Normalerweise braucht schon seine traditionelle Titulatur mehrere Zeilen: Johannes Baptista de Jesus Maria Louis Miguel Friedrich Bonifazius Lamoral, Fürst von Thurn und Taxis, Fürst zu Buchau und Fürst zu Krotoschin, Herzog zu Wörth und Donaustauf, gefürsteter Graf zu Friedberg-Scheer, Graf zu Valle-Sassina, Graf zu Marchtal und Neresheim, Erbgeneralpostmeister, Ehrenritter des Souveränen Malteserritterordens.
Johannes von Thurn und Taxis wäre 100 geworden
Allein dieser Name verweist auf eine Welt, die größer kaum klingen könnte: auf eines der bekanntesten deutschen Adelshäuser, auf einen jahrhundertealten Stammbaum, auf Titel, Besitz und gesellschaftlichen Glanz. Und doch ist Johannes von Thurn und Taxis (1926-1990), der frühere Chef des Hauses, 35 Jahre nach seinem Tod vielen nur noch indirekt ein Begriff. Denn sein wohl bekanntestes Vermächtnis ist untrennbar mit einer Frau verbunden, die den Hochadel in den Achtzigerjahren in die Popkultur katapultierte: Gloria von Thurn und Taxis (66).
Als "Punker-Fürstin", "Prinzessin TNT" oder "Pop-Aristokratin" wurde sie berühmt. Möglich wurde dieses öffentliche Phänomen auch durch ihre Ehe mit Fürst Johannes, der damit selbst ein Stück Zeitgeschichte schrieb. Am 5. Juni hätte Johannes von Thurn und Taxis seinen 100. Geburtstag gefeiert.
Vor Gloria wurde der Fürst vor allem als typischer Vertreter der oberen Zehntausend wahrgenommen: ein schwerreicher Unternehmer, Bankier, Industrieller und Großgrundbesitzer aus uralter Familie.
Ein begehrter Junggeselle
Er wuchs auf dem familieneigenen Schloss Höfling bei Regensburg auf. Nach dem Abitur an einem öffentlichen Gymnasium in Regensburg machte er eine Banklehre, um seinen Aufgaben als künftiger Chef des Hauses von Thurn und Taxis gewappnet zu sein. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Vermögen der Familie auf mehrere Milliarden D-Mark geschätzt - in Form von Firmenbeteiligungen, einer Bank, mehreren Brauereien, etlichen Schlössern und riesigen Ländereien in Deutschland und Südamerika.
Der junge Johannes arbeitete seit Anfang der 60er-Jahre in der Verwaltung von Thurn und Taxis mit, dehnte den Grundbesitz der Familie in Südamerika aus, pflegte Kontakte zu anderen Milliardären, zum Beispiel zu seinem Freund, dem US-Öl-Tycoon J. Paul Getty (1892-1976). Und er tauchte immer häufiger in den Klatschspalten der Boulevardpresse auf, wurde Mitglied des internationalen Jetsets.
Immer wieder sahen die Deutschen Fotos des eingefleischten Junggesellen Johannes von Thurn und Taxis. Er wurde als einer der begehrtesten Heiratskandidaten gehandelt, trotz der Gerüchte, dass er sich überhaupt nicht für eine Ehe interessiere. Doch Johannes konnte sich nicht dem Druck der Familie entziehen, ein Erbprinz hat nun mal auch dafür zu sorgen, dass die Linie seines Geschlechts weiterbesteht.
Seine Wahl fiel auf eine junge deutsche Gräfin
Obwohl er unter den Prinzessinnen Europas auswählen konnte, interessierte er sich für eine junge deutsche Gräfin von verarmtem Adel: Gloria von Schönburg zu Glauchau. Sie kam aus einem sächsischen Geschlecht, das in der DDR enteignet worden war. Gloria war kein verwöhntes Adelskind, sondern eine hübsche, lebenshungrige und unverstellte 19-Jährige. Die erste Begegnung mit dem fast 34 Jahre älteren Johannes fand 1979 im Münchner "Café Reitschule" statt.
"Mein Mann war mir sehr ähnlich, er war auch auf der Flucht vor sich selbst. Er hat gehofft, in mir Halt zu finden, und ich in ihm. Bald merkte ich, dass ich die Stärkere bin und auf ihn aufpassen muss. Dadurch, dass ich praktisch mit der Muttermilch eingesogen habe, dass meine Familie zwar Geld und Schloss wegen der Enteignung durch Kommunisten nicht mehr hatte, die Identität und die Geschichte aber geblieben sind, wusste ich, dass wir auf der Standesebene absolut ebenbürtig waren", verriet sie später dem "Zeit-Magazin".
Nur kurz nach der Hochzeit folgt das erste Kind
Am 31. Mai 1980 wurde die Hochzeit gefeiert, die Trauung nahm der damalige Regensburger Bischof Rudolf Graber vor. Das Paar fuhr in einer goldenen Kutsche vor, das Haupt der Braut zierte ein Diadem aus über 2.000 Diamanten und Perlen, bereits Napoleons Gattin hatte es getragen. Für die Regensburger gab es Freibier.
Schon sechs Monate später kam das erste Kind zur Welt, Prinzessin Maria Theresia. 1982 wurde Prinzessin Elisabeth Margarete geboren, 1983 der Stammhalter Prinz Albert. Zu diesem Zeitpunkt war Johannes nach dem Tod seines Vaters Karl August von Thurn und Taxis im April 1982 zum Fürsten und Familienoberhaupt aufgestiegen.
Gloria wird zur Punk-Prinzessin
Als das dritte Kind ein Junge wurde, so erzählt es Gloria, "hat mein Mann durchgeatmet und ist wieder mit seinen Freunden losgezogen. Darunter habe ich sehr gelitten, weil ich mich darauf eingestellt hatte, dass wir als Familie jetzt alles gemeinsam machen - aber dann kamen seine Freunde ins Haus gepoltert, und ich wollte sie alle wieder rausschmeißen." Sie hat angefangen, ihr eigenes Jetset-Leben zu führen. Schrill, extravagant, bisweilen schockierend. Sie wurde die berühmte Punk-Prinzessin, trug Rokokokleider oder ein Kettenhemd, feierte in London, Paris, New York. Mit Mick Jagger, Prince oder Michael Jackson.
1986 zum 60. Geburtstag ihres Gemahls ließ sie eine Torte auffahren, die mit 60 Penissen aus Marzipan verziert war. Fürst Johannes soll sich wie ein Kind gefreut haben. Er war nun wieder ganz der Alte, ein Party-König, den die Yellow Press "Fürst von Tut und Tat nix" nannte.
Am 1. Oktober 1988 hatte der Thurn-und-Taxis-Chef zur Hirschjagd ins Revier um Schloss Aschenbrennermarter (bei Regensburg) geladen, auch den bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (1915-1988), der mit dem Hubschrauber direkt vom Münchner Oktoberfest kam. Kurz nach der Landung brach Strauß mit einem Schlaganfall zusammen, er starb zwei Tage später mit 73.
Johannes von Thurn und Taxis stirbt mit 64 Jahren
Zu diesem Zeitpunkt muss auch Johannes von Thurn und Taxis schon schwer herzkrank gewesen sein. Gloria hatte immer wieder versucht, ihren Mann zu bremsen, der sich neben seinen Vergnügungen auch dem Umbau des Familienimperiums in ein modernes Unternehmen widmete. Er sollte es nicht mehr erleben. Am 14. Dezember 1990 starb Johannes von Thurn und Taxis nach einer zweiten Herztransplantation im Münchner Uniklinikum Großhadern. Er wurde nur 64 Jahre alt.
Europas Hochadel und deutsche Spitzenpolitiker füllten die Regensburger Basilika St. Emmeram beim Requiem für Johannes von Thurn und Taxis. Der tote Fürst lag aufgebahrt im offenen Sarg, flankiert von Dienern in Livreen des 18. Jahrhunderts, vor ihm die fürstliche Krone, seine Orden, sein Schwert.
Seine Frau Gloria hat das Unternehmen Thurn und Taxis erfolgreich saniert. Sie verkaufte stückweise viele Anteile des Familienimperiums, um Schulden zu bezahlen und sich wieder stärker auf die Kernkompetenzen Immobilien und Grundbesitz zu konzentrieren. Chef des Hauses und 12. Fürst von Thurn und Taxis ist nun Sohn Albert Maria Lamoral Miguel Johannes Gabriel (42), ein promovierter Philosoph und Volkswirtschaftler. Er ist noch Junggeselle und in der Aristokratie eine hochbegehrte Partie - wie einst der Vater.