In den 60ern wurden die Röcke kürzer und kürzer und kürzer. Und dann kam der Mini. Der "billige Fummel aus Chelsea" war mehr als ein Modetrend. Er wurde auf der Straße geboren, stand für Sex, für Unabhängigkeit und wurde zur Waffe der jungen Generation. Von Dirk van Versendaal

Die Wohnung zu eng, die Siamkatze nagte die Schnittmuster an: Mary Quant zu Hause im Jahr 1965© Keystone/Getty Images
Es war einmal in Dortmund, an einem sonnigen Hochsommertag: Hunderte von Demonstrantinnen, allesamt bekleidet im Mini, legen den Verkehr in der Innenstadt lahm, sie tragen Schilder und Spruchbänder, auf denen steht: "Modediktatur = Umsatzsteigerung auf unsere Kosten", oder "Nackte Beine sind schöner als nackte Füße!" und immer wieder: "Wer will Maxi? Der Geschäftemacher!" Es war der 31. Juli 1970, der Minirock war tot, und keine Demonstration konnte das Aus des Kleidungsstücks aufhalten, das mehr war als eine Mode-Statement.
Fast 40 Jahre später setzen Designer in Paris, Mailand oder London in regelmäßigen Abständen auf ein Revival des kurzen Röckchens - und natürlich auch jene Frau, die mehr von ihm versteht als alle anderen: Mary Quant. Sie hatte 1955 in der King's Road eine Boutique eröffnet. Sie arbeitete in einer zu engen Wohnung, wo ihre Siamkatze die Schnittmuster annagte. Was heil blieb, war die Grundlage der von Saison zu Saison immer kürzer werdenden Röcke, die sie in ihrem "Bazaar" verkaufte. Eines Tages, um 1961 herum, wurde sie plötzlich als "Erfinderin des Minirocks" gefeiert oder verteufelt, je nach dem.
Dass ausgerechnet sie den Ruhm einheimste, lag vor allem daran, dass Quant in jenen Jahren als innovativste und modernste aller Designerinnen galt, und sie aus der damaligen Modehauptstadt der Welt lebte - in London.
Auch in Paris waren seit 1960 die Rocksäume immer weiter nach oben gerutscht. Pierre Cardin, Marc Bohan von Dior und André Courrèges präsentierten in der vornehmen Haute Couture den Minirock und machten ihn gesellschaftsfähig. Der damals 42-jährige Courrèges bestand später darauf, den Mini erfunden, ihn in Umlauf gebracht zu haben - Mary Quant habe dann "nur noch die Idee kommerzialisiert." Die Engländerin antwortete: "So sind sie, die Franzosen. Vielleicht hat Courrèges den Minirock zuerst entworfen, doch wenn, dann hat leider niemand ihn getragen." Aber wie auch immer, erklärte sie, "es waren weder er noch ich, die ihn erfunden haben - sondern die Mädchen auf der Straße."
Stimmt. Der Minirock wurde als Streetwear geboren; die Mods trugen ihn, die Beatniks der ersten Stunde, Kunststudentinnen. So spinnefeind sie einander auch waren - Quant und Courrèges einte mehr als sie trennte: Kleidung, so ihre Überzeugung, sollte der Bequemlichkeit dienen, nicht der bloßen Zurschaustellung, wie noch in den Fünfzigern. Beider Models trugen flache Schuhe, denn beiden Designern galten hochhackige Schuhe als Symbol weiblicher Unterordnung.
"Früher machten nur die Reichen, die Etablierten die Mode. Jetzt ist es der billige Fummel des Mädchens aus Chelsea", proklamierte Quant, deren Röcke nicht teurer als fünf Pfund sein durften. "Diese Mädchen stehen mit beiden Füßen im Leben, sie sind bereit, Neues auszuprobieren. An Statussymbolen sind sie nicht interessiert. Sie repräsentieren den neuen klassenlosen Geist des heutigen England." Im Mini steckte weit mehr als der Wunsch, Mama und Papa zu schockieren: Er war zur Waffe der jungen Generation geworden. "Das Auftreten Erwachsener empfand ich als abstoßend, gestelzt, häßlich", meinte Mary Quant. "In so etwas wollte ich nicht hineinwachsen." Niemand wollte damals erwachsen aussehen, sich so benehmen schon gar nicht.
Beim Mini ging es darum, so kindlich wie möglich zu wirken, der Mini war ein Komplett-Look: Fohlenhafte Stöckelbeine gehörten zu ihm, hochangesetzte Ärmel, die den Torso dünn erscheinen lassen, und - Ergebnis des geometrischen Vidal-Sassoon-Schnitts - ein Babykopf mit großen Augen und falschen Wimpern. Der kurze Rock war verwandt mit den britischen Schuluniformen, und die Mini-Ikone Twiggy posierte als lolitahafte Zehntklässlerin. Sie verkörperte, was Quants Mann und Geschäftspartner Alexander Plunket später so formulierte: "Irgendwie hatte der Mini mit Pädophilie zu tun, oder nicht?"
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