"Männer dürfen Fehler machen"

Véronique Nichanian entwirft seit mehr als 20 Jahren die Herrenmode des Pariser Hauses Hermès. Ihre Spezialität: Sakkos. Ein Gespräch über die Feinheiten in der Männergarderobe.

Véronique Nichanian Die amerikanische Designerin entwirft Herrenmode für Hermès
© Thibault Camus/AP

Frau Nichanian, ein Mann kommt in einen Laden und braucht mal wieder ein Jackett - zu welchem Modell raten Sie ihm?

Als Expertin rate ich ihm: Tragen Sie, was zu Ihnen passt. Menschen sind viel zu verschieden, als dass ich ihnen generell diese oder jene Jacke verpassen würde. So halte ich es auch mit meiner Kollektion: Ich schlage den Männern alles Mögliche vor. Einen "total look" finden sie bei mir nicht, sondern nur Einzelteile. Aus denen suchen sie dann aus, was zu ihrer Persönlichkeit passt.

Das ist leicht gesagt. Fragen Sie mal einen Mann nach seiner Persönlichkeit und wie er die einkleiden soll. In den meisten Fällen wird er Sie verwirrt anblicken.

Dann würde ich mit einem dunkelgrauen Flanellanzug beginnen. Der Grundstock der Herrengarderobe. Flanell ist nicht nur der schönste Stoff, er ist auch in der sportlichen Bekleidung einsetzbar. Grau deshalb, weil es sich gut mit anderen Farben verträgt. Grau ist das Chamäleon unter den Farben.

Was noch?

Sie brauchen unbedingt ein schwarzes Jackett. Das passt sogar zur Jeans.

Einreiher? Zweireiher? Zwei Knöpfe, drei Knöpfe?

Allgemein gilt: Einreiher sind für die meisten Männer einfacher zu tragen. Aber ich mag Zweireiher, wenn sie aufgeknöpft sind. Und sie sind wieder stark im Kommen. Andererseits: Im Zweireiher wirkt man leicht zu bourgeois.

Was trage ich am Abend?

Ihr schwarzes Jackett oder den dunkelgrauen Flanellanzug.

Worauf muss ich beim Anzugkauf achten?

Unbedingt auf den Tragekomfort. Wenn Sie ein Jackett anprobieren, muss es überall sitzen. Können Sie Ihre Schultern heben, mit den Armen rudern? Greifen Sie problemlos an Ihre Innentasche? Wenn Sie sich eingeengt fühlen, vergessen Sie es. All dies darf keine Entschuldigung für Sie sein, in einen formlosen Sack zu steigen. Ebenso wichtig wie die Passform sind nämlich die Proportionen. Die Linie der Schulter muss stimmen, der Lauf des Revers. Die Höhe der Tasche. Subtile Einzelheiten.

An denen arbeitet sich die Männermode seit zwei Jahrhunderten ab - so lange gibt es bereits den Anzug, wie wir ihn heute kennen.

Das wird immer behauptet, lässt aber die Qualität der Materialien völlig außer Acht. Kein Mensch würde heute freiwillig in einen kiloschweren Ausgehrock aus den 30er Jahren steigen. Selbst die Anzüge, die mein Vater in den Siebzigern besaß, kommen mir untragbar vor, so steif waren sie. Die Stoffe sind leichter und luftiger geworden, sogar Wolle können Sie neuerdings durch spezielle Webtechniken zu einem problemlosen Alltagsmaterial machen, das jede Reise im Koffer faltenfrei übersteht. Das ist Modernität, nicht das Basteln an Silhouetten.

Ihr Kollege Stefano Gabbana läuft seit anderthalb Jahren fast ausschließlich in Jogginghosen herum. Es sei unschlagbar bequem, sagt er. Ist dies die Zukunft der Mode: Hauptsache, komfortabel?

Immer mehr Menschen arbeiten von zu Hause aus, an ihren Computern. Da ergibt der Lässig-Look Sinn. Mir gefällt eine Mischung aus Freizeitkleidung und dem klassisch Formellen besser.

Könnten Sie noch verwenden, was Sie vor 20 Jahren für Hermès entwarfen?

Neulich haben wir einen genauen Blick in das Archiv getan. Gut, die Proportionen waren Ende der 80er Jahre ein wenig anders, doch zu meiner Freude war da nichts, für das ich mich zu schämen brauchte. Aber so ist es auch in der Garderobe meines Mannes: Da hängt das Sakko von vor zehn Jahren neben der Hose vom letzten Sommer. So soll es sein.

Sollten Männer in Kleidungsfragen auf ihre Frauen hören?

Ich stelle fest, dass früher wesentlich mehr Männer mit ihren Frauen in die Läden kamen, und die sagten: Schau mal, wie wär's damit? Und ihre Männer nickten bloß. Heute kommen sie viel häufiger alleine, sie geben mehr Geld aus und bleiben länger. Es ist gut, dass sie nicht zu sehr auf ihre Frauen hören. Das letzte Wort sollten die Männer selbst haben. Ich mag es manchmal sogar, wenn Männer ihre kleinen Fehler machen. Das kann rührend sein.

Die schlimmsten Fehler?

Unbedingt jünger aussehen zu wollen, als man ist. Wer sich jünger fühlt, der sollte das nicht durch einen jugendlichen Kleidungsstil unterstreichen. Orientieren Sie sich an George Clooney: Der hat heute deutlich mehr Sexappeal als vor 15 Jahren, und er kleidet sich sehr elegant.

Was unterscheidet den deutschen vom französischen Mann?

Wenig. Während der deutsche Mann der Mode eher folgt, experimentiert der Franzose etwas mehr, wenn auch nicht so kreativ wie der Engländer. Hoffnung habe ich für die amerikanischen Männer. Ihr Sinn für Eleganz wird durch Barack Obama zweifellos gestärkt werden. Leider kommen französische Männer nicht mit Leinenjacken klar. Leinen ist ihnen zu verschrumpelt, und sie sagen: Ich fühle mich wie in einer Mülltüte. Das ist natürlich Blödsinn.

"Die Männer ändern sich nie", hat Ihre Kollegin Miuccia Prada neulich geklagt. Folglich sei es "unnütz, titanische Anstrengungen zu unternehmen, sich etwas Neues für sie auszudenken".

Niemand ist seinem Stil so treu wie der Italiener. Seit 20 Jahren zieht er seine gelben Schuhe an und trägt die gleiche Frisur. Ich bin da aber optimistischer als Miuccia Prada. Ich will die Männer davon überzeugen, dass es sich lohnt, der Mode zu folgen. Wenn sie es sich denn noch leisten können.

Bereuen Sie, dass Hermès vor anderthalb Jahren einen Laden ausgerechnet in der New Yorker Wall Street eröffnet hat, dem Epizentrum der Wirtschaftskrise?

Dort ist es zurzeit tatsächlich sehr ruhig. Einige der Kunden gehen lieber in unseren Laden in der Madison Avenue und nehmen ihre Einkäufe dann in neutralen Einkaufstaschen mit nach Hause - es soll offenbar nicht jeder sehen, dass man noch Geld zum Ausgeben hat.

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