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23. Mai 2009, 01:05 Uhr

"Abholzung ist schlimmer als alle Verkehrsmittel"

Der britische Thronfolger Prinz Charles über seine Sorge um die Zukunft unseres Planeten, seinen Kampf gegen die Abholzung der Tropen und sein neues Regenwald-Projekt.

Regenwald, Abholzung, Natur, Prinz Charles

Symbolischer Akt - Prinz Charles pflanzt bei einem Besuch auf Borneo einen Baum© Chris Jackson/Getty Images

Königliche Hoheit, seit Jahrzehnten warnen Sie vor der Zerstörung unseres Planeten. Warum ist Ihnen der Umweltschutz so wichtig?

Als Teenager in den frühen 60er Jahren habe ich die mutwillige Zerstörung eines großen Teils unserer Umwelt erlebt - sowohl der Natur als auch unserer historischen Architektur. Es herrschte eine Ideologie, die Fortschritt rein geradlinig und mechanistisch definierte und auf diese Weise sehr viel Weisheit und seit Generationen erarbeitetes Wissen verwarf. Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten mit meiner Arbeit versucht, den Verlust der Balance in unserem Leben wiedergutzumachen. Wir müssen einen Weg finden, wie wir als Teil dieses Planeten leben und nicht als Gegner einer Natur, deren Teil wir doch sind. Meine Kinder und meine Enkelkinder - ja, jedes Kind auf dieser Welt - sollten niemals fragen müssen: "Warum hast du nichts getan, als es noch möglich war einzugreifen?"

Lange wurden Sie belächelt, nun wird Ihr Einsatz weltweit anerkannt. Fühlen Sie sich bestätigt?

Ob ich mich bestätigt fühle oder nicht, ist nicht wirklich wichtig. Ich kann mich nicht freuen, dass ich recht behalten habe, weil dies zugleich bedeutet, dass sich die Welt einer katastrophalen Gefahr gegenübersieht. Für mich fühlt es sich im Moment so an, als ob wir versuchten, unseren Planeten so weit wie möglich an den Abgrund zu bringen - fast jeden Tag erhalten wir neue Beweise über kollabierende Ökosysteme, Systeme, die für uns alle lebenswichtig sind. Der größte Lohn wäre für mich, wenn die Welt endlich handeln würde, um den Klimawandel, das Schmelzen des arktischen und antarktischen Eises aufzuhalten. Wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt unserer Menschheitsgeschichte.

Besuche im Regenwald haben Ihnen geholfen, das besser zu verstehen?

Auf unzähligen Staatsvisiten habe ich stets Augen und Ohren offen gehalten. Ich hatte das Glück, Menschen mit den unterschiedlichsten Erfahrungen treffen zu können, all denen konnte ich Löcher in den Bauch fragen. Ich habe viele Projekte gesehen. Die meisten entwickeln sich aus einem alternativen, mehr ganzheitlichen Ansatz als die konventionelle Denkart, die unser Leben dominiert und die sehr oft hinter der Umweltzerstörung steckt. Darum fördere ich schon seit Langem nachhaltige Landwirtschaft, darum kämpfe ich für kleine Bauernhöfe und Graswurzelorganisationen, darum setze ich mich für eine menschlichere Architektur ein, die unseren Städten nicht länger Gewalt antut und sie im techno-globalen Einheitsstil verunstaltet.

Können Sie uns ein Beispiel nennen für ein alternatives Projekt, das Sie für sinnvoll halten?

Der Besuch eines Permakultur-Instituts am Amazonas hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. In weniger als einem Jahrzehnt hat dieses Projekt es geschafft, auf einer zuvor fast entwaldeten Fläche eine Agro-Forstwirtschaft zu etablieren, die das Züchten von Tieren in Wald und Fluss mit nachhaltiger Landwirtschaft verbindet. Hier wird sowohl Futter für die Tiere angebaut wie auch Biodiesel gewonnen für landwirtschaftliche Fahrzeuge und Maschinen.

Sie gehen in diesen Tagen mit Ihrem neuen Regenwald-Projekt an die Öffentlichkeit, das Sie im April den G-20-Regierungschefs vorgestellt haben. In Zeiten einer Weltwirtschaftskrise sollen wir Milliarden an andere Nationen zahlen, damit diese ihren Regenwald retten?

Die Entwaldung der Tropen ist eine der Hauptursachen für die globale Erwärmung. Sie ist verantwortlich für 17 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen - mehr, als alle Verkehrsmittel auf der ganzen Welt zusammen ausstoßen. Die Regenwälder sorgen für Regen, der Feldfrüchte in der ganzen Welt wachsen lässt und der die Luft, die wir atmen, säubert. Außerdem absorbieren sie große Mengen CO2. Sie sind der Zufluchtsraum für eine große Anzahl von Lebewesen, ohne die wir Menschen nicht überleben können. Wir haben gar keine Wahl, als sie zu erhalten - ob es eine Rezession gibt oder nicht.

Wäre es nicht besser, unseren CO2- Ausstoß zu reduzieren?

Experten sind sich einig, dass die Erhaltung der Regenwälder einer der billigsten und schnellsten Wege ist, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren und die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abzuwenden. Damit können wir uns also wertvolle Zeit kaufen, während wir kohlenstoffarme Wirtschaftskreisläufe schaffen mit neuen, sauberen Technologien. Wir brauchen noch mindestens sieben bis zehn Jahre, bis diese Technologien einsetzbar sind - und mein Projekt hilft als eine Art Notfallprogramm, zwischenzeitlich die Regenwälder zu retten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass 1,4 Milliarden der Ärmsten dieser Welt auf die Regenwälder angewiesen sind. Ihr Erhalt ermöglicht diesen Gemeinschaften ein besseres Leben.

Wie wollen Sie Steuerzahler und Verbraucher davon überzeugen?

Die Industrienationen auf der einen Hälfte unseres Planeten haben - wenn auch unabsichtlich - dieses ganze Problem doch erst entstehen lassen. Und zwar nicht nur, weil sie riesige Mengen CO2 in die Atmosphäre entlassen haben, sondern auch, weil sie die Nachfrage nach Soja, Palmöl und Holz in die Höhe treiben. Das wiederum beschleunigt die Zerstörung der Wälder. Da kann es doch nur fair sein, dass wir diese Nationen auch für die lebenswichtigen Dinge bezahlen, mit denen uns die Wälder versorgen. Wir bezahlen doch auch für Wasser, Strom und Gas. Die Regenwälder sind auch nichts anderes als ein riesiger Versorger für unseren Planeten.

Wie soll die Bezahlung funktionieren?

Eine der Ideen, die wir prüfen, sind von der Regierung gezeichnete Regenwald-Anleihen. Diese Anleihen sollen Unternehmen unterstützen, die eine Zerstörung der Wälder ausschließen. Die Anleihen würden der Finanzindustrie angeboten und könnten, zum Beispiel, Renten- und anderen Versicherern garantierte Erträge anbieten. Es ist sehr einfach, Anleihen so zu strukturieren, dass die Auszahlung an die Investoren bis zu einem bestimmten Datum in der Zukunft zurückgestellt wird. Ich denke, eine solche Regenwald- Anleihe könnte sehr viel größere Summen aus Privathand sammeln, als jetzt über Entwicklungshilfe verteilt werden. Entscheidend ist, dass Geld aus diesen Anleihen nur ausgezahlt wird, wenn die Länder wie vereinbart ihre Regenwälder intakt halten. Bei meinem Treffen unter anderem mit Kanzlerin Angela Merkel und der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton während des G-20-Gipfels in London haben wir bereits eine erste Einigung erzielt. Die Vorschläge werden im Juli beim G-8-Treffen abschließend geprüft, und ich hoffe, dass es beim jährlichen Treffen der Weltbank im Oktober zu einer verbindlichen Vereinbarung kommen wird.

Wenn nicht die Weltwirtschaftskrise die Idee zunichtemacht.

Die Gefahr besteht. Aber man muss nur mit Wissenschaftlern wie Professor Hans-Joachim Schellnhuber am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sprechen, um zu verstehen, wie unglaublich erschreckend die Folgen sein werden. Genau deswegen investiere ich seit 18 Monaten so viel Zeit und Arbeit in den Aufbau einer weltweiten Partnerschaft zwischen privaten Unternehmen und öffentlichen Organisationen. Wenn wir es schaffen, nicht nur Unternehmen, die Medien und Hilfsorganisationen für das Regenwald-Projekt zu gewinnen, sondern wenn auch Bürger und Gemeinden auf der ganzen Welt sich zusammenschließen mit dem Ziel, die Rodungen zu stoppen, dann werden wir es den Staatsoberhäuptern sehr viel einfacher machen, auf der Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen die notwendigen Entscheidungen zu treffen.

Auch in Ländern, deren Industrialisierung gerade erst richtig in Schwung kommt?

Ich glaube, dass Indien, China und viele Schwellen- wie Entwicklungsländer sich einfacher von Maßnahmen überzeugen lassen, wenn die Industrienationen Verantwortung übernehmen. Die Probleme, die wir nun aufgrund der Finanzkrise lösen müssen, sind ein Klacks gegen das, was kommen wird, wenn der Klimawandel ungehindert weitergeht. Menschen, die sehr viel mehr wissen als ich, sagen Kriege, Hunger, Trinkwasserknappheit und soziale Unruhen voraus. Glücklicherweise beginnen viele Länder zu begreifen, dass kohlenstoffarme Wirtschaftszweige einen der besten Auswege weisen - das sind endlich gute Nachrichten!

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 21/2009

Interview: Cornelia Fuchs
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
klabautermann79 (24.05.2009, 13:12 Uhr)
Lobenswert
Schön, dass sich jemand wie Prinz Charles dafür einsetzt. Und er hat sicher Recht, dass sich die betreffenden Staaten nur darum kümmern werden, wenn es Geld bringt. Das bringt viel mehr, als sich an einen Baum zu ketten und anzumahnen, dass es uns bald sehr schlecht gehen wird, wenn wir die Wälder nicht stehen lassen. Oder wie es mal Verantwortliche in Indonesien gesagt haben: der Regenwald wird dort deshalb abgeholzt, weil er in seinem natürlichen Erscheinungsbild totes Kapital ist. Von daher kann man nur hoffen, dass Charles und andere Persönlichkeiten mit ihren Projekten nachhaltig was bewirken können!
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