An sechs Tagen in der Woche wird gelernt. Täglich maximal fünf Stunden. Jede Unterrichtsstunde ist 45 Minuten lang. Zu Unterrichtsbeginn am Morgen wird gemeinsam ein Lied gesungen - und anders, als von manchen behauptet - war das nicht immer nur eine sozialistische Lobeshymne. Im Unterricht wird gerade gesessen, die Arme liegen verschränkt auf dem Tisch. Wer etwas weiß, muss sich melden, wer eine Antwort zu geben hat, steht dazu auf. Der dicke Dieter weiß selten etwas und ruiniert damit regelmäßig den Leistungsdurchschnitt der Klasse. Seine Eltern arbeiten als Melker bei der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) und sind meistens morgens, wenn Dieter zur Schule muss, im Stall.
Deshalb hat der Junge manchmal im Winter keine Jacke an und häufig keine Schulbrote dabei. Er hat Glück, dass es in der Schule täglich nach der zweiten Stunde für jedes Kind einen Viertelliter Milch für 20 Pfennige gibt und mittags das Schulessen für gerade mal 2,75 Mark pro Woche. Bei einem der regelmäßigen Gruppennachmittage hat die Lehrerin erklärt, dass Dieter geholfen werden muss. Deshalb wird einer der guten Schüler aus dem Gruppenrat beauftragt, künftig die Patenschaft für ihn zu übernehmen. Das heißt, nicht nur, mit Dieter am Nachmittag zu lernen. Das heißt auch, darauf zu achten, dass er pünktlich zum Unterricht kommt und in der Stunde nicht schwatzt. Die Schüler sollen frühzeitig lernen, in der Gesellschaft Verantwortung füreinander zu tragen. Förderung sozialer Kompetenz, die an vielen Schulen heute bedauerlicherweise kaum noch eine Rolle spielt. Allerdings wurden dabei in der DDR nicht selten auch die Grenzen zur Gängelei überschritten - und das mit Absicht. Ich war damals jedenfalls egoistisch und froh, dass ich keine Patenschaft übernehmen musste. So hatte ich Zeit, mit den anderen bei "Timur und sein Trupp" mitzumachen - ein Nachbarschaftsprojekt nach sowjetischem Vorbild.
In der Klasse gibt es zwei Gruppen. Die eine geht einmal pro Woche nach der Schule zum Religionsunterricht beim katholischen Pfarrer. Die andere zum Pioniernachmittag. Ich bin zunächst unentschlossen. Für den Religionsunterricht sprechen die Heiligenbildchen, die man für solides Bibelwissen bekommt - und die gegen bunte West-Glitzer-Sticker fürs Poesiealbum getauscht werden. Für den Pioniernachmittag sprechen das blaue Halstuch und der Pionierausweis. Zeichen einer mächtigen Gemeinschaft und Eintrittsticket für "Timur und sein Trupp".
Was wir da gemacht haben? Kleinere Besorgungen übernehmen für alte Leute oder schwangere Frauen und junge Mütter in unserem Wohnumfeld, wie beispielsweise einkaufen, Post wegbringen, Müll runter tragen. Jeden Tag eine gute Tat ist das Motto. Wer die meisten guten Taten vollbringt, hat gute Chancen, beim Schulfahnenappell zum Republikgeburtstag am 7. Oktober vor der gesamten Schülerschaft der 1. bis 10. Klassen gelobt zu werden und eine Auszeichnung zu bekommen, die wiederum im Zeugnis vermerkt wird. Die meisten Kinder der Unterstufe sind ganz wild darauf und unternehmen im Wettbewerb mit den anderen Schülern einiges, um dieses Ziel zu erreichen. Sie engagieren sich darüber hinaus beim Altstoffsammeln, schließen, wie von der Pionierleiterin gewünscht, Brieffreundschaften mit Kindern in der Sowjetunion, fertigen Wandzeitungen über die Schönheit der sozialistischen Heimat oder nehmen an Treffen mit kommunistischen Widerstandsveteranen teil. Begeisterung, die ab der fünften Klasse nachlässt. Die Rostocker Politikwissenschaftlerin Conchita Hübner-Oberndörfer schreibt: "Vor allem ältere Schüler empfanden diese Art der Freizeitgestaltung oft als Entmündigung und politische Indoktrination."
Bei meinen Mitschülern und mir stehen ab der fünften Klasse große Veränderungen an. Es gibt jede Menge neue Lehrer. Ein Junge verlässt die Klasse, weil er ab sofort als Radsporttalent auf eine der Sportschulen geht, in denen die DDR ihren Olympianachwuchs heranzieht. Begabtenförderung, die für die Familien der Kinder kostenlos ist und zu der auch insgesamt 14 mathematisch-naturwissenschaftliche Spezialschulen, einige Sprachschulen mit erweitertem Fremdsprachenunterricht und acht Einrichtungen für Schüler mit besonderen künstlerischen Begabungen gehören. Elitenförderung ist damals, anders als heute, erklärtes Bildungsziel und wird staatlich gesteuert. Dadurch kommt es auch Kindern zugute, deren Eltern allein nicht in der Lage sind, ihren begabten Nachwuchs entsprechend zu unterstützen. Allerdings wird es im Zweifelsfall auch gegen die Eltern durchgesetzt.
Ich habe - nach einer Gesetzesänderung - ab der 5. Klasse nur noch an fünf Tagen in der Woche Unterricht. Dafür sitze ich nun bis zu acht Stunden in der Schule und bewältige ein strenges Pensum an Lehrstoff. Ab sofort gibt es Russischunterricht als erste Fremdsprache, Biologie als erstes naturwissenschaftliches Fach und Geschichte stehen nun auch auf dem Lehrplan und ab der 7. Klasse folgt eine zweite Fremdsprache. Plus Staatsbürgerkunde, Physik, Chemie sowie "Einführung in die sozialistische Produktion" (ESP) und UTP - Unterricht in Technik und Produktion. Alle vierzehn Tage heißt das einen Unterrichtstag in einem Betrieb der Region zu verbringen. Ich lerne feilen, hobeln, technische Zeichnungen anfertigen und den Materialverbrauch für Bagger-Gelenkkapseln je Fünfjahrplan zu berechnen. Ich baue Teile in Waschmaschinen ein und erfahre, dass in der real existierenden Wirtschaft vieles anders ist, als die Lehrer im Unterricht behaupten.
In der Schule findet nun jeden Morgen vor der ersten Stunde die Politinformation statt. Dabei werden in der Klasse die aktuellen Artikel des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" besprochen. Ich ahne schon, dass es nicht darauf ankommt eine Meinung zu haben, sondern darauf, die richtige zu haben. Herauszufinden, welche die richtige ist, ist allerdings nicht immer leicht und führt vor allem in der fünften bis siebenten Klasse dazu, dass nicht nur ich immer wieder durcheinander komme. In solchen Fällen gibt es dann entweder einen Eintrag ins Klassenbuch, eine Auswertung in der Klassen-Versammlung oder wenn es ganz arg ist, einen Hausbesuch durch die Klassenlehrerin. Die meisten Kinder lernen spätestens ab der 8. Klasse im Zweifelsfall ihren Mund zu halten.
1978 wird an den DDR-Schulen das Fach Wehrkunde eingeführt. Mit Gasmaske und Trainingsklamotten robben die Schüler der 8. bis 10. Klassen künftig im Unterricht durchs Gelände und bereiten sich in praktischen Übungen auf den 3. Weltkrieg vor. Sie lernen, wie man sich vor einem Atompilz schützt, wie man Fenster verdunkelt und wer Schuld daran ist, dass der Weltfrieden wackelt: der Imperialismus. Ich habe - wie einige andere auch - einen Button am Parka, auf dem "Schwerter zu Pflugscharen" steht. Dafür fange ich mir eine Fünf ein, denn ich habe, erklärt der Staatsbürgerkundelehrer, nichts begriffen.