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22. März 2009, 09:43 Uhr

Der Mann, der Carla Brunis Liebesteufel war

Raphaël Enthoven ist der Ex von Carla Bruni und der Vater ihres Sohnes. Ein Philosoph, ein Bonmot-Bombardeur, ein Gehirn auf Eigenkoks. Mit seinem Nachfolger Sarkozy nimmt er es locker auf: Er turnt so hyperaktiv durch die Geistesgeschichte wie der Präsident durch die Weltgeschichte. Von Stephan Maus

Raphael Enthoven, Carla Bruni, Philosoph

Zu Hause in Hochkultur und Showbiz: Der französische Denker Raphaël Enthoven, 33, moderiert Philosophiesendungen und hilft seiner Ex-Geliebten Carla Bruni beim Songschreiben© Epa

Zum dritten Mal klingeln. Hat dieses Gehirn keine Ohren? Dort hinter Enthovens Wohnungstür brutzelt und klappert es. Ein Lärmen ist das, als würde da eine Alchemistenloge den Stein des Weisen synthetisieren. Hier draußen im Treppenhaus hämmern Bauarbeiter. Endlich wird die Tür aufgerissen. Der Philosoph streckt die Hand heraus und zieht einen hinein. Immerhin hat das Gehirn einen Körper. Aber nur kurz. Dann ist er wieder weg. Doch da huscht er schon wieder vorbei. Was hat der denn für einen Pulli an? Schwarz umweht der Grobstrick den athletischen Denkertorso, am Ellbogen ein riesiges Loch. Das ist eher ein spärlich umstricktes Loch als ein schadhaftes Gewebe. Dieses Loch im Philosophenpulli muss eine Denkübung sein. Es muss etwas bedeuten. Aber was? Materie gegen Antimaterie, Sein gegen Nichtsein? Jetzt ist er wieder weg. Wie der Pullover an seinem Ellbogen. Der Kerl macht einen ja ganz schwindelig. Offensichtlich liebt Madame Bruni hyperaktive Aufziehmänner auf Eigenkoks.

Da! Eine Frau. Dicker Bauch. Enthoven hat zwei Boulevardzeitungen verklagt, weil sie geschrieben hatten, seine neue Freundin, die Schauspielerin Chloé Lambert, sei schwanger. Nach seiner Zeit mit Bruni hat er die Nase gestrichen voll von Klatsch. Schon flattert wieder das Pulloverloch vorbei: "Ça va, chérie? Und Sie, Monsieur, so setzen Sie sich doch." Vor dem Bücherregal erscheint ein kalkweißer Bauarbeiterkopf. Staub rieselt auf Descartes' gesammelte Werke. Das Leben ist eine Baustelle, und der Philosoph kocht Spaghetti.

Endlich sitzt das Gehirn und isst. Große schwarze Augen. "Er sieht aus wie ein Engel, ist aber ein Liebesteufel." So besang Bruni ihn in ihrem Lied "Raphaël". Chloé Lambert stöhnt unter dem Baulärm. Enthoven nickt in Richtung Bauch, behält den Reporter im Blick und knurrt grimmig: "Voilà, jetzt wissen Sie alles!"

Das Chaos regiert

Und schon springt er wieder auf. Das Leben ist zu kurz für Mittagspausen, es muss gedacht werden, geredet und gestikuliert. Er zieht den Reporter in sein - was ist denn jetzt los! - Schlafzimmer. So schnell geht das in Frankreich. Stickig ist es hier. Der Liebesteufel reißt die Fensterläden auf. Licht flutet herein. Neben dem zerwühlten Bett ein Nachttisch, der auch Arbeitstisch ist. Praktisch: So kann man arbeiten, bis man vor Müdigkeit einfach ins Bett kippt. Enthoven hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Schreiben musste er, denken, synthetisieren - seine Schnellfeuertirade wird vom Baulärm verschluckt, der von draußen hereinweht. Tohuwabohu. Gegen Tohuwabohu hilft nur Kaffee, damit das Chaos noch schneller rotiert. Er bugsiert den Reporter in einen niedrigen Sessel, setzt sich in einen hohen Stuhl, breitet die Arme aus und lauert wie ein Unheil verkündender Raubvogel.

Dort sitzt man nun und will wissen, wie das alles war mit der Bruni: Ist sie wirklich so ein schrecklicher Vamp? Hat sie ihn verspeist wie all die anderen: Mick Jagger, Donald Trump, Eric Clapton? Leidet er? Doch der schwarze Denkvogel stößt mit der geballten Wucht der abendländischen Philosophie auf einen herab: Sein, Nichts, Individuum. - Ja, schön, hochinteressant, Herr Philosoph, aber die Bruni? - Kant, Descartes, Hegel. - Pfundskerle, durchaus, aber Carla, wie war sie denn nun?

Der Klatschreporter will Gefühl, der Philosoph kontert mit Vernunft. Absolventen französischer Eliteschmieden wie Enthoven leiden jahrelang in Bonmot- Bootcamps, aus denen sie gestählt hervorgehen. Der Philosoph feuert einen Aphorismus nach dem anderen ab: "Die Philosophie ist schwierig, weil sie einfach ist. Oft verheimlicht sie es vor sich selbst." Fast so vertrackt poetisch wie Carlas Songs. "Sich auf jemandes Spuren begeben heißt zu entdecken, dass man nicht dieselbe Schuhgröße hat." Schwer vorstellbar, dass die reine Vernunft jemals mit einer samteneren Stimme gesprochen hat.

Philosophie des Herzens

Und sie wirkt Wunder. Plötzlich will man gar nichts mehr über diese blöde Bruni wissen. Plötzlich will man diesen Philosophen kennenlernen, der mit Models und Schauspielerinnen ausgeht und immer noch Popsongs für Carla Bruni schreibt. Kann so einer auch einfach mal leben, oder muss er immerzu philosophieren? "Ich mache keinen Unterschied zwischen Philosophie und Leben. Philosophie heißt Herzensarbeit. Die Vernunft ist nur eines der Elemente der Philosophie. Das eigentliche Objekt der Philosophie ist das Einzigartige. Das, was alle konzeptuelle Erkenntnis übersteigt. Es gibt immer einen Moment, wo die Philosophie das Einzigartige in seiner ganzen Fremdheit denken muss." Jetzt kriegen wir die Kurve zu Bruni, oder? "Henri Bergson zum Beispiel" - Mist, doch nicht Carla! - "Bergson, der ein ausgezeichneter Mathematiker war, war überzeugt davon, dass die Intelligenz ein Hindernis für das intuitive Verständnis der Welt sei, das ihm vorschwebte. Ich bin nicht sicher, ob nicht ein Musiker ein größerer Philosoph als ein offizieller Philosoph sein kann." Das hört die Musikerin Carla Bruni sicher gern.

Enthovens sonore Stimme donnert durchs Fenster in den Hof und verkündet die Philosophie des Herzens. Die Bauarbeiter lärmen, Enthoven doziert. Mal brüllt er, mal flüstert er, verschlingt einen mit tintenschwarzen Augen. "Seltsamer Erzengel aus einem anderen Himmel", so besang ihn Bruni. Mon Dieu, der Kerl ist ja noch viel besser als die Präsidentengattin. Gierig saugt der Erzengel an seiner selbst gedrehten Zigarette, als hätte er in ihr noch einige heilige Schriftrollen mit eingerollt, die er nun inhaliert, um die Gedanken des Weltgeistes persönlich weiterzugeben. Kultiviert er eigentlich das Image des Erzengels Raphaël? "Nein. Mein Image gehört mir nicht. Ich habe mit Menschen verkehrt, die ihr Sein dem Schein geopfert haben. Philosophisch gesehen ist das sehr interessant. Ich hatte mit Leuten zu tun, die ihr Bild für ihre Identität hielten. Die verloren waren, weil sie den Eindruck hatten zu verschwinden, sobald sie aus dem Scheinwerferlicht traten. Ich habe niemals mehr Selbsthass gesehen als dort. Narzissmus ist Selbsthass. Gibt man einem Narziss die Wahl zwischen seinem Spiegelbild und sich selbst, wählt er sein Spiegelbild."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2009

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