Nanu? Viele Apple-Produkte von heute sehen aus wie Braun-Produkte von gestern. Ein Gespräch mit dem ehemaligen Braun-Gestalter Dieter Rams darüber, wie es so weit kommen konnte.

Dieter Rams ist ein ehemaliger Braun-Gestalter© Gerster/Laif
Er hat mir einen sehr schönen Brief geschrieben.
Dass seine Eltern in den frühen 70er Jahren eine Reihe von Braun-Produkten gekauft hätten, von denen er schon als kleiner Junge beeindruckt gewesen sei. Er schrieb, daneben wären ihm alle anderen Sachen im Haus wie langweiliger Plunder vorgekommen. Er habe stundenlang einen Braun-Mixer zerlegt, obwohl er sich damals definitiv noch nicht fürs Kochen interessierte.
Schön wär's. Da hätte ich ausgesorgt. Jonathan Ive hat mir einen iPod und ein iPhone geschickt. Eine nette Geste.
Nein, für mich ist das keine Kopie, sondern ein Kompliment.
Erwin Braun sagte einmal, ein Gerät müsse wie ein englischer Butler sein. Zu Diensten, wenn man es braucht. Im Hintergrund, wenn es nicht benötigt wird. Also haben wir vor allem darauf geachtet, dass unsere Produkte leicht zu bedienen sind und auf alles verzichten, was der Benutzer nicht braucht. Genau das macht Apple auch. Keinen Firlefanz.

Original und Anlehnung: Das Gitter des Power Macs (l.) gab es bereits beim Radio T1000
Nicht im Traum. Das Design ergab sich häufig durch Notwendigkeiten. Nehmen Sie die Radio-und-Plattenspieler-Kombination SK4, den "Schneewittchensarg". Er sollte zunächst einen Blechdeckel bekommen, doch der klapperte. Also versuchten wir es mit Plexiglas. Dass dieser Glasdeckel bald bei anderen Herstellern Standard werden sollte, war nicht vorauszusehen.
Als wir 1955 den SK4 vorstellten, prophezeite Max Grundig von der Konkurrenz, dass die Firma bald pleite sei, wenn wir so weitermachen würden. Nicht mal unsere Techniker hätten sich das Ding in die Wohnung gestellt. Gleichzeitig erhielt unser Design eine Menge Anerkennung aus dem Ausland, bereits 1961 stand unsere gesamte Produktpalette im Museum of Modern Art in New York. Braun, vorher nur eine regionale Größe, wurde weltbekannt. Die Phonogeräte polierten unser Image, brachten aber kein Geld. Was die Firma am Laufen hielt, waren die Blitzgeräte und Diaprojektoren.

Der iMac und sein Vorbild, der Fernseher TV3 haben den gleichen Rahmen
In den großen Konzernen wird der kreative Prozess zunehmend von Marketingleuten bestimmt, und die wollen jedes Jahr etwas Neues auf den Markt bringen. Das gipfelt dann in silbernen Sternchen auf Haartrocknern und Schaltern in lila. Dazu möchte ich keinen Kommentar abgeben.
Windräder. Und die Müllbeseitigung. Da kann man zwar schön den Müll in gelben, grauen, grünen, blauen und transparenten Säcken trennen, doch an die visuelle Umweltverschmutzung hat leider keiner gedacht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2008