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Die Klamotte der Neonazis

Hetze in Passau, Randale in Leipzig: Neonazis sorgen seit Wochen für Schlagzeilen. Zu ihren Erkennungszeichen gehören Klamotten der Marke Thor Steinar. Wer steckt hinter dem ostdeutschen Label, das mit germanischen Symbolen spielt? Der stern hat nachgeforscht.

Von Martin Knobbe und Claudia Pientka

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Claudia Pientka und Martin Knobbe

Ließe sich der Erfolg eines Unternehmens an der Schönheit seines Eingangs ablesen, so stünde die Mediatex GmbH kurz vor dem Ruin. Ein verrostetes Eisentor, ein zerbeulter Briefkasten, der graue Hinterhof eines Autohauses. Ein zerkratztes Schild, das Unbefugten den Zutritt untersagt. Ein trister Ort in Zeesen, Brandenburg, eine halbe Stunde von Berlin entfernt. Hier ist das Erfolgslabel des rechten Lifestyles zu Hause: Thor Steinar. Ginge man davon aus, dass der Chef eines florierenden Unternehmens gern vom Erfolg erzählt, dann müsste Uwe Meusel, 33, plaudern ohne Ende. Stattdessen gibt sich der Mann, gebräuntes Gesicht, weißes Langarmshirt, wortkarg. "Dazu sage ich Ihnen nichts", quittiert er Fragen zu seiner Firma.

Im Jahr 2003 gegründet, macht die Mediatex GmbH mittlerweile geschätzte zwei Millionen Euro Umsatz und beschäftigt 40 Mitarbeiter. Der Vertrieb über das Internet läuft gut, es gibt eigene Filialen sowie 160 Partner, die Thor Steinar verkaufen. Gefertigt werden die Hemden, Hosen, Jacken und Pullover, die bei rechtsradikalen Aufmärschen allgegenwärtig sind, hauptsächlich in der Türkei und in China.

Nicht auf den ersten Blick zu erkennen

Plumpe Nazisymbole sucht man allerdings vergebens. Stattdessen bedient die Marke den Wunsch nach altgermanischer Tradition und mythischem Kitsch. Thor ist in der nordischen Mythologie der Gott des Donners. Er beschützt die Menschen vor Riesen und bösen Mächten. Woher der Zusatz Steinar kommt, ist nicht klar. Einen Bezug zum einstigen General der Waffen-SS, Felix Steiner, will Uwe Meusel weder bestätigen noch bestreiten.

Früher suchten die Anhänger der rechten Szene, Skinheads wie Scheitelträger, ihre Erkennungscodes oft bei großen Unternehmen: Die britische Boxermarke Lonsdale musste als Lieblingsklamotte herhalten, weil aus ihrem Schriftzug die Buchstabenfolge NSDA herauszulesen ist. Beim Hemdenproduzenten Fred Perry war es der Lorbeerkranz, eine Art Siegeszeichen der rechten Ideologie. Beim Turnschuhhersteller New Balance sagte ihnen das große N im Logo zu - N wie Nationalist oder Nationalsozialist.

Die meisten Firmen wehren sich: New Balance und Lonsdale beliefern keine Geschäfte mehr, deren Kunden hauptsächlich aus den einschlägigen Kreisen stammen. Die Szene musste sich ein neues Lieblingslabel suchen und fand es in Thor Steinar. Die ostdeutsche Marke hatte zuerst ein Logo, das aus zwei Runen bestand. Ein "Fantasiezeichen", sagte damals der Anwalt der Firma in einem Interview mit der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit".

Die Nationalsozialisten hatten offenbar eine ähnliche Fantasie, zumindest nutzten auch sie diese Runen in ihren Symbolen. Das Landgericht Neuruppin analysierte das Logo und erkannte in Bestandteilen die "Doppelsig-Rune der Schutzstaffel der ehemaligen NSDAP". Mit diesem Urteil vom November 2004 war das Logo vorerst verboten: Wer Kleidung von Thor Steinar trug, konnte bestraft werden. Die Mediatex GmbH änderte daraufhin das Logo, es besteht nun aus zwei gekreuzten Strichen und zwei Punkten, strafrechtlich unbedenklich, die alten Zeichen wurden übernäht. Doch auf rechten Aufmärschen, wie etwa dem zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens, wurden Thor-Steinar-Klamotten mit dem alten Logo weiter verkauft.

Rechtliche Grauzone

Das Brandenburgische Oberlandesgericht entschied im September 2005, dass das alte Logo nicht "eindeutig" den Abzeichen nationalsozialistischer Organisationen zugeordnet werden könne. In Berlin, wo die Rechtslage jahrelang verworren war, ist das ursprüngliche Logo erst seit 2008 nicht mehr strafbar. Im Internet wird Thor Steinar als "patriotische Kleidung mit nordischer Attitüde" beworben, in Webshops wird die neue Kollektion mit "Heil Euch Kameraden!" angekündigt.

Wer die Marke aber allzu sehr ins rechte Licht rückt, spürt Gegenwehr. So hat die Mediatex GmbH beim Verwaltungsgericht Potsdam Klage gegen das Brandenburger Innenministerium eingereicht. Die Behörde hatte die Marke Thor Steinar in ihren Verfassungsschutzberichten als "identitätsstiftendes Erkennungszeichen unter Rechtsextremisten" bezeichnet. Davon fühlt sich die Mediatex GmbH "verunglimpft". Belegt aber ist: Uwe Meusel tauchte in einer Adressen- und Kundenkartei der "Nationalistischen Front" auf. Zwar wurde die militante, rechtsextreme Neonazigruppe 1992 verboten, und Meusels Kontakt ist lange her, dennoch zeigt er die Wurzeln seines politischen Denkens. Eine Anfrage des stern dazu ließ er unbeantwortet.

Die aktuellen Motive auf Thor-Steinar-Kleidung sind juristisch nicht belangbar: Im Sortiment befinden sich Muskelshirts wie "Mucki", auf dem Blutspritzer prangen und darunter die Aufschrift "Kontaktfreudig & erlebnisorientiert". Andere Schrift- und Namenszüge sind mehrdeutiger. "Nordmark" war im Dritten Reich nicht nur der Name einer SA-Gruppe, sondern auch der eines Arbeitserziehungslagers bei Kiel. "Narvik", Name des Magdeburger Thor-Steinar-Ladens, erinnert an eine Stadt in Norwegen, die den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs als Basis diente.

Oft finden sich im Thor-Steinar-Design Anspielungen auf die Kolonialzeit des Deutschen Reiches. Das T-Shirt "Sand & Sonne" mit Südseepalmen soll nicht etwa an Fidschi erinnern, sondern trägt die Namen der Inselgruppen Marshall und Palau, die einst unter deutscher Flagge standen. Davor kreuzt kein Traum-, sondern ein Kriegsschiff aus dem Ersten Weltkrieg. Man beherrscht das Spiel mit der eindeutigen Zweideutigkeit.

Sechs Thor-Steinar-Filialen betreibt Uwe Meusel mit seiner zweiten Firma Protex GmbH. Zwei in Berlin und je eine in Dresden, Leipzig und Magdeburg, und seit Ende November gibt es auch einen Laden in Nürnberg. Bis auf das Dresdner und Nürnberger Geschäft wurden gegen alle Räumungsklagen eingereicht. Die Vermieter fühlen sich getäuscht. Statt der von Protex angekündigten neutralen Outdoorbekleidung wurden Thor-Steinar-Klamotten in die Regale gelegt. Die zogen nicht nur rechte Kundschaft, sondern auch linke Demonstranten samt Backsteinen und Farbbeuteln an. Die Vermieter fürchteten um ihr Image, die benachbarten Läden um ihre Sicherheit. Der Vermieter des Nürnberger Geschäfts fragt schon jetzt: "Wie bekomme ich die wieder raus?"

Auch in der Hamburger Innenstadt eröffnete Meusel einen Laden, den er nach nur einem Monat wieder aufgab; eine Entschädigungszahlung des Vermieters hatte seinen Auszug beschleunigt. Die Vermieter in Berlin, Magdeburg und Leipzig bekamen vor Gericht recht. Gegen die Urteile kann aber noch Berufung eingelegt werden, und Uwe Meusel gibt sich kampflustig: "Es gibt noch genauso viele Thor-Steinar-Läden wie vorher, keiner wurde zugemacht."

"Symbolik? Welche Symbolik?"

Wer in das Schaufenster von "Tønsberg" in Berlin-Mitte sieht, erkennt fast nichts. Risse durchziehen die Scheibe, Reste von Farbbeuteln kleben überall. "Die linken Idioten haben keene Ahnung", sagt die Verkäuferin. "Die globen, wir unterstützen die NPD. Völliger Schwachsinn!" Sie sagt, sie verstehe die Diskussion um die Runen nicht so recht. "Ick trag ja auch weiße Schlüpper, obwohl die Nazis früher wahrscheinlich auch weiße Schlüpper getragen haben. Bin ick dann gleich 'n Nazi?"

Auch Mike und Stefan, Thor-Steinar-Kunden aus Leipzig, finden die Aufregung eher amüsant. "Das ist doch nur 'ne Sportmarke", sagt Stefan. "Von sehr guter Qualität und ja auch nicht besonders billig." Und die doppeldeutige Symbolik? "Welche Symbolik? Das Logo ist eine Gebo-Rune und kommt aus der nordischen Mythologie", erklärt er.

Ob sie wissen, wo Thor Steinar produziert? "Na, in Norwegen", sagt Mike. Die Assoziation kommt nicht von ungefähr: Bis vor Kurzem war die norwegische Flagge allgegenwärtig im Thor-Steinar-Kosmos: auf Ärmeln, Hosenbeinen, in Schaufenstern. Bis Norwegen sich beim deutschen Bundesjustizamt wegen widerrechtlicher Verwendung seines staatlichen Hoheitszeichens beschwerte. Im November 2007 wurde gegen Uwe Meusel ein Bußgeldbescheid über 2000 Euro erlassen. Auch diesmal legte Meusel Einspruch ein. Gegenwärtig ziert eine leicht abgewandelte Norwegenfahne einige Klamotten.

In der rechten Szene regt sich mittlerweile erster Widerstand gegen das Erfolgslabel und seinen Erfinder. In einschlägigen Foren wird über den "findigen Geschäftsmann" Meusel gelästert. Ein Grund dürfte sein neuestes Projekt sein: der Bau einer 650 Quadratmeter großen Prachtvilla in Brandenburg mit Seeblick.

Mitarbeit: Anton Maegerle/print

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