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4. Juni 2008, 14:27 Uhr

Das Prinzip Castingshow

Tränen, Schweiß und Qual - wer hinten rauskommt, ist egal. Von Alexander Kühn

Es war 1965, als das US-Fernsehen vier Musiker suchte, die in einer Serie vier Musiker spielen sollten. 437 Bewerber traten an, unter ihnen Stephen Stills, der sich später mit Crosby, Nash und Young zusammentat, und der spätere Satansprediger Charles Manson. Es gewannen vier blässliche Buben. So wurden die Monkees erfunden, die erste aller Castingbands, lange vor New Kids on the Block oder Boyzone. Casting ist die züchtige Alternative zur Besetzungscouch. Um daraus eine TV-Sendung zu schaffen, bedurfte es der Umkehrung der Wertigkeiten: Wen interessiert‘s, wer hinten rauskommt? Hauptsache, es fließen Schweiß und Tränen! Vorbild für Heidi Klums Show ist "America's Next Topmodel", die Heidi heißt dort Tyra Banks, das Format verkaufte sich in mehr als 30 Länder, darunter China, Kroatien, Afghanistan. Für 2009 plant Pro Sieben ein viertes "Germany's Next Topmodel". Zuvor wird der Sender mal wieder nach neuen "Popstars" fahnden. RTL sucht zum zweiten Mal das "Supertalent". Und Gotthilf Fischer und das ZDF den besten Chor Deutschlands.

Als das Fernsehen noch schwarzweiß und unschuldig war, erfreuten sich Talentwettbewerbe großer Beliebtheit. "Toi, toi, toi" mit Peter Frankenfeld etwa, wo 1959 ein junger Schlagersänger namens Dieter Heck, damals noch ohne Thomas, entdeckt wurde. Oder der "Talentschuppen", dem Hape Kerkeling und Michael Schanze entstiegen.

Castingshows sind keine Talentwettbewerbe. Okay, bei Kelly Clarkson, Gewinnerin von "American Idol", liefen die Geschäfte gut an. Und die No Angels, die auf ihrem Sieg bei "Popstars" eine passable Karriere aufgebaut hatten, wurden am Samstag beim Grand Prix zumindest angehört. In Wahrheit geht es bei Castingshows einzig darum, den Zuschauer zu beglücken: mit dem Anblick reizender Mädchen; mit Superstar-Anwärtern, die von Dieter Bohlen abgewatscht werden; oder mit eingefärbten oder sonst wie entstellten Pudeln, wie damals, als Vox den Superhund suchte - was aber kaum einer sehen wollte, weil jeder Mitleid hatte mit den armen Geschöpfen. Castingshows sind Seifenopern. Einmal die Woche wird gesungen oder übern Laufsteg gestöckelt, ansonsten ist es Aufgabe der Kandidaten, mit ihrem Intimleben die Nation zu unterhalten: "So wirbt das Topmodel als Nackt-Putzfrau", "Superstar Fady verheiratet mit einem Mann". RTL hat jetzt seinen fünften Superstar gefunden; in etwa einem halben Jahr darf man mit einem Wiedersehen rechnen: "Was macht eigentlich Thomas Godoj?"

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2008

Von Alexander Kühn
 
 
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