Mit esoterischen Werbesprüchen und schmal geschnittenen Anzügen hat Strellson den Massenmarkt für Männermode umgekrempelt. Von Dirk van Versendaal

Stoffwechsel: Der Design-Chef Marco Tomasi wählt mit Kolleginnen die Muster der Saison aus© Anita Affentranger
Einmal im Jahr packt die Frischlinge des Bregenzer Waldes die Furcht, einmal im Jahr verlieren die Milchkühe ihren sanften Blick. Da preschen dann ganze Trupps engagierter Zweibeiner durchs Unterholz, jagen über Almwiesen und Moospolster, lassen Brennholz krachen, hämmern an Schwitzhütten, und über glühende Kohlen sind sie auch schon gelaufen. An die 40 Frauen und Männer aus der Führungsetage des Bekleidungsherstellers Strellson können einen ganz schönen Rummel machen, "und zwar vier Tage lang", wie der Truppenführer Reiner Pichler sagt. Das sei hart, "danach sind wir alle durch. Aber eine Supersache".
Pichler, 44, glaubt nicht nur an die Teambildung via Kollektivabenteuer, er dient auch als Geschäftsführer des Herrenmodeherstellers Strellson. Und Strellson - das sind doch die mit den Anzeigen und den feschen jungen Männern in schicken Anzügen? Genau, die sind das. Haben in den vergangenen fünf Jahren ihren Umsatz verdoppelt. Beschäftigen weltweit 450 Leute, verkaufen in 40 Ländern und zeigen der Konkurrenz, wie man auch in schlechten Zeiten jährlich zweistellig zulegt. Nicht von Mailand oder Paris aus, sondern von einem Schweizer Grenzstädtchen.
Wie konnte es zu dem kommen, was ein Branchenblatt das "Wunder von Kreuzlingen" nannte? Die Antwort Pichlers folgt prompt: "Wir sind ein Lifestyle-Unternehmen und stellen her, was unsere Zielgruppe will." Wenn diese mehr Sportswear will, macht Strellson das. Wenn sie formelle Kleidung wünscht, dito. "Unsere Kollektionen spiegeln die Entwicklung der Gesellschaft." So einfach lässt sich formulieren, was den krisenanfälligen Couturier vom erfolgreichen Lifestyle-Konzern unterscheidet: Der eine macht, wovon er hofft, dass die Welt es einmal mögen werde; die anderen machen, was die Welt schon mag.
In Kreuzlingen wird Mode nicht von genialischen Designern mit Bombasto-Ego und Loft im Marais entworfen, sondern von Familienvätern, die nach Feierabend in ihr Reihenhaus fahren und den Nachbarn die Wurst auf den Grill legen. Bei Strellson sind der CEO und die Kreativen vernunftbegabt, verheiratet und haben Kinder. "Wir machen Kleidung für Menschen, die so sind wie wir. Das macht es einfacher", sagt Pichler. "Anstrengend ist höchstens, dass man dauernd ehrlich über sich selbst nachdenken muss."

Strellson-Chef Reiner Pichler hat der Bürokleidung einen modernen Anstrich verordnet - nicht von genialischen Designern entworfen, sondern von vernunftbegabten Familienvätern© Strellson
Das letzte Wort über das Design hat Marco Tomasi, ein Halbitaliener, dem die Mode sich nicht in einer hippen Londoner Designschmiede offenbarte, sondern im Einzelhandel und beim Verkauf. Noch heute bringt der 41-Jährige gelegentlich im Züricher Edelwarenhaus "Globus" an den Mann, was er zuvor entworfen hat. Tomasi hat guten Grund, stolz auf seine geleistete Designarbeit zu sein: In der Schweiz und in Deutschland hat sich Strellson um die Einführung des schmal geschnittenen Herrenanzuges und also der schlanken Silhouette verdient gemacht.
Auch Reiner Pichler übt sich ab und an in Sachen Modeberatung. Dann schärft er im Auftrag großer Konzerne das Stilbewusstsein von Managern. Neulich erst hat er in einem Workshop voller Investmentbanker ein paar Tipps zum Outfit gegeben. Und war angenehm überrascht: "Einige von denen sind weit weg vom Büro-Mainstream." Ja, im Markt der Herrenmode hat sich viel getan in den vergangenen Jahren, "die modischen Zyklen verlaufen schneller, die modernen Performer wissen genau, was läuft".
Wer aber, bitte, sind diese "modernen Performer", die Pichler so überaus gern und häufig als seine Zielgruppe nennt? "Zum Beispiel ein Mann, der in einem Loft wohnt, aber nur mit dem Fahrrad fährt." Aha. "Ein Mann, der in einer Zweizimmerwohnung lebt, aber Maßanzüge trägt. Das kann ein Familienvater sein, ein Vorstandsassistent der Credit Suisse. Jeder, der sich von unseren Werbekampagnen angesprochen fühlt."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 48/2006