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11. April 2006, 12:30 Uhr

Das Rapunzel-Prinzip

Haarverlängerungen sind der neue Hit im Frisiergeschäft. Wo aber kommen die Haare her? Der stern recherchierte an den Wurzeln eines weltweit boomenden Geschäfts.

Locke, Locke, du musst wandern: Die Haare, die in indischen Tempeln geopfert werden, gehen auf Weltreise...© Prashant Panjiar

Ein schneeweißer Cashmerepullover brachte David Gold auf die Idee: Wenn graue Ziegenwolle sich in weißes Cashmere verwandeln lässt, dann müssten auch Farbpigmente aus Haaren entfernt werden können. Der Geschäftsmann saß, frisch verliebt in eine Friseurin, in einem Londoner Pub und dachte über eine noch unerschlossene Geldquelle nach: künstliche Haarverlängerung. Damals, die 90er Jahre hatten gerade begonnen, galten Extensions, so der Fachbegriff, mit echtem Haar als etwas, das nur Transvestiten oder Hollywood-Stars machten. Gold dachte, so etwas müsse auch für normale Frauen möglich sein, die nicht die Geduld aufbringen, ihrem Haar beim Wachsen zuzuschauen. Für eine füllige Löwenmähne bis zum Po vergeht gern mal ein Jahrzehnt.

David Gold hatte zwar keine Ahnung von Haarpflege, dafür aber gute Kontakte. In Schottland ließ er sich erklären, wie sich Schafswolle entfärben lässt. Er lernte: Was mit Wollhaaren möglich ist, klappt auch mit menschlichen Haaren. Anschließend reiste er nach Indien, weil er gehört hatte, dass man dort günstig an qualitativ hochwertiges Haar komme. 15 Jahre später setzt Golds Firma Great Lengths jedes Jahr 60 Millionen Euro um.

Ein neuer Mensch in drei Stunden

Seinen Erfolg verdankt er Kundinnen wie Natascha Ochsenknecht, der Frau des Schauspielers Uwe Ochsenknecht. An einem Mittwoch um 13 Uhr betritt Natascha mit sportlicher Kurzhaarfrisur den Münchner Friseursalon "Visage Hairdesign" von Renate Klingspor. Um 14 Uhr isst sie eine Folienkartoffel mit Salat, und um 16 Uhr präsentiert sie sich mit beeindruckender Mähne bis zur Taille. Ein neuer Mensch in drei Stunden. "Wir haben bald Hochzeitstag. Da soll Uwe mich so sehen, wie er mich vor 17 Jahren kennen gelernt hat."

...um schließlich am Kopf von Frauen wie Anja Kruse zu schimmern. Die Aufnahmen zeigen die Schauspielerin vor (unten links) und nach der Echthaar-Verlängerung© Bert Heinzlmeier

Fünf Frisierstühle neben ihr sitzt die Schauspielerin Anja Kruse. Sie wird im August 50. "Ist doch albern, dass Frauen ab einem gewissen Alter keine langen Haare mehr tragen sollen", sagt sie, während Frau Klingspor 130 Extensions in 50 Zentimeter Länge an ihrem Haar befestigt. "Die ersten zwei Tage ziept es noch ein bisschen. Aber dann fühlt es sich an wie mein eigenes Haar", sagt Kruse weiter. Die neue Haarpracht sitzt so fest, dass sie ziemlich viel aushält: Föhnen, Lockenwickler, Dauerwelle, sogar einen Sprung vom Zehn-Meter-Turm. Das hat seinen Preis: Je nach Anzahl und Länge der Strähnen kostet eine Verlängerung zwischen 400 und 1500 Euro. Da das eigene Haar allerdings weiterhin wächst, hält die falsche Pracht höchstens sechs Monate. "Na und?", wirft Frau Ochsenknecht ein. "Mit einer neuen Frisur sieht jedes Outfit komplett anders aus. Da spare ich mir doch eine Menge neuer Klamotten."

Prinzessinnenlocken zur Märchenhochzeit

2005 ließen sich allein in Deutschland über 100.000 Frauen die Haare verlängern, 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu zählen allerdings auch die Haarverdichtungen, mit denen man Fülle in dünnes Haar mogeln kann. Victoria Beckhams Haare sind manchmal fast länger als sie selbst, Sharon Stones Kurzhaarfrisur wuchs über Nacht bis auf Brusthöhe, und Sarah Connor fand, dass zu einer Märchenhochzeit im Fernsehen die Prinzessinnenlocken eindeutig besser passen als ein Punkschnitt.

Weltmarktführer in Sachen Haarverlängerung ist Great Lengths von David Gold. Das Unternehmen liefert Haare in 35 Naturtönen und 15 "Crazy-Farben", von Pink bis Grün. Es ist ein weiter Weg, den die Haare nehmen, bis sie in München bei Renate Klingspor ankommen.

Haare opfern aus Dankbarkeit

Der Weg beginnt vor einem Gotteshaus im indischen Bundesstaat Karnataka. Tausende Pilger nähern sich langsamen Schrittes dem Manjunatha-Swamy-Tempel, unter ihnen die 26-jährige Ratha, die schon zwei Tage in überfüllten Bussen zugebracht hat. Hundert Meter vor dem Tempel steuert Ratha einen Frisiersalon an, in dem 68 Friseure hinter 68 Holzstühlen stehen. Ihre Kunden reden nicht über Wünsche für ihr Outfit, sie wissen: Hier wird jeder kahl geschoren. Frauen wie Ratha sind an diesen Ort gekommen, um ihr Haar zu opfern. Sie folgen einer jahrtausendealten Tradition der Hindus: Sie opfern ihr Haar - nicht damit sich ein Wunsch erfüllt, sondern nachdem ein Wunsch erfüllt worden ist. "Mein rechter Oberschenkel schmerzte entsetzlich, kein Arzt konnte mir helfen", sagt Ratha, während der Friseur einen etwa 30 Zentimeter langen Schopf ihres schönen glatten Haars abschneidet und zu einem Bündel zusammenknotet. "Vor zwei Jahren betete ich im Tempel zu Manjunatha, der Herr möge mich von den Schmerzen erlösen. Er hat mich geheilt, deshalb lasse ich heute mein Haar." Der Friseur rasiert ihr mit dem Messer eine Glatze. Die Frauen und Männer auf den benachbarten Friseurstühlen erzählen ähnliche Geschichten. Täglich opfern allein in diesem Tempel 1500 Gläubige ihre Locken. An Sonntagen sind es sogar 3000. Wohin das Haar anschließend geht, wissen nur wenige von ihnen.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 14/2006

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