Wenn's um Sex geht, ist der Amerikanerin nichts fremd: Sie schlief mit über 3000 Männern und zeigte als Künstlerin dem staunenden Publikum - auch dem deutschen - ihre Gebärmutter.

Annie Sprinkle 1991 bei einer ihrer freizügigen Showeinlagen. Mittlerweile ist die inzwischen 54-Jährige mit einer Frau verheiratet und lebt an zwei Orten in Kalifornien© Picture-Alliance
Nennen Sie mich Annie. Ich habe zwar seit 2002 einen Doktor in "Human Sexuality", aber ich benutze den Titel kaum.
Nein. Erst im Dezember, im Düsseldorfer Museum Kunst Palast, wollte mir das Publikum wieder in die Scheide schauen. Und meine "Tit Prints", Drucke, die ich mit meinen Brüsten erstelle, gehen weg wie warme Semmeln. Aber es geht mir auch gar nicht mehr nur noch um Sex.
Es geht um Liebe: Meine Frau Beth und ich reisen mit Ideen aus unserem Love Art Laboratory um die Welt und verbreiten die Botschaft der Liebe: Wir schmusen nackt in Löffelchenposition oder küssen uns stundenlang in Galerien. Und zweimal im Jahr heiraten wir öffentlich: dieses Jahr in Oxford und auf der Biennale. Viele Zuschauer verlieben sich bei unseren Vorführungen, denn wir geben ihnen den notwendigen Freiraum, um sich zu verlieben.
Durch drei Ereignisse: Mein Hausboot brannte ab, ich lernte Beth kennen, und ich hatte Brustkrebs. Durch den Brand verlor ich alles: meine Katzen, Kleider, meinen Pass ... Doch meine Fans sammelten für mich, schickten mir Geld und schenkten mir ihre Liebe. Als dann der Brustkrebs diagnostiziert wurde, hatte ich panische Angst. Nicht vorm Tod, sondern davor, dass Beth mich verlassen würde. Aber das Erlebnis hat uns nur noch mehr zusammengeschweißt. Beth ist die Liebe meines Lebens.
Nach über 3000 Männern war es Zeit für einen Wechsel. Ich war immer daran interessiert, zu experimentieren. Sex gibt es ja nicht nur zwischen Männern und Frauen, Sex ist einfach Energie. Demnächst lehren wir unser Publikum, wie man Sex mit Mutter Erde hat, mit Blumen zum Beispiel ...
Sehr vorsichtig ... Im Ernst: Man kann Pflanzen süße Sauereien zuflüstern oder den Tree-Spot, den G-Punkt von Bäumen, erforschen. Wir haben 25 Methoden gesammelt und werden diese unter dem Begriff "Dirty Sexecology" im Sommer in Madrid vorstellen.
Nein, inzwischen bin ich ja auch so eine Art Kunstlehrerin. Ich hatte fast durchweg positive Erfahrungen als Prostituierte und Pornostar. Die einzigen Male, die ich schlecht behandelt wurde, waren außerhalb der Sexindustrie. Ich sprach für Rollen in Hollywoodfilmen vor und endete auf der Castingcouch. Ich habe mich sehr geärgert, dass ich umsonst vögeln sollte - und dann noch nicht einmal die Rolle bekam.
Ich nenne es radikal-traditionell. Man kann nicht viel länger als drei Jahrzehnte sexuelle Abenteuer mit Tausenden von Menschen haben, danach wird es einfach langweilig. Nun erkunde ich die verrückte Welt der Normalität.
Wer weiß? Vielleicht verlängern wir um sieben Jahre, vielleicht lassen wir uns zweimal pro Jahr scheiden, vielleicht stirbt eine von uns, und der Tod ersetzt Liebe als Thema. Immerhin hatte ich bereits Krebs, und Beth fährt Motorrad. Der Tod kann also jederzeit zum Thema werden.
Übernommen aus ...
Ausgabe 25/2009
Zur Person Annie Sprinkle wurde am 23. Juli 1954 als Ellen Steinberg in Philadelphia geboren. Ihren ersten Porno drehte sie 1973, insgesamt spielte sie in circa 200 Sexfilmen mit. Als Künstlerin wurde sie Anfang der Neunziger mit ihrem Performance-Stück "Public Cervix Announcement" bekannt, bei dem das Publikum per Spekulum ihr Innerstes erforschen durfte und das sie auch im Hamburger Schmidt-Theater aufführte. Sprinkle tritt immer noch regelmäßig auf, seit 2005 vor allem mit ihrer Partnerin Beth Stephens, einer Kunstprofessorin, mit der sie seit 2007 verheiratet ist. Das Paar pendelt zwischen Häusern in Boulder Creek und San Francisco, Kalifornien.