Sie haben der DDR den Rücken gekehrt und sind im Ungarnurlaub in den Westen geflüchtet. Dann fiel die Mauer. Doch Familie Müller ist geblieben – und hat sich im Schwarzwald ein neues Leben aufgebaut. Von Stefanie Zenke

September 1989: Die Familie Müller macht Urlaub in Ungarn© Zenke
Es sind fürchterliche Nächte. Wenn die Kinder schlafen, diskutieren sie stundenlang das Für und Wider. Edgar Müller versucht, seine Frau davon zu überzeugen, dass es der richtige Schritt in eine bessere Zukunft sein wird. Karola hat Angst, sie weint. Sollen sie ihre Eltern und Freunde im Stich lassen, das Risiko eingehen, sie niemals wieder zu sehen? Das neue Haus im thüringischen Neunhofen, für das sie soviel Zeit und Geld investiert haben, einfach Fremden überlassen? Oder alles auf eine Karte setzen. Alles hinter sich lassen, noch einmal ganz neu anfangen. Drüben, da wo die Freiheit etwas zählt. Die ungarische Grenze zu Österreich ist brüchig geworden, das wissen sie. Wenn flüchten, dann jetzt. Die Zeit, der verdammte Feind, sie läuft.
Sie haben es getan. Karola seufzt, in ihrem Seufzer wird er noch einmal frei, der Schmerz, der sie vor zwanzig Jahren bei ihrer Entscheidung begleitet haben muss. Es war ihr schlimmster Urlaub, den sie jemals mit ihrer Familie in Ungarn verbracht hat. "Denn ich wusste, am Ende, da steht die Flucht", sagt die heute 51-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und den Kindern Susan und Sören war sie an den Plattensee gefahren, um dort die Ferien zu verbringen. Die ersten DDR-Flüchtlinge passieren da bereits die grüne Grenze. Dann, am 11. September 1989, nehmen die Müllers ihr Schicksal selbst in die Hand, sie fällen die Entscheidung.
In Windeseile packen sie die Koffer mit den Sommerklamotten in den grünen Wartburg, die Kinder auf den Rücksitz. Der damals vier Jahre alte Sören freut sich auf das Abenteuer, er trällert: "Ab ins Hanuta-Bananen-Land." Er ist der Einzige, der die Fahrt unbeschwert genießt. Die neun Jahre alte Susan hockt neben ihm, sie versteht die Welt nicht mehr. Warum kehren sie nicht zu Oma und Opa zurück? Das Wort Freiheit hat noch keine Bedeutung für sie. Aber für ihre Eltern, die voller "Angst im Nacken" nach stundenlanger Fahrt begleitet von zehntausenden anderen Flüchtlingen die Grenze in einem nicht enden wollenden Autokonvoi passieren. Menschen stehen am Straßenrand, sie jubeln, klopfen auf die Motorhauben. "Wir waren wie im Rausch, konnten das alles gar nicht begreifen", sagt Edgar Müller.

Zwanzig Jahre nach der Flucht: Die Müllers (Karola, Susan, Sören und Edgar, v.l.n.r.) sind im Westen geblieben, haben sich im Schwarzwald eine neue Existenz aufgebaut. Im Hintergrund steht ihr Bekannter, der Starthilfe gab© Zenke
Ihr Weg führt sie nach Trostberg nach Bayern, wo sie zwei Tage in einem Lager verbringen. Karola zeigt auf ein Foto, das sie, eine zierliche blonde Frau in kurzen Hosen und luftigem Top vor einem Zelt zeigt: "Die Nummer 32, das war unseres." Spielsachen, Kleidung und Essen - für das Notwendigste ist gesorgt. Eine Blaskapelle spielt zum Empfang. "Für uns war das wie in einem Schlaraffenland, uns fielen die Augen raus", erinnert sich Edgar Müller. Die Fahrt geht weiter, nach Baden-Württemberg. Bekannte aus Calw haben versprochen, zu helfen. Am 13. September 1989, um 16 Uhr, steigen die Müllers völlig erschöpft aus ihrem Wartburg. Sie sind am Ziel. In Calw, im Nordschwarzwald. Hier werden sie neue Familiengeschichte schreiben. Und ihre alte, bislang vom DDR-Regime kontrollierte, endet dort laut Stasi-Akte mit folgendem Satz: "Müllers sind bei Bekannten im Schwarzwald untergetaucht."
Die Bekannten setzen alle Hebel in Bewegung, um für die junge Familie eine Wohnung und für Edgar, damals 35, einen Job zu finden. Wenige Tage später zieht sie in eine Dachgeschosswohnung eines Zweifamilienhauses in Neuweiler, im Betrieb der Vermieterin Annemarie Senar findet der gelernte KfZ-Meister seine erste Arbeitsstelle im Westen. Karola, bislang als kaufmännische Angestellte tätig, trägt die Zeitung aus. Sören geht in den Hort, Susan in die Schule. Sie vermissen die alten Freunde, die Großeltern. Die Eingewöhnung in der Fremde fällt ihnen schwer, sie werden anfangs von den anderen Kindern nicht akzeptiert.
Kochtopf, Staubsauger, Bettbezüge - das Überbrückungsgeld von 800 Mark ist schnell verbraucht, irgendwie müssen auch die 350 Mark Müllgebühren, die die Stadt sofort haben will, bezahlt werden, die Kinder brauchen etwas zum Anziehen, der Winter steht vor der Tür. Das Ehepaar Müller rackert, in der kleinen Gemeinde wird gesammelt, die Hilfsbereitschaft der Menschen auf dem Dorf ist enorm. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dem jungen Paar nicht. Vierzig Joghurtsorten im Supermarktregal, Bananen, Orangen und Nutella - das Angebot des Westens erschlägt die Familie. Karola erinnert sich, wie ihr beim ersten Einkauf die Tränen kamen. "Dass es das alles gibt, das wussten wir nicht." Die neue Freiheit wird Schritt für Schritt erprobt: Von dem ersten selbst verdienten Geld das sie abzweigen können, kaufen sie sich einen gebrauchten Audi 100, ihren ersten Urlaub verbringen sie in Bayern.
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