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Die klügste Band im ganzen Land

Kraftklub bringen die Zustände unserer Zeit besser auf den Punkt als alle anderen Bands der Republik. Eine ultimative Lobhudelei anlässlich der Veröffentlichung ihres dritten Albums "Keine Nacht für Niemand".

Kraftklub

Kraftklub: Wenn's "endlich mal einer sagt", dann ist es meistens Felix Brummer

Der "Endlich-sagt’s-mal-einer"-Reflex ist häufig die Wurzel allen Übels. Was sollen wir also anfangen mit einer Band, die sowohl in ihren Interviews als auch in ihren Songtexten fast immer die richtigen Worte findet? Ganz einfach: Wir sollten dankbar sein, dass es gibt. Das wird in diesen Tagen, da ihr neues Album "Keine Nacht für Niemand" erscheint und die Promo-Phase dazu auf Hochtouren läuft, wieder einmal besonders deutlich.

Wenn arrivierte Künstler heutzutage ihr neues Produkt anpreisen, wird es oft so belanglos und langweilig, dass es nur noch peinlich ist: In jedem Interview dieselben Antworten – zu groß die Angst, falsch verstanden zu werden und irgendeinem aus der Empörungsgesellschaft auf den Schlips zu treten. Nicht so bei Kraftklub, einer Band, für die Meinung geäußert und Haltung gewahrt gehört. Diese nur vermeintlich selbstverständliche Attitüde macht die Chemnitzer zu erfrischenden Exoten der Branche.

"Es ist alles so unsympathisch und so langweilig"

Allein in den ersten Interviews zur neuen Platte gibt Sänger Felix Brummer mehr kluge und reflektierte Antworten als viele seiner arrivierten Kollegen in 30 Jahren Bandgeschichte insgesamt zustande gebracht haben. Kein Wunder, irgendwie ist er schließlich auf einer Mission: Er fühle die neue "deutsche Befindlichkeitsmusik" à la Max Giesinger nicht, die im Radio rauf und runter laufe. Er will lieber polarisierende, interessante Musik mit einer Haltung hören, die er irgendwie teilen könne.

Also macht Brummer sie mit seiner Band einfach selbst. Und plaudert nebenbei über die Themen, die ihn bewegen. Zum Beispiel seine Verachtung für die Verweigerung jeglichen Exzesses bei immer jüngeren Menschen – nichts als Verachtung hat der 27-Jährige dafür übrig: "Jeder 15-Jährige geht ins Fitnesstudio, jeder will sich selbst optimieren", beklagt er im Interview mit dem "Diffus"-Magazin. Niemand sei mit sich zufrieden. Laster und Genuss würden deshalb überhaupt keine Rolle mehr spielen, als Raucher sei man zum Beispiel längst generell der letzte Dreck der Gesellschaft: "Man will heute so ein reines, gutes Leben führen – es ist alles so unsympathisch und so langweilig."

Der 27-jährige Brummer blickt mit staunenden Augen auf die Normen und Werte seiner Generation. Im Gespräch mit dem "Musikexpress" klingt ehrliche Fassungslosigkeit durch, als er auf den Wellnesswahn vieler seiner Altersgenossen zu sprechen kommt, den sie von den Schlagzeilen der Wohlfühlmagazine aufgeschwatzt bekommen: Alle seien bloß auf der Suche nach der maximalen Entspannung, dem ruhigsten Rückzugsort, der nächsten Möglichkeit zum "Chillen". Brummer kann das nicht verstehen. Er will keine Erholung, er will Beschleunigung.

Apropos: Ziemlich schnell Fahrt aufgenommen hat vor einigen Wochen auch die Empörung über die Zeilen des ersten Album-Vorboten "Dein Lied": "Du verdammte Hure", bellt Brummer da aus der Perspektive des gehörnten Boyfriends. Zu viel war das für die feministische Linke, aber auch für die routiniert-zornigen Alleskommentierer in den sozialen Netzwerken, die nicht zwischen der persönlichen Meinung des Künstlers und dem literarischen Ich unterscheiden können.

"Dein Lied": Unterschied zwischen Realität und Fiktion

Ist "Dein Lied" also ein klarer Fall von "Slutshaming"? Natürlich nicht, aber das Verständnis des Sängers für den peinlichen Shitstorm ist bewundernswert: Natürlich müssten junge Leute die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion noch lernen, da gehöre so ein Song dazu. Er könne sogar verstehen, wenn die Leute irritiert seien. Souverän entkräftet der Sänger aber im Interview mit "Diffus" jegliche Sexismus-Vorwürfe – er finde es "komplett dumm", wenn promiskuitive Frauen in Teilen der Gesellschaft als Schlampen gelten, während die Männer die Casanovas seien: "Das verkrustete Rollendenken ist reaktionäre Scheiße. Das ändert aber nichts daran, dass wir es spannend finden können, so eine Perspektive einzunehmen."

Brummer gefällt es, extreme Emotionen mit extremer Sprache zu transportieren. Die Lyrik von Kraftklub dreht sich aber bei weitem nicht nur um Zwischenmenschliches und zünftige Kraftausdrücke, sondern auch um die gesellschaftlichen Phänomene und Missstände unserer Zeit. Davon zeugten in der Vergangenheit bereits Hits wie "Ich will nicht nach Berlin" oder das großartige "Schüsse in die Luft". Auf "Keine Nacht für Niemand" findet sich nun ein Stück wie "Fenster", das aus der Sicht eines Wutbürgers erzählt wird und ironische Zeilen enthält wie: "Eins ist klar, so kann das nicht weitergehen mit dem Land / Vertraue nicht dem Staat – nimm es selber in die Hand."

Bei Kraftklub kommen solche Themen und Perspektiven ohne erhobenen Zeigefinger daher – was daran liegt, dass es für die Band selbstverständlich ist, sie aufzugreifen. Brummer kann Menschen nicht ernstnehmen, die sich als unpolitisch bezeichnen: "In Zeiten wie diesen ist es schwer, sich diesem Wandel zu entziehen, der sich gerade vollzieht und den nicht kritisch zu betrachten", sagt er.

Kraftklub: Haltung, ohne den Humor zu verlieren

Und weil es für Kraftklub nicht nur schwer, sondern schlicht nicht möglich ist, schreiben sie einen Song wie "Fenster" darüber. Oder machen ein paar klare Ansagen in ihren Interviews. Kraftklub haben Eier, und sie haben eine Haltung, über die sie nie ihren Humor verlieren. Mit dieser Kombination erinnern sie zwangsläufig an ihre großen Vorbilder, Die Ärzte, die sich gerne als "beste Band der Welt" bezeichnen (lassen).

Ärzte-Sänger Farin Urlaub zollt den jungen Thronfolgern auf "Keine Nacht für Niemand" bereits Respekt, indem er den finalen Refrain von "Fenster" singt. Urlaub hat ganz offensichtlich erkannt, dass sein Erbe in guten Händen ist. Die Ärzte mögen die beste Band der Welt sein, aber Kraftklub sind die klügste Band im ganzen Land. Denn: Wenn’s in Deutschland mal wieder "endlich einer sagt", dann ist es kein AfD-Poltiker oder Youtube-Verschwörungstheoretiker. Dann ist es meistens Felix Brummer. 

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