Die Brust des Anstoßes

6. April 2013, 10:06 Uhr

Sie ziehen sich aus, sie schreien, sie lassen sich filmen und fotografieren. Und alle gucken hin. Warum die Aktionen der Frauenrechtsgruppe Femen so erfolgreich sind. Von Sophie Albers

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Femen, Alexandra Shevchenko, Nacktprotest, Inna, Berlin, Paris, Amina, Freedom, Islamismus, Berlusconi, Kiew, KGB, Lukaschenko

Jedes Mal in den Schlagzeilen: Femen in Aktion - hier in Berlin im "Topless Jihad Day" zur Unterstützung von Amina Tyler.©

Keine zehn Minuten hat die Aktion "Topless Jihad Day" vor der ältesten Moschee Berlins gedauert. Sechs Aktivistinnen der Frauenrechtsorganisation Femen haben am Donnerstagmorgen ihre Oberkörper entblößt und mit Parolen auf Plakaten und auf der Brust gegen die Unterdrückung der Frau im Allgemeinen und das Verschwinden der tunesischen Bloggerin Amina im Besonderen protestiert. "Fuck your Morals", "Fuck Islamism", "Naked Freedom", "Free Amina" stand auf Papier und Haut zu lesen. Und das sei erst der Anfang, sagt Femen-Mitbegründerin Alexandra Shevchenko im Gespräch mit stern.de.

Niemand weiß genau, wie es der jungen Tunesierin Amina Tyler derzeit geht, der im eigenen Land mit Steinigung gedroht wurde, nachdem die 19-jährige Femen-Anhängerin sich mit nackter Brust und Parolen fotografiert und die Bilder online gestellt hat. "Mein Körper gehört mir, und er ist nicht Quelle von irgendjemandes Ehre", war auf ihrem Oberkörper zu lesen. Französische Journalisten berichteten, dass Amina von der eigenen Familie gefangen gehalten und unter Drogen gesetzt worden sei. Aber auch, dass sie trotzdem weitermachen wolle mit ihrem Protest.

Protestkultur neu erfunden

"Es wird Millionen Aminas geben", hat sich die ägyptische Aktivistin Aliaa Elmahdy für ihr Unterstützerfoto auf die eigene nackte Brust geschrieben. "Wir kriegen jeden Tag mehr Solidaritätsbilder", freut sich Shevchenko. "Es sind schon mehr als 300. Auch Männer sind dabei." Und nein, sie wisse nicht, ob Amina die internationale Unterstützung bewusst sei. "Sie hat derzeit keinen Zugang zu Telefon oder Internet." Nicht nur in Berlin, auch in Paris, Brüssel, Mailand und Kiew haben Femen-Frauen am Donnerstag vor tunesischen Konsulaten und Moscheen für Amina demonstriert. In Paris und Kiew wurden sie dafür vorübergehend festgenommen. "Unsere Aktionen sind ein Test für die Demokratie", sagt Shevchenko. "Wenn wir verhaftet, bedroht oder geschlagen werden, stimmt etwas nicht."

Tatsächlich hat die 2008 in der Ukraine gegründete Organisation die Protestkultur neu erfunden. Und dafür wird sie immer wieder heftig kritisiert. Während manche Männer sich belästigt fühlen, nehmen manche Feministinnen der alten Schule sich gar nicht erst die Zeit, mehr in Femen zu sehen als die seit jeher von Werbung und Medien dauereingesetzten blanken Busen.

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Die Polizei versucht, die Femen-Demonstration in Paris aufzulösen.©

"Unsere Brüste machen sie wütend"

Also, Frage an Alexandra Shevchenko: Was ist mit dem Männerblick, der sich doch nur wieder an nackten Busen aufgeilt? Den gebe es so nicht, sagt sie bestimmt. Im Gegenteil. "Unsere Brüste machen sie wütend. Bisher war das Bild der nackten Frau unter männlicher Kontrolle. Wir entreißen es ihnen, das ärgert sie." Und damit zeigten sie ihr wahres Geischt. Die Leute seien nicht dumm, führt Shevchenko aus: "Sie sehen den Unterschied zwischen den sexy Nackten der Bier- oder Kekswerbung und den wütenden, aggressiven Frauen, die etwas zu sagen haben." Ihre Kollegin Inna Shevchenko (keine Verwandtschaft), die nach einer gewaltsamen Entführung aus der Ukraine nach Paris geflohen ist, brachte es im "Guardian"-Interview mit dem Satz "Ich bin stolz, dass nackte Frauen nicht mehr nur auf dem 'Playboy' zu sehen sind" auf den Punkt.

"Wir sind das Wasser, dass den Stein aushöhlt", sagt Alexandra Shevchenko. Denn so sieht sie die Realität der Frauen: als "alten, schweren Stein", dessen Existenz bisher einfach hingenommen worden ist. Natürlich werde Femen wachsen, sagt sie weiter: "Es ist nicht so, dass wir die ganzen Aktionen organisiert hätten." Die Frauen seien von sich aus auf die Straße gegangen, um gegen das Patriarchiat zu kämpfen, das sich laut Femen in Sexindustrie, Religion und Diktatur manifestiere.

Die neuen Waffen der Frauen

Es ist ein neuer, zeitgemäßerer Feminismus, den junge Frauen suchen, wenn man sich die Aufschrei-Debatte ansieht. "Junge Frauen wollen keine langen Texte lesen", sagt Shevchenko im "Guardian". Der Schlüssel sei etwas Visuelles. "Wir brauchten etwas, das die Leute schockiert, sie durchschüttelt, ihre Aufmerksamkeit packt." Deshalb die intensive Beziehung zur Presse, die wirklich jede Aktion von Femen begeistert begleitet.

"Wir haben nie behauptet, dass unsere Brüste so verdammt mächtig sind", so Shevchenko zu stern.de. "Die Reaktionen zeigen uns, dass sie es sind."

 
 
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