stern.de für unterwegs
. .
Panorama-Nachrichten
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

 
2. Februar 2009, 17:52 Uhr

Der entzauberte Papst

Vor knapp vier Jahren waren wir Papst - und stolz. Heute sind wir ernüchtert - und das zu Recht. Denn nach seinen jüngsten Aktionen dürfte auch dem letzten Wohlmeinenden klar sein: Selbst in Benedikt XVI. steckt nur der alte Josef Ratzinger. Und der hat mit einer liberalen Kirche nicht viel am Hut. Ein Kommentar von Frank Ochmann

Zoom
Papst Benedikt XVI., Katholizismus, Religion, Vatikanisches Konzil

Ein Januarwunder: Papst Benedikt machte die Blinden sehend - denn nach seinen jüngsten Aktionen ist die rosarote Brille endgültig Geschichte© Danilo Schiavella/DPA

Wie glücklich wir waren! Denn Papst waren wir! Nicht einmal vier Jahre ist es her, da stand ein Deutscher auf der Loggia von Sankt Peter, grüßte ungelenk die Menge unten auf dem Platz wie einst Gerhard Schröder seinen Parteitag, und alle zusammen konnten es kaum fassen: Joseph Ratzinger, der "Panzerkardinal", der Großinquisitor mit dem unsicheren Hüsteln, der sich angeblich auf nichts so sehr gefreut hatte wie auf den nahen Ruhestand, war der neue Hohepriester der katholischen Kirche - und strahlte zufrieden. "Beeeee-ne-detto", riefen sie rhythmisch in Chören von unten wie noch kurz zuvor "Gio-vaaaaani-Paolo", als habe sich nur der Name des weiß gekleideten Mannes auf dem Balkon geändert.

Plötzlich Medienstar

Und auch die Medien - die deutschen vor allem - konnten gar nicht genug jubilieren. War er nicht ganz menschlich auf einmal? Ging er, der sonst so Reservierte, ja Schüchterne, nicht plötzlich ganz erstaunlich aus sich heraus? Streichelte er nicht Kinder so liebevoll wie der charismatische Pole zuvor? Scherzte er nicht sogar mit den Journalisten und Pilgern? Dass er dabei davon sprach, ihn habe die Wahl wie ein Fallbeil getroffen, ließ den einen oder anderen vielleicht wegen der seltsamen Bildwahl zusammenzucken. Aber das war schnell verdrängt.

Die folgenden Wochen und Monate sind ein Paradebeispiel für kollektive Blindheit. Wie bei Frischverliebten spülten die Wogen heißer Gefühle jeden noch kurz aufmuckenden Gedanken der Art "Ja, aber hat er nicht früher ..." hinweg. Das war doch Geschichte. Jetzt gab es Ratzinger 2.0! Und wer an Ratzinger 1.0 erinnerte und an die Zerschlagung der Befreiungstheologie, die immer neue Diskriminierung von Schwulen und Lesben, den rabiaten Umgang mit Geschiedenen, die Schikanen, die den deutschen Bischofsbrüdern in Sachen Schwangerschaftsabbruch angetan worden waren, und auch die damals schon unübersehbare (und unüberlesbare) Sympathie für die Kritiker und Gegner des Zweiten Vatikanischen Konzils, der wurde behandelt, als habe er auf einem Kindergeburtstag mit der Faust in die Torte geschlagen.

Der Neue ist noch der Alte

Und jetzt? Jetzt erkennen auch die letzten Hoffnungstrunkenen mit Schmerzen, dass der Neue doch nur der Alte ist. Er hat sich übrigens nie sonderlich verstellt in den vergangenen vier Jahren. Das immerhin sollten wir Joseph Ratzinger zugute halten. Als Benedikt XVI. hat er nur vollendet, nur abgerundet, nur mit der Macht des höchsten kirchlichen Amtes vergoldet, was er in den Jahrzehnten davor erkannt, gelehrt und ziemlich gnadenlos - auch da aber immer schon mit einem freundlichen Lächeln - durchgesetzt hatte.

Johannes Paul II. hat das allermeiste davon reibungslos durchgehen lassen, war doch auch er ein Konservativer, der sich eher im Gegenüber zur "Welt" sah als im Bund mit ihr. Die vom polnischen Pontifex vehement bekämpfte dreiköpfige Schlange der Gottlosigkeit - Konsumismus, Sexismus, Liberalismus - wird unter seinem intellektuelleren Nachfolger zur "Diktatur des Relativismus". Joseph Ratzinger hat immer darunter gelitten, dass "die Welt" sich der Führung "der Kirche" (seiner natürlich nur) so störrisch widersetzt, wie sie es gerade wieder tut. Was soll denn werden, wenn alle selber denken?

Das Gehirn im Dauerdämmer

Die neuesten päpstlichen Fehltritte hätten dann einen Sinn, wenn das jetzt geweckte "Selber denken" auch in der Kirche nicht binnen weniger Wochen schon wieder einschliefe. Das peinlichste Problem ist nicht dieser Papst. Der wirkliche Skandal sind die dumpfen Nachbeter, die Schönredner, die Rückgratlosen mit und ohne Weihe und alle, die das - so sie es denn glauben - von ihrem Schöpfer geschenkte Gehirn im dauernden Dämmer halten, um ja nicht vor der Wirklichkeit erschrecken zu müssen.

Haben sie alle nicht gehört, wie Benedikt XVI. in Auschwitz davon sprach, eine "Schar von Verbrechern" habe sich in der Nazizeit des deutschen Volkes bemächtigt und es missbraucht, als seien zwischen Flensburg und Füssen, und von Köln bis Königsberg eigentlich nur Opfer und kaum Täter zu finden gewesen? Haben sie alle nicht mitbekommen, wie die Karfreitagsbitte zur Bekehrung der Juden wieder in die Liturgie aufgenommen wurde? Aber viel spannender war ja offenbar, welche Kopfbedeckung Heiligkeit für seine offziellen Auftritte wählte. Dabei hätte selbst die pontifikale Modenschau Grund zur Besorgnis für alle die sein müssen, die sich eine liberalere Kirche und wie das Zweite Vatikanische Konzil eine "Kirche in der Welt von heute" wünschten.

Kein unglücklicher Zufall

Dass der alte Zeremonienmeister Marini durch einen erzkonservativen Namensvetter ersetzt wurde und nun wieder prunkvolle Thronsessel unter dem Baldachin Berninis stehen, wenn der Heilige Vater in Sankt Peter zelebriert, ist keine simple modische Marotte. Das ist Programm und Signal. Und das Dekret zur Wiederaufnahme der halsstarrigen Konzilsgegner, veröffentlicht wenige Tage vor dem 50. Jahrestag der Verkündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII., ist kein unglücklicher Zufall. Es ist die Todesurkunde des Konzils.

Ein Kommentar von Frank Ochmann
KOMMENTARE (10 von 76)
 
didi43 (05.02.2009, 17:01 Uhr)
Der entzauberte Pabst
Das Dogma der Unfehlbarkeit des Pabstes hat sich jetzt zum wiederholten Male als nicht zutreffend erwiesen. Von daher wundert es nicht, wenn die anderen Dogmen (jungfräuliche Geburt, Dreifaltigkeit u. a.) zunehmend als nicht mehr zeitgemäß bzw. nicht mehr zutreffend angesehen werden. Die Rückgewendetheit der katholischen Kirche passt nicht mehr in die heutige Zeit gemäß der Meinung der renomierten katholischen Religionswissenschaftlerin Uta Ranke-Heinemann, die die katholische Religion als 2000 Jahre alte Märchenreligion für Kleinkinder anprangerte. Reformen sind dringend erforderlich.
Sternenzeit (05.02.2009, 15:08 Uhr)
@GordonBleu
Au fein, gute Idee! Genau, lasst uns alle mit dem Papst über (Themenvorschlag zur Diskussion mit "alten Mann") das "Innenleben eines Kugelschreibers in direkter Analyse zum Liebesleben debiler Gletscherseen in Alaska" diskutieren!
Hoffentlich wird bald wieder ne neue "Sau" durch´s Dorf getrieben, mir hängt der "Religionsmurks" (egal von wem!!!!) langsam zum Hals raus.
Entspannt euch....! Ach so GordonBleu: "und nein, ich bin gar nix"
GordonBleu (05.02.2009, 13:50 Uhr)
ich würd gern mal ...
den ein oder anderen der hiesigen kommentatoren (gern auch den artikel-schreiber) in einer diskussion mit dem papst erleben. wie lange würde es dauern, bis euch dieser "alte mann" im gespräch zum hansel gemacht hätte? und nein, ich bin kein katholik.
gunnarhaeger (05.02.2009, 12:24 Uhr)
Armer Benedikt
...das man ihn so etwas unterstellt! Wirklich eine Frechheit, zumal der Papst ja unfehlbar ist. Halten wir also fest: Die einzig wahre Kirche ist die katholische und der Prophet Mohammed hat noch nie etwas Gutes gebracht. Alles Sätze von Benedetto. Bestimmt nicht so gemeint..... Merke: Auch ein Ratzinger kann nicht aus seiner Haut. Aber wir haben alles nur missverstanden, oder?
picaro (05.02.2009, 11:38 Uhr)
Tja, ein lustiges Kostüm
und ein albernes Mützchen bzw. Käppi reichen wohl doch nicht aus, Unfehlbarkeit zu erlangen. Ob Gott sich seinen Stellvertreter so vorgestellt hat?
reinhardmoysich (04.02.2009, 13:48 Uhr)
Aufruf zum Kirchenaustritt!
Wenn ich bedenke, dass der Papst mit seinen Beschlüssen immer mehr an Mitmenschlichkeit und den Kontakt zur Realität verliert, so wundert es mich sehr, dass noch immer so viele Millionen Menschen Mitglied in der katholischen Kirche sind, in welcher der Papst alles und die Mitglieder nichts zu sagen haben - jedoch haben sie die sehr wichtige Macht auszutreten.
Dieser Papst und diese Kirche sind nur bereit zu einem wirklichen Wandel im Sinne der christlichen Nächstenliebe, wenn ihnen massenhaft die „Rote Karte“ gezeigt wird - mit einem energischen „So nicht mit mir, nicht mit meiner Mitgliedschaft und meinem Geld!“.
Außerdem: Laut Umfrage bekennen sich die allermeisten Kirchenmitglieder nicht dazu, Christen zu sein. Daher wäre es sehr wünschenswert, wenn diese „unchristlichen“ Kirchenmitglieder ehrlicherweise aus der Kirche austreten und das eingesparte Geld möglichst an rein humanitäre Vereinigungen überweisen, z.B. Rotem Kreuz.
Zumal die Kirchenaustrittserklärung glücklicherweise sehr einfach und ohne jegliche Kontaktaufnahme zur Kirche möglich ist: je nach Bundesland (näheres auf www.Kirchenaustritt.de) entweder beim örtlichen Standesamt oder Amtsgericht kostenlos oder gegen geringe Gebühr.
Und diejenigen katholischen Kirchenmitglieder, die sich zum Christsein bekennen, können ja leicht z.B. zur wesentlich mitmenschlicheren und realitätsnäheren evangelischen Kirche wechseln.
vegefranz (03.02.2009, 19:18 Uhr)
in 10 Jahren herrschen hier ohnehin die Mullahs
dann kann der Hirnakrobat nochmals sagen: "Männer in langen Röcken gehören eingewiesen" - das ist dann auch das letzte was er sagt, bevor ihm die Taliban die Eier abschneiden. Aber egal - über den Papst darf man hier ohne weiteres schimpfen
chaos1234 (03.02.2009, 18:22 Uhr)
harry potter und die bibel
Die Bibel - das erfolgreichste Buch der Welt - ist im Prinzip wie die Harry Potter Romane. Utopische Geschichten über übernatürliche Phänomene die ein normal sterblicher nicht ergründen kann. Harry Potter Romane sind dabei allerdings weit weniger satanisch als die Bibel selbst. Nur das eben die größte Erfindung der Menschheit dort ihr Manifest fand. GOTT hat nicht die Menschen erschaffen - die menschen haben Gott erfunden. Als Drohkulisse, als Heilsbringer oder, um es auf den Punkt zu bringen, als Führer. Jesus, der Prophet (nicht der Sohn Gottes - diese lächerlichkeit wurzelt in einem Kaiser) war Jude. Ein Mann wie Gandhi vielleicht. Warum Gandhi? weil wir seine Geschichte besser kennen und weil seine Geschichte eine wahre Geschichte ist. Was aber war Jesus? Ein Zimmermann? Ein Prophet? Ein Laienprediger? Ein Rabbiner? War er a-sexuell oder bi-sexuell? Sagt die Bibel darüber etwas aus? Nein, das wäre ja nicht im Sinne der katholischen Kirche. Dort gibt es keinen Sex bzw. nur in der Ehe und alles andere ist dreckig und verachtenswürdig. Die alten Männer im Vatikan sollte man in den Tiber werfen. Da gehören sie hin, auf die Mülldeponie der Geschichte. Damit nie wieder im Namen der Kirche gemordet und Kriege geführt wird.
Spocks_Kommentar (03.02.2009, 17:55 Uhr)
Ich liebe diesen Papst,
wenn er mit der Kirche fertig ist, wird sie sein, was sie verdient: Eine unbedeutende Sekte für Randgruppen.
Er ist auf dem besten Weg, die Welt von einem der größten Übel zu erlösen, von der katholischen Kirche.
Da soll noch einmal einer sagen, aus Deutschland kommt nichts vernünftiges.
blackvalvet (03.02.2009, 16:17 Uhr)
hm.........
Echt nicht schlecht was hier geschrieben wird,ich finde Religion egal in welcher Form sowieso stark überbewertet,kann einem sogar manchmal Angst machen, was wollen die denn von dem alten, da hat er mal gesagt was er denkt und schon bekommt er nen Einlauf vom feinsten,kommt da mal wieder unser Vergangenheits-Zeigefinger ihr pösen Deutschen Holocoust verleugner,muss ich mich denn jedesmal wenn ich morgens die Augen öffne schähmen für das Land aus und in dem ich lebe ?
Armseleige Gesellschaft.
MEHR ZUM ARTIKEL
Benedikt XVI. Der Papst provoziert erneut

Die Empörung über die Rehabilitation des Holocaust-Leugners Bischof Richard Williamson ist noch nicht verklungen, da stößt der Papst erneut viele Gläubige vor den Kopf: Benedikt XVI. hat einen ultrakonservativen Priester zum Bischof ernannt. Nun wächst der Unmut über den Papst - auch in der katholischen Kirche. mehr...

Papst Benedikt XVI. Katholiken sind bessere Christen

Der Vatikan hat den protestantischen Glaubensgemeinschaften erneut den Kirchenstatus abgesprochen. Die evangelische Kirche fürchtet nun um den ökumenischen Dialog. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, will nun den Schaden begrenzen. mehr...

 
stern.de in Social Networks
 
Mobil
 
Widgets
 
 
Adobe Flash Player