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U2-Konzert in Berlin: Steter Tropfen ölt die Stimme: Bono badet in Pathos

Im Berliner Olympiastadion feierten U2 den 30. Geburtstag ihres Albums "The Joshua Tree". Sänger Bono badete dabei im Dauerregen und in Kübeln voller Pathos.

Bono

Sänger Bono beim U2-Konzert in Berlin

Die schönsten Tänzer an diesem Abend waren die Wasserlachen auf den Bass-Lautsprechern. Unermüdlich wippten sie im Takt mit, formierten sich zu kleinen Wellen und spiegelten das Licht der Scheinwerfer wider. Und das war blutrot, als die irische Band U2 am Mittwochabend die Bühne des Olympiastadions betrat.

Als erster kam Larry Mullen jr., der Schlagzeuger. Wie immer im Muskelshirt, wie immer mit ölig zurückliegendem Haar und natürlich äußerlich ungerührt. Kein Winken, kein Nicken. Mullen ging zu seinen Drums wie andere ins Büro. Arbeit eben. Aber dann knüppelte Mullen kräftig auf seine Trommeln, und es genügten vier, fünf Schläge, da hüpfte gleich das ganze Stadion. 70 000 Menschen. Sie tanzten zu "Sunday Bloody Sunday", grundiert von einem Schlagzeugrattern, hart und schnell.

Eine Zeitmaschine zurück in die 80er

"Sunday Bloody Sunday" ist ein wichtiges Lied in der Geschichte von U2. Ein musikalisches Mahnmal, das an den die Opfer des Nordirland-Konflikts erinnert. Vor allem aber ist es ein traurig-romantisches Stück, das das Publikum binnen Sekunden in die 80-er Jahre zu katapultieren vermochte. Eine Zeitmaschine. Und genau diesen Flug hatten ja alle gebucht, die ins Olympiastadion gekommen waren: Zurück zu den Anfängen von U2, in die Jahre, als die Band noch puristisch unterwegs war. Ohne künstliche Verfremdungen und Verzerrungen, ohne digitales Nachpolieren. An diese Verabredung hielten sich U2 dann auch.

Das Berliner Konzert war eine Feier des eigenen Frühwerks, vor allem des Albums "The Joshua Tree", erstmals veröffentlicht vor 30 Jahren. Sie spielten selbstverständlich die großen Nummern wie "Where the Streets Have No Name“, "I Still Haven`t Found What I’m Looking For" und "With or Without You". Die gehören zu jedem U2-Konzert, seit Jahrzehnten schon. Richtig Klasse gewinnt der Auftritt dann durch Songs wie "Running to Stand still" oder "In God’s Country" - und erst recht durch "One Tree Hill". Kleine Meisterwerke mit umwerfend schöne Melodien, zu unrecht vergessen.

U2 hüten einen Schatz an Hymnen

Je länger U2 spielen im Dauerregen von Berlin, desto ahnbarer und fühlbarer wird dieser riesige Schatz von Hymnen, den die Band hütet. Wahrscheinlich könnten U2 bis ans Ende ihrer Tage um die Welt reisen, ausschließlich die alten Sachen spielen - und jedes Stadion auf diesem Planeten wäre binnen Stunden ausverkauft.

Wie schwer der Umgang mit der eigenen Geschichte sein kann, zeigte am Mittwochabend die Vorband von U2. Noel Gallagher, einst Gründer der weltbesten Band Oasis, kam mit seiner neuen Mannschaft, den "Highflying Birds". Gallagher nudelte die alten Hits runter und schien froh, als es vorbei war nach 50 Minuten. "Champagne Supernova" und "Wonderwall" sind eigentlich Lieder für die Ewigkeit - doch als hingerotzte schnelle Nummern ließen sie in Berlin das Publikum kalt.

U2 sind da viel sorgsamere Verwalter ihres Frühwerks, wenngleich auch ihr Sänger Bono nicht immer stilsicher unterwegs ist. Einfach nur ein gutes Konzert zu spielen, das ist für Bono zu wenig. Er muss nebenbei noch die Welt retten. Hier eine Spitze gegen Trump, da ein Appell an Erdogan.

Der größte Hit zum Schluss

Welch Hybris zu glauben, dass ein Rocksänger auch nur irgendetwas zum Guten wenden könnte bei diesen beiden Männern. Und dann sollen alle Konzertbesucher auch noch "Happy Birthday" für Malala Yousafzai singen, der Kinderrechtsaktivistin. Weil die wenigsten zu wissen scheinen, wer das genau ist, fällt das Ständchen sehr leise aus.

Mit "One" beschließen U2 den Abend, es ist wohl der berührendste Song der Band, vielfach gecovert, unter anderem vom großen Johnny Cash. Das Publikum darf nochmal in Nostalgie baden; durchnässt von drei Stunden Nieselregen ist es da sowieso schon.

Anlässlich des 30. Geburtstags von “The Joshua Tree” sind bei Island (Universal) mehrere Sondereditionen des Albums erschienen. Unter anderem ein Set mit 4 CDs und umfangreichem Bonusmaterial sowie eine Limited Edition mit 7 LPs. Herzstück der Editionen ist der Live-Mitschnitt eines Konzerts im Madison Square Garden 1987. 

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