010, 12:18 Uhr)
Na endlich !

Ich freu' mich schon drauf !
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