15. März 2012, 18:18 Uhr

Polizei entschuldigt sich für Fehler bei Breivik-Einsatz

Es waren unfassbare Bilder: Jugendliche sitzen auf der Insel Utøya fest, in der Gewalt eines Massenmörders, eine tödliche Falle. Nun zeigt ein Polizeibericht: Ein schnelleres Eingreifen hätte Leben retten können. Die Polizei entschuldigt sich.

Anders behring Breivik, Oslo, Norwegen, Anschläge, Attentate, Rechtsterrorist, Anklage, prozess, Terrorismus, Polizei, Fehler, Einsatz

Attentäter Anders Behring Breivik wird am 16. April der Prozess gemacht©

Mit deutlichen Worten hat Norwegens Polizeichef Fehler beim Einsatz gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik eingestanden und die Betroffenen um Verzeihung gebeten. "Im Namen der Polizei entschuldige ich mich dafür, dass es uns nicht gelungen ist, den Angreifer früher festzunehmen", sagte Oystein Maeland bei der Vorstellung des Einsatzberichtes am Donnerstag. "Jede Minute war eine Minute zu viel. Zu wissen, dass Leben hätten geschont werden können, wenn der Angreifer früher festgenommen worden wäre, ist schwer zu ertragen."

Der Bericht kam zum Schluss, dass die Einsatzkräfte "theoretisch" 16 Minuten früher die Insel Utøya hätten erreichen können, sagte die für das Gebiet zuständige Polizeichefin Sissel Hammer. Das wäre aber nur möglich gewesen, wäre direkt ein Boot verfügbar gewesen und hätte es keine Probleme mit der Kommunikation gegeben, sagte sie. Breivik hatte am 22. Juli vergangenen Jahres 69 Teilnehmer eines Ferienlagers auf Utøya erschossen. Zuvor starben acht Menschen bei der Explosion einer Bombe, die er im Osloer Regierungsviertel gelegt hatte.

Nach dem Massaker war immer wieder Kritik am Polizeieinsatz aufgekommen. Dabei ging es vor allem um die Frage, warum so viel Zeit bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte auf der Insel verging und ob die Einsatzkräfte von einem viel zu weit entfernt liegenden Ort mit dem Boot zu der Fjordinsel übergesetzt haben.

Zu wenig Beamte, Notrufzentralen überfordert

Der Bericht zeige nun, dass die Notrufzentralen überfordert waren, sagte der frühere Polizeichef Olav Sonderland, Leiter der Kommission, die den Bericht erstellt hat. Viele Anrufe blieben unbeantwortet. Auch die Funkverbindung der Einsatzkräfte sei beeinträchtigt gewesen. Die Polizisten erhielten widersprüchliche Berichte über mehrere Schützen auf der Insel.

Informationen über Breivik hätten viel eher an sie weitergeleitet werden können, sagte der Osloer Polizeichef Anstein Gjengedal. Die Polizei habe zunächst einen zweiten Anschlag in Oslo erwartet.

Zu wenig Beamte waren am Einsatz beteiligt, auch das zeige der Bericht, sagte Sonderland. Künftig solle es daher eine "minimale Personalbesetzung" geben. Außerdem sollen die Kommunikationswege verbessert werden, speziell zwischen einzelnen Polizeieinheiten. Insgesamt zählt der Bericht 54 Verbesserungsmaßnahmen auf.

Breivik muss sich vom 16. April an wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes vor Gericht verantworten. Ein erstes psychiatrisches Gutachten hatte den geständigen Täter für unzurechnungsfähig erklärt. Nun wird der Geisteszustand des Attentäters aber ein zweites Mal untersucht.

kng/DPA/AFP
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Attentäter von Oslo und Utöya Staatsanwalt klagt Breivik wegen Terrorismus an

Die Staatsanwaltschaft hat den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik wegen eines Terrorakts und wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt. Der Prozess soll am 16. April beginnen.

Jens Breivik im stern-Interview Mein Sohn, der Massenmörder

Er will seinem Sohn, dem 77-fachen Mörder, bald in die Augen sehen. Verzeihen aber kann er ihm nicht. Jens Breivik, Vater von Anders, bricht im stern sein Schweigen.

Norwegens Ministerpräsident im stern.de-Interview "Wir müssen Menschlichkeit zeigen"

Er nimmt die Unzurechnungsfähigkeit des Massenmörders Breivik gelassen hin: Der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg pocht im stern.de-Gespräch auf die Einhaltung von Recht und Gesetz.

Vor Breivik-Prozess Massenmörder gibt TV-Interview

In wenigen Monaten beginnt der Prozess gegen Anders Behring Breivik in Norwegen. Entgegen den Ratschlägen seiner Anwälte hat der Massenmörder sich nun bereit erklärt, ein Fernsehinterview zu geben - wem ist noch nicht bekannt.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?