Vor zehn Jahren sah nicht nur der Bundesinnenminister die Menschenwürde in Gefahr - heute sendet "Big Brother" bei RTL 2 immer noch. Die meisten Deutschen haben sich abgewendet. Wer zuguckt, bekommt Porno fürs Wohnzimmer. Von Johannes Gernert

Der wohl bekannteste Bewohner nach zehn Jahren "Big Brother": Zlatko Trpkovski© Gero Breloer/DPA
Es ist schon eine ganze Weile her, zehn Jahre genau, dass ein Bundesinnenminister beklagt hat, das TV-Format verstoße gegen das Grundgesetz, gegen die Menschenwürde. Sein Name war Otto Schily. Das war am 1. März 2000. Die allererste "Big-Brother"-Staffel lief gerade an. 89 Prozent der Deutschen sagten, sie lehnten das TV-Experiment ab. Manche nannten die Container im Norden Kölns einen Menschenzoo. zwölf Kandidaten, 100 Tage unter Dauerbeobachtung. Eine neue Grenzüberschreitung des Reality-TV.
Die Aufregung reichte kaum drei Monate. Schnell stellte sich heraus, dass es wenig Einschläfernderes gibt, als einem Dutzend Menschen beim Nichtstun zuzuschauen, selbst wenn die vor Langeweile nach der Fußnagelpflege streiten. Wer ein besonders gutes Gedächtnis hat, erinnert sich, wie ein junger Mann namens Zlatko angab, seine Menschenkenntnis sei so gut, da würden andere sich in die Hose scheißen. Man nannte ihn "Sladdi" und fand die Sprüche eine Zeit lang witzig. Die erste Staffel gewann ein arbeitsloser Zimmermann aus Brandenburg namens John Milz. "Sladdi" war da längst raus und damit auch die Luft. Als die Quoten in der dritten Staffel richtig abstürzten, schien das Fernsehexperiment vorüber. Ein Branchenmagazin meldete 2002, bei RTL2 überlege man, ein ganzes thüringisches Dorf mit Kameras zu überwachen.
So weit kam es nicht. Doch "Big Brother" hatte endgültig einen Medienmechanismus des Reality-TVs etabliert. Grenze überschreiten, Aufschrei abwarten, Aufmerksamkeit kassieren. Neue Grenze suchen. Fortan regten sich Politiker über Schönheitsoperationen vor laufender Kamera oder zuletzt über verliehene Babys beim RTL-Format "Erwachsen auf Probe" auf. Ein Gericht prüfte den Stopp der Sendung. Selbst das garantierte aber keine allzu guten Quoten.
Umso verwunderlicher, dass bei "Big Brother" gerade die zehnte Staffel läuft. Beim Start 2000 besaß kaum einer eine Webcam. Heute ist es fast selbstverständlich, mit den Mini-Linsen am Laptop auf Seiten wie "chatroulette.com" völlig Fremden den Blick in die eigene Wohnung zu öffnen. 2005 erhielt Otto Schily den Big-Brother-Award. Er habe Deutschland in einen Überwachungsstaat verwandelt. Bilder von Kaufhauskameras und andere Überwachungsvideos kursieren im Netz und in Fernsehshows, die von den dümmsten Einbrechern oder Autofahrern erzählen. Warum schaut da noch jemand "Big Brother"?
Warum liegen die Quoten für die werberelevante Zielgruppe nach dem Start regelmäßig um die zehn Prozent - was für RTL2 sehr passabel ist? Der simple Grund: "Big Brother" hat eine neue Grenze überschritten - und zwar die zur Pornoindustrie. Das neueste Rezept heißt: Man nehme Brüste, Wasser und Seife.
Als die Quote in Staffel neun einen neuen Tiefpunkt erreicht hatte, da zog Annina Ucatis ins "Big-Brother"-Haus ein. Ihre Brüste, unhandlich wie Melonen, hielt sie täglich für viele Minuten unter den Duschstrahl im Badezimmer. Außerdem lag Annina mit dem Bewohner Sascha unter der Bettdecke und quietschte.
Spekulationen über Bettdeckenbewegungen gehören seit der ersten Staffel zu dem Reality-Format, so wie der Sex in unterschiedlichster Form. In der fünften Staffel verkündete die Stripperin Sandra, sie habe kein Problem damit, sich nackt zu zeigen. Zwischenzeitlich zogen das mehrfach operierte Model Kader Loth und die sogenannte Busenwitwe Tatjana Gsell ein. Aber die neueste Verbrüderung mit der Pornoindustrie hat eine andere Qualität.
Der Autor Von Johannes Gernert ist gerade das Buch "Generation Porno" im Fackelträger Verlag erschienen. Das Buch widmet sich auch der Karriere von Sexy Cora