Oktoberfest-Mythen:
Die ganze Wahrheit über die Wiesn
O'zapft is! Mit zwei Schlägen zapfte Münchens Bürgermeister Christian Ude pünktlich um 12 Uhr das Fass an. Jetzt läuft das Bier auf der Wiesn in Strömen. stern.de überprüft 20 gängige Oktoberfest-Klischees.
"O'zapft is" heißt es am Samstag, wenn Münchens Oberbürgermeister Christian Ude das 176. Oktoberfest feierlich mit dem traditionellen Fassanstich eröffnet. Bis zum 4. Oktober wird auf der Theresienwiese ausgiebig gefeiert. Für alle Flachlandtiroler und "Saupreißn" überprüft stern.de die gängisten Klischees über die Wiesn auf ihren Wahrheitsgehalt.
Nein! Jeder ist beim Oktoberfest willkommen - auch mit Jeans und Rollkragenpulli. Ein echtes bayrisches Mannsbild kommt allerdings in seiner "Krachledernen", ein bayrisches Madel im Dirndl. Dem Trend zur Trachten folgen aber auch immer mehr Zugereiste und Touristen, die vor Beginn der Wiesn in Münchner Kaufhäusern die Trachtenabteilungen stürmen. Selbst bei "C&A" und "Karstadt" gibt es ganze Abteilungen wo nur Lederhosen und Dirndl angeboten werden. Dass die "Saupreißen" (bayrisch für Norddeutsche) inzwischen auch Tracht tragen, beobachten die Ur-Bayern allerdings mit Argwohn.
Nein, das ist sogar verboten. Mittlerweile haben alle großen Festzelte strenges Sicherheitspersonal, das Schunkel-Versuche auf dem Biertisch sofort unterbindet. Auch die Wiesn-Bedienungen sind angehalten, Besucher von den Tischen zu holen. Grund: die hohe Unfallgefahr bei schunkelnden Massen auf den rutschigen und wackeligen Biertischen. Aber keine Sorge, der Spaß kommt trotzdem nicht zu kurz: Das Stehen und Schunkeln auf der Bierbank ist nach wie vor erlaubt.
Mit wenigen Ausnahmen: ja! Vor 40 Jahren kostete eine Maß noch 2,40 D-Mark, inzwischen im Schnitt 8,60 Euro. Nur kurz nach der Umstellung auf den Euro, von 2002 auf 2003, sind die Bierpreise stabil geblieben, ansonsten in den vergangenen 40 Jahren kontinuierlich gestiegen. Trotzdem wird die Ankündigung von Preiserhöhungen jedes Jahr wieder in der örtlichen Presse heftig diskutiert. Mit den Preissteigerungen geben die Wirte steigende Kosten direkt an die Bierkonsumenten weiter.
Nein, in jedem Zelt gibt es außer Bier auch antialkoholische Getränke zu trinken. Daneben ist das Angebot an Spirituosen riesig: Vom Champagner bis zum Schnaps gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Im Weinzelt ist Bier sogar verpönt. Wer dort trinkt, bestellt entweder Wein oder Schaumwein. "Helles" wird gar nicht ausgeschenkt, lediglich Weißbier vom Fass als Zugeständnis an die Bierklientel.
878 Meter "Stehplätze" stehen den männlichen Wiesnbesuchern auf den Toiletten zur Verfügung, dazu kommen noch einmal insgesamt 964 Sitzplätze. Trotzdem kann es auf den Toiletten zu langen Wartezeiten kommen, insbesondere am Wochenende. Da die Zelte bei Überfüllung gesperrt werden empfiehlt es sich nicht, außerhalb zur Toilette zu gehen, wenn man wieder ungehindert zu seinem Sitzplatz zurückkehren will. Aus dieser Not soll sich so manches Mannsbild deshalb schon unter dem Biertisch Erleichterung verschafft haben. Die Lederhose hat dazu übrigens eine aufknöpfbare Klappe.
Ja, zumindest bis 18 Uhr. Seit 2005 wird das Konzept der "sanften Wiesn" konsequent umgesetzt. Es sieht vor, dass die Musik tagsüber nicht lauter als 85 Dezibel sein darf - erst am Abend darf der Verstärker aufgedreht werden. Grund für die Einschränkung waren Beschwerden über die zunehmende "Ballermann"-Atmosphäre des Volksfestes. "Die Zelte sollen aber keine Diskotheken sein, sondern bayerische Bierzelte bleiben", begründete Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl vor vier Jahren die Einführung der Lautstärkebegrenzung. Nach anfänglicher Kritik hat sich das Konzept inzwischen bewährt.
Es gibt zwar kein explizit schwules Zelt, doch inzwischen haben sich mehrere Termine für Homosexuelle auf der Wiesn etabliert. Der "Gay Sunday" findet an jedem ersten Okoberfest-Sonntag in der Bräurosl statt. Die "Prosecco-Wiesn" in der Fischer-Vroni am zweiten Montag ist ebenfalls fester Bestandteil der schwulen Wiesn. Am letzten Oktoberfest-Tag trifft man sich dann nochmals ab 13 Uhr im Schottenhamel.
Das Thema Schankbetrug bewegt die Münchner, seitdem es die Wiesn gibt. Rund sechs Millionen Maß werden Jahr für Jahr auf dem Münchner Oktoberfest getrunken. Und eigentlich sollte genau ein Liter Bier im Krug sein. Doch fast jede Maß ist schlecht eingeschenkt, behördlich ist sogar ein Unterschank von 0,1 Liter erlaubt. Der "Verein gegen betrügerisches Einschenken" kämpft dagegen an. Der Vorwurf: Die Wirte bereichern sich konsequent, indem sie zu wenig in die Gläser füllen. Bei einem Maßpreis von 8 Euro ist ein Unterschank von 0,1 Liter 80 Cent wert. "Das macht bei sechs Millionen getrunkenen Wiesn-Maß einen ergaunerten Gewinn von 4,8 Millionen Euro", sagt der Verein.
Ja, punkt 23.30 Uhr ist Kehraus, der Bierausschank endet sogar schon eine Stunde vorher. Nur Käfers Wiesnschänke und das Weinzelt haben bis 1.00 Uhr geöffnet. Der letzte Wein oder Champagner muss dort um 0.30 Uhr geordert werden.
In München haben BMW, Siemens und andere Großkonzerne ihren Firmensitz. Gemessen an deren Umsatz ist das wirtschaftliche Gewicht der Wiesn relativ klein. Trotzdem ist das größte Volksfest der Welt für die Münchner eine bedeutende Einnahmequelle. Fast eine Milliarde Euro spült das Oktoberfest insgesamt in die Kassen. Zirka die Hälfte erwirtschaften die Wiesnwirte, bei denen 8000 Festangestellten und 4000 Aushilfskräften in Lohn und Brot stehe. Auch die Verkehrsbetriebe und das Taxigewerbe verdienen kräftig mit, außerdem die Hotellerie. Die auswärtigen Wiesnbesucher geben rund 300 Millionen Euro für Übernachtungen aus. Unschätzbar ist der Wert, den das Oktoberfest als Marke für den Münchner Tourismus hat. In einer weltweiten Umfrage der deutschen Zentrale für Tourismus gaben 91 Prozent der Befragten an, das Oktoberfest zu kennen.
Ganz im Gegenteil. Der Wiesnbesuch gehört für einen Münchner dazu. Im Gegensatz zu den meisten Touristen machen es sich die Einheimischen gerne auch unter der Woche auf den Bänken bequem. Zum Mittagessen oder nach der Arbeit geht es für eine Maß ins Bierzelt.
In Bier- und Weinzelten auf dem Oktoberfest darf weiterhin geraucht werden. Die bayrische Regierung unter Ministerpräsident Horst Seehofer hat das geplante Rauchverbot gekippt. Ursprünglich war geplant gewesen, das Rauchen in Bierzelten ab diesem Jahr zu verbieten. Dagegen regte sich jedoch großer Widerstand der Wiesnwirte, die Umsatzeinbußen befürchteten, und vieler Münchner, für die eine Zigarre auf der Wiesn zur Tradition gehört. Der blaue Dunst wird die Gemüter allerdings auch weiterhin erhitzen: Befürworter des Rauchverbots haben bereits über 50.000 Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt.
Ja, in vielen Münchner Betrieben wird traditionell das sogenannte "Wiesngeld" ausgezahlt, entweder in Form von Gutscheinen oder bar. Die Beträge schwanken meist zwischen 15 und 30 Euro. Wo es kein Wiesngeld gibt, gehört es meist zum guten Ton, einen Firmenausflug aufs Oktoberfest zu machen, bei dem die erste Maß und das erste Hendl auf den Chef gehen.
Ja, das erste Oktoberfest fand am 17.10.1810 statt und war eigentlich ein Pferderennen zu Ehren der Hochzeit von König von Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Hildburghausen. Fortan wurden die Feierlichkeiten jedes Jahr wiederholt, später verlängert und zeitlich vorverlegt - vor allem wegen des besseren Wetters im September. Die Nächte sind wärmer, somit lässt es sich auch in den Außenbereichen der Zelte ohne Frösteln feiern. Das letzte Wiesn-Wochenende liegt aber traditionell im Oktober.
Ja, und zwar des ehemaligen Münchner Oberbürgermeisters Thomas Wimmer. 1950 setzte er zum ersten Mal zum Fassanstich an und begründete damit eine Tradition, die alle Münchner Stadtoberhäupter bis heute fortgesetzt haben. An der Anzahl der benötigten Schläge misst sich das Ansehen des OB. Die scheinen inzwischen fleißig zu üben: Wimmer benötigte damals 19 Schläge, Christian Ude im vergangenen Jahr lediglich zwei.
Ja, er ist wohl der berühmteste Hilfsarbeiter beim Aufbau des Oktoberfestes. Als Lehrling in der Elektrofirma seines Vaters und seines Onkels drehte er 1896 im Schottenhamel-Festzelt Glühlampen ein.
Nein. Laut Statistik des Münchner Tourismusamtes kommen 19 Prozent der Wiesn-Besucher aus dem Ausland, die meisten davon aus Italien. Erst auf dem zweiten Platz folgen die Amerikaner, dicht gefolgt von Engländern und Australiern.
Ja, denn die Maßkrüge sind Eigentum der jeweiligen Brauerei. Um den Maßkrugklau einzudämmen, wird jeder Diebstahl bei der Polizei angezeigt. Das Sicherheitspersonal ist außerdem angewiesen darauf zu achten, dass Krüge nicht aus dem Zelt gebracht werden. Maßkrüge, die offiziell als Souvenir gekauft werden, sind zur einfacheren Unterscheidung mit einer farbigen Plakette markiert.
Ja, die Betriebsvorschriften des Festes besagen, dass nur Münchner Bier der "leistungsfähigen und bewährten Münchner Traditionsbrauereien" ausgeschenkt werden darf.
Motorradfahrer haben (mit ) Schuld, wenn sie sich vorschriftsmäßig im Münchner Verkehr verhalten und ihnen bei Grüner Ampel ein besoffener Oktoberfest-Besucher vor die Räder läuft, weil er sein Rot im Suff nicht mehr erkennen konnte. (Deutsche rechtsprechung) . Das heißt, es ist normal und im Alltag von allen Normalos zu berücksichtigen, dass eine größere Menge Menschen sich sinnlos besäuft und sich deshalb nicht an Rechtsvorschriften halten kann.
Wenn jemand in Deutschland unter Alkoholeinfluss eine Straftat begeht, wird der Alkoholeinfluss strafmildernd gewertet.
Aber wehe, auf der Wies'n oder sonstwo würde einer einen Joint rauchen...