Selfcare ist längst nicht mehr nur "Frauensache" - trotzdem wird sie bei Männern noch immer schnell kommentiert. "Als würde ein Mann weniger 'Mann' sein, wenn er sich zu sehr mit seinem Aussehen beschäftigt", erklärt Riccardo Simonetti (33) bei einem gemeinsamen Event von "Vogue Germany" und der Luxushaarpflegemarke Kérastase.
Der Entertainer und Markenbotschafter schafft seit Jahren Raum für nicht-traditionelle Interpretationen von Männlichkeit, was ihn neben seinem Einsatz für die queere Community zur ersten "Vogue Spotlight"-Persönlichkeit macht. Das neue Digitalformat von "Vogue Germany" porträtiert relevante Persönlichkeiten und rückt deren Geschichten in den Fokus. Im Interview spricht Simonetti über Männlichkeitsbilder, Beauty-Routinen und den Druck, gut auszusehen, ohne dass es "gewollt" wirkt.
Sie zeigen seit Jahren, dass Beauty und Styling längst keine reinen Frauenthemen mehr sind. Warum tun sich viele Männer damit trotzdem noch schwer?
Riccardo Simonetti: Ich glaube, der Grund dafür, dass Männer sich manchmal schwer damit tun, über solche Dinge zu sprechen oder sie auszuprobieren, ist das Stigma, das für viele noch immer existiert. Als würde ein Mann weniger "Mann" sein, wenn er sich zu sehr mit seinem Aussehen beschäftigt. Die Gesellschaft bevorzugt Männer, die gut aussehen - aber es soll bitte nicht forciert werden.
Woran liegt es, dass Selbstpflege bei Frauen als selbstverständlich gilt, bei Männern aber noch immer auffällt oder kommentiert wird?
Simonetti: Weil viele gerne in der Illusion leben, dass Männer unverwundbar sind und dementsprechend keine Selbstfürsorge brauchen.
Wie stark prägen Schönheitsideale Männer heutzutage?
Simonetti: Ich denke, Social Media und Medien generell zeigen Jungs und Männern mittlerweile schon sehr früh, dass es im Grunde nur ein Idealbild von Mann gibt. Frauen haben an dieser Stelle schon mehr gesellschaftlichen Wandel erreicht - auch wenn es noch längst nicht genug ist. Sie werden zumindest häufiger mit unterschiedlichen Körperformen konfrontiert und mit der Idee, dass Schönheit nicht nur einem einzigen Ideal folgt. Bei Männern ist das so in dieser Breite noch nicht wirklich angekommen.
Was raten Sie Männern, die mit ihrem Aussehen hadern?
Simonetti: Nicht jede Unzufriedenheit hat wirklich etwas mit dem Aussehen zu tun. Mentale Stabilität ist wichtig. Im Grunde sollte man immer in Dinge investieren, die den Selbstwert stärken. Wenn man mit sich im Reinen ist, sollte man auch in der Lage sein, zu seinen Bedürfnissen zu stehen - selbst wenn das bedeutet, dass man etwas an seinem Aussehen verändern möchte.
War Ihnen früh klar, dass Sie für viele Männer auch eine Art Vorbild sein könnten?
Simonetti: Darüber habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht, da meine Fans hauptsächlich Frauen waren. Erst in den letzten Jahren, in denen ich optisch auch eine erwachsenere Version meiner selbst geworden bin, bemerke ich, dass ich mehr Aufmerksamkeit von Männern bekomme.
Männer und Haare sind oft ein sensibles Thema. Warum steckt gerade darin so viel Unsicherheit?
Simonetti: Ich denke, Haare sind für viele Männer ein Zeichen von Gesundheit und Jugend. Verliert man diese, ist man vermeintlich alt und schwach. Das ist natürlich totaler Unsinn. Dennoch habe ich das Gefühl, dass von allen Eingriffen die Haartransplantation - also die Beauty-Behandlung - bereits am meisten enttabuisiert wurde. Vielleicht, weil weniger Scham damit verbunden ist und Partnerinnen und Partner sich oft auch einen Mann mit vollem Haar wünschen.
Sie haben einmal gesagt: "Meine ganze Woche ist nach Haarwäschen geplant." Wie ernst war das gemeint?
Simonetti: Naja, bei mir ist Haarstyling ein Teil meiner Routine, um zu der Person zu werden, die in der Öffentlichkeit steht. Das ist nicht in fünf Minuten passiert. Jeder Mensch, der Locken hat, weiß, dass diese viel mehr Styling-Aufwand benötigen.
Wenn ich im Regen nass werde, sehen die Haare nach dem Trocknen nicht automatisch wieder aus wie vorher (lacht). Deshalb wird die ganze Woche im Voraus geplant, wann ich wie viel Zeit für meine Haare brauche. Es ist aber weniger extrem, als es sich anhört, da ich meine Haare oft nur ein- bis zweimal pro Woche wasche.
Was sind Ihre wichtigsten Basics für gepflegte Haut und gesund aussehende Haare?
Simonetti: Ich denke, zu wissen, wann man den Haaren Styling zumuten kann und wann man sie etwas in Ruhe lassen sollte, ist das A und O. Ich habe durch einen K-Scan von Kérastase meine Kopfhaut analysieren lassen und dementsprechend empfohlen bekommen, welches Shampoo und welche Spülung für mich am besten geeignet sind. Auch eine feste Routine macht einen Unterschied, denke ich.
Wie gehen Sie mit kleinen Veränderungen um, die das Älterwerden mit sich bringt?
Simonetti: Manche begrüße ich, wie zum Beispiel geistige Reife - andere würde ich gerne so lange wie möglich hinauszögern.
Wie stehen Sie zu kosmetischen Eingriffen und Filtern in sozialen Medien?
Simonetti: Ich sehe das schon kritisch, da ich selbst feststellen muss, wie sehr ich plötzlich Dinge in meinem Gesicht hinterfrage, die eigentlich total normal sind. Ich habe das erste Mal über ein Facelift nachgedacht, als ich 30 wurde - weil ich so viele Menschen auf Social Media gesehen habe, die darüber gesprochen haben. Auf einmal stellt man sich die Frage: Brauche ich das auch?
Ich denke aber auch, transparent zu sein, ist sehr wertvoll. Zu sehen, dass Menschen nicht den ganzen Tag perfekt aussehen, hilft. Und auch wenn ich finde, es geht manchmal zu viel um Eingriffe und Co., finde ich es gut, dass online so viel über Facelifts aufgeklärt wird. Das zeigt: Menschen werden nicht über Nacht schön, sondern haben eine lange Prozedur hinter sich. Was nicht unbedingt bedeutet, dass mich das abschreckt - ich werde später bestimmt auch mal ein Facelift machen lassen. Ich hoffe allerdings, ich habe noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte, bevor ich das für nötig empfinde.
Welche Männer haben Sie geprägt oder sind bis heute Vorbilder für Sie?
Simonetti: Ich mag Männer, die ihr eigenes Ding gemacht und Konventionen gebrochen haben - Elton John, Freddie Mercury, aber auch Tom Selleck und Ricky Martin. Style-technisch habe ich gerade - wie der Rest der Welt auch - den jungen John F. Kennedy Jr. für mich entdeckt. Mein eigener Ehemann ist hierbei auch ein großes Vorbild für mich.