Die zwei Männer sind bekannt dafür, dass sie Klartext reden. Jetzt sprechen der Rapper Bushido und Heinz Buschkowsky, der SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln, über Migration und Multikulti. Klartext, natürlich.

Bushido vs. Buschkowsky: Bushido, 30, gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Gangsta-Rapper. Heinz Buschkowsky, 60, ist SPD-Politiker und Bürgermeister© Anne Schönharting
Bushido: Was ist denn Integration?
Wenn die Mehrheit der Deutschen
zufrieden ist? Wenn es keine
ausländischen Straftäter mehr
gibt? Wenn keiner mehr auffällt?
Wenn ich pünktlich um elf Uhr
ins Rathaus Neukölln zu Ihnen
komme? Das mal vorweg: Sie sind
'ne coole Sau, Herr Buschkowsky,
nur darum bin ich hier.
Buschkowsky: Bei der Wahl
zum coolsten Berliner 2008 haben
Sie mich knapp geschlagen.
Bushido: Trotzdem wird man
mich immer blöde angucken.
Buschkowsky: Ist doch Quatsch!
Wenn jemand in ein fremdes
Land geht und sich an die Spielregeln
hält, dann ist das Integration.
Dafür muss sich keiner die Haare
blondieren und blaue Kontaktlinsen
tragen. Man guckt doch nur
die Leute blöd an, die sich nicht
an die Regeln halten.
Bushido: Ich bin dunkel, unrasiert
und tätowiert - da bin ich sofort
in der Schublade. Man sieht
mir doch nicht an, dass ich perfekt
Deutsch kann, dass ich am
Gymnasium Deutsch sogar als
Leistungskurs hatte. Für viele
sehe ich genauso aus wie der Asi,
der nicht mal Bock hat, regelmäßig
zum Jobcenter zu gehen.
Buschkowsky: Wenn ich mich
drei, vier Tage nicht rasiere, dann
werde ich doch auch angeguckt.
Bushido: Aber Sie sind hier zu
Hause. Sie dürfen das.
Buschkowsky: Die anderen sind
hier doch auch zu Hause - der
türkische Änderungsschneider,
der libanesische Gemüsehändler.
Bushido: Ach so? Wenn sie nicht
in der Spur bleiben, müssen sie
sich anhören: Geh doch zurück in
dein Land! So läuft das doch.
Bushido: Guter Punkt! Da macht
jeder sein Ding. Da gilt doch nicht
mal die Straßenverkehrsordnung.
Buschkowsky: Stimmt. Es gibt
Leute, die fahren deshalb nicht
mehr mit dem Auto durch Neukölln-
Nord. Man trifft dort schon
auch auf Subkulturen, in denen
mitteleuropäische Umgangsformen
einfach nicht mehr gelten - kraft Mehrheit. Um die Sonnenallee
macht auch manch Araber
mit Abi einen Bogen drum.
Bushido: Nur darf man sich dann
nicht wundern, wenn die anderen
bestimmen, woher der Wind
weht. Da hilft es auch nicht, wenn
mal jemand von draußen reinruft:
Hey, das ist unser Land, ihr müsst
euch an unsere Regeln halten!
Buschkowsky: Aber, Bushido,
wir sind immer noch in Mitteleuropa! Und da stellt sich die Frage,
wie wir verhindern, dass sich diese
Subkultur weiter ausbreitet.
Bushido: Darwin sagt: Der Stärkere
setzt sich durch. Warum sollte
der sich einordnen? Welche
sozialen Anreize willst du einem
Typen geben, der genau weiß, er
macht da draußen locker 300
Euro am Tag - und kann dabei bis
nachmittags schlafen.
Buschkowsky: Bloß, woher sind
denn die 300 Euro? Aus kriminellen
Geschäften!
Bushido: Na, sicher nicht vom
Jobcenter. Die macht der mit geklauten
Autoradios, Drogen oder
gefälschten Monatsmarken. Warum
soll der eine Scheißlehre machen
für ein paar Euro, wenn er
den Scheißjob doch nicht kriegt!
Buschkowsky: Weil er sich sonst
seine Zukunft versaut.
Bushido: Diese Kids haben völlig
andere Vorstellungen vom Leben.
Auch wenn sich das doof anhört:
Wir wollten mit 14, 15 vor allem
so cool sein wie Jean-Claude van
Damme, der anderen Typen die
Zähne rausschlägt.
Buschkowsky: War doch bei uns
nicht anders. Nur unsere Helden
hießen Akim, Tarzan oder Jerry
Cotton. Das hat alles nichts mit
Migration zu tun. Es gab auch zu
meiner Zeit schon Schläger und
Schulschwänzer. Aber heute sind
die in bestimmten Vierteln nicht
mehr die Ausnahme, sondern die
Regel. Die Justiz beschreibt das
Risiko, Intensivtäter zu werden,
doch nicht zufällig mit den Worten:
jung, männlich, Migrant.
Bushido: Ich bin jetzt 30 und
staune oft selbst über die Geschichten,
die mir 18-Jährige erzählen.
Und dabei dachte ich, ich
war schon krass.
Bushido: Wenn ich das wüsste,
wäre ich Kanzler. Jugendarrest
hilft jedenfalls nicht. Heutzutage
ist das Urlaub mit Playstation. Bevor
du in Deutschland richtig in
den Knast wanderst, kannst du
kräftig auf die Kacke hauen. Dann
gehst du zum Bewährungshelfer,
machst auf reuig, und das war's.
Buschkowsky: So weit sollte es
gar nicht kommen. Aber mit gut
Zureden werden wir auch nicht
viel erreichen. Es beeindruckt
doch keinen, wenn so ein Typ wie
Buschkowsky sagt: Denk an deine
Zukunft, mach eine Ausbildung.
Da sagen die doch: Verpiss dich!
Bushido: Also, Herr Buschkowsky,
Sie haben doch Einfluss.
Buschkowsky: Aber Sie sind das
Idol für viele junge Leute.
Bushido: Man muss doch kein
tätowierter Rapper sein, um Einfluss
zu haben. Es gibt so viele
Typen, die genau dort leben, wo
es die Probleme gibt, die akzeptiert
werden, die viel bewirken
könnten. Mein Kumpel Arafat
zum Beispiel. Vor ein paar Tagen
hat jemand seiner Schwester das
Navi aus dem Auto geklaut, zwei
Stunden später war es wieder da.
Buschkowsky: Indem er ein paar
Leuten Prügel angedroht hat?
Bushido: Quatsch! Weil ihn jeder
hier kennt und auf ihn hört.
Davon gibt es viele. Die können mehr, als sich nur um geklaute
Navis kümmern. Es fehlt an Leuten,
die die Sprache des Ghettos
sprechen - und damit meine ich
nicht Arabisch oder Türkisch.
Bushido: Das ist die einzige Lösung,
irgendwas zu ändern, und
sei es nur um ein Prozent. Viele
würden es als Zeichen sehen, dass
sie nicht nur als Problem gesehen
werden und dass es sich lohnt,
ein paar Regeln einzuhalten.
Buschkowsky: Sie verkennen
die Realität. Glauben Sie, es interessiert
den arabischen Schläger,
was ihm ein türkischer Bürgermeister
erzählt? Es würde viel
mehr bringen, wenn Sie den Leuten,
die an Ihren Lippen hängen,
sagen würden: Es ist cool, den
Schulabschluss zu machen. Leben
macht Spaß, auch ohne Knast,
ohne Kriminalität. Ich kann das
nicht, aber Sie!
Bushido: Ja, nur leider hab ich
ein Problem damit, wenn man
mich vor einen Karren spannen
will. Ich mache nicht die Drecksarbeit
für Leute, die sich sonst einen
Scheiß darum kümmern.
Buschkowsky: Ich mach doch
auch den ganzen Tag die Drecksarbeit.
Übernehmen Sie doch die
Patenschaft für einen Jugendclub,
in dem junge Migranten abhängen!
Da lassen Sie sich einmal im
Monat blicken und leuchten den
Jungs den Horizont aus. Sie wohnen
doch in Tempelhof …
Bushido: Nein, jetzt in Dahlem.
Buschkowsky: Ach so, im vornehmen
Dahlem.
Bushido: Na ja, Bonzen-Ghetto.
Buschkowsky: Egal, als Idol tragen
Sie auch ein Stück Verantwortung.
Mein Held war damals
Johnny Cash. Er hat nie vergessen,
wo er herkam. Und er hat sogar
Konzerte im Knast gegeben.
Bushido: Gutes Beispiel. Ich bekomme
Tausende Autogramm-Anfragen
aus jeder JVA in Deutschland.
Also wollte ich auch kostenlose
Konzerte in ein paar Knästen
geben. Ich habe brav angefragt
und eine so krasse Antwort
bekommen, als hätte ich einen
Erpresserbrief
geschrieben. Mir
wurde strengstens untersagt, mich in irgendeiner JVA blicken
zu lassen. Typen wie mich hätten
sie dort schon genug. So viel zum
Thema. Seitdem mache ich nur
noch Sachen für kranke Menschen.
Buschkowsky: Klar ist das ein
Hammer. Aber überrascht es Sie?
In Ihren Liedern rufen Sie nicht
eben zur Gewaltfreiheit auf, einige
Titel stehen auf dem Index.
Bushido: Warum eigentlich?
Weil die Wirklichkeit so krass ist?
So reden die Jungs auf dem Schulhof,
auf der Straße. Ich spreche
nur aus, was da los ist.
Bushido: Der größte Teil der Leute, die in den Ämtern sitzen, ist für'n Arsch, von denen erwarte ich gar nichts. Die würden mich nicht mal reinlassen. Mich stören nur diese Pseudo-Versuche der Politik, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Blödsinn, wie dieser aufgeblasene Integrationsgipfel.
Bushido: Wieso denn? Da sitzen
haufenweise Experten, die haufenweise
Geld verballern, 15
Punkte aufschreiben und so tun,
als würde dann alles von alleine
laufen. Bei denen, um die es geht,
kommt davon absolut nichts an.
Buschkowsky: Ja, da reden teilweise
Blinde von der Farbe. Manchen
Politikern der höheren Sphären
könnte es nicht schaden, hin
und wieder mit der U7 von Spandau
bis Rudow oder auch nur Bus
zu fahren, da würde sich viel in
der Politik ändern. Man will einfach
nicht zur Kenntnis nehmen,
was hier los ist. In Neukölln-Nord
beziehen fast 75 Prozent der Kinder
Hartz IV, und an manchen
Schulen stehen 90 Prozent der Eltern
nicht im Erwerbsleben. Viel
zu wenige machen sich Gedanken,
wie sich Problemkieze entwickeln
werden, wenn wir nicht
entschlossener gegensteuern.
Buschkowsky: Wir sollten da jedenfalls
nichts beschönigen. Wo
heute schon über 50 Prozent Migranten
leben, werden es in zehn
Jahren 75 oder 80 Prozent sein.
Das hat aber gar nichts mit Politik
zu tun, das ist schlicht Biologie.
Bushido: Wollen Sie die Leute
auf die ganze Stadt verteilen?
Buschkowsky: Im Gegenteil.
Neulich hat sich ein türkischer
Akademiker beklagt, wie es auf
der Karl-Marx-Straße aussieht.
Junkies und Dreck. Er habe dort
sein Büro, sei hier aufgewachsen,
habe hier Abitur gemacht. Ich frage
ihn: Wo wohnen Sie denn? Er:
In Zehlendorf. Da sage ich ihm:
Hier sieht es so aus, weil Leute
wie Sie in bessere Viertel ziehen.
Weil sich alle, die ein positives
Beispiel geben könnten, verpfeifen,
dahin, wo es schöner ist.
Bushido: Wer wohnt denn freiwillig
hier?
Buschkowsky: Na, ich zum Beispiel.
Buschkowsky: Intervenieren
heißt Menschen führen - auch
durch Drohkulissen. Die Gesellschaft
muss helfen, aber sie muss
auch auf Regeln pochen und wenn
nötig sagen: Verflucht noch mal,
wir sind nicht deine Melkkuh.
Bushido: Wie lange wird den
Menschen schon Hilfe angeboten?
20, 30 Jahre? Wenn die Idioten da draußen nicht hören wollen,
kannst du machen, was du
willst. Du kannst Millionen in
Scheißprojekte blasen. Also lasst
uns doch mal mutig sein: mehr
Zwang. Wer Regeln verletzt, muss
sofort richtig Ärger kriegen. Das
muss man spüren.
Bushido: Ich bin Rapper und kein Richter.
Bushido: Quatsch, das interessiert
die doch gar nicht.
Buschkowsky: Doch, genau so.
Am Monatsanfang 100 Euro weniger
Kindergeld, wenn die Eltern
ihre Kinder nicht zur Schule
schicken. Ich glaube, dass das
wirkt.
Bushido: Und was glauben Sie,
was da zu Hause los ist.
Buschkowsky: Ja, eben. Darum
bin ich auch dafür, die Kindergartenpflicht
einzuführen. Weil die
Entwicklung der Kinder in vielen
Zuwandererfamilien auf der Strecke
bleibt.
Bushido: Fakt ist, die Eltern machen
meist auch ihr eigenes Ding.
Haben ihre Teestuben, ihre eigene
Kultur. Da ist einer 65, hat
über 30 Jahre bei Siemens gearbeitet
und kann noch immer
kaum Deutsch. Da hat die Integration
doch schon längst versagt.
Buschkowsky: Richtig, ohne
Deutsch keine Integration. Aber
dann muss auch genug Geld für
Sprachkurse lockergemacht werden.
Wir haben drei Sprachzentren
mit Bordmitteln geschaffen
und sind heute als kleiner Bezirk
einer der größten Sprachkursanbieter
in Deutschland.
Bushido: Wie hätten Sie ihn
denn gerne? Die Frage ist doch
nicht, ob ich Ausländer oder Deutscher
bin, sondern ob ich Kultur
und Bildung habe.
Buschkowsky: Da gibt es keine
Schablone. Doch wenn Sie mich
so fragen: Meine Mutter stammt
aus Bobrek in Polen. Ich bin eindeutig
ein Mensch mit Migrationshintergrund.
Insofern ist der
Muster-Migrant auch der Bürgermeister
von Berlin-Neukölln.
Übernommen aus ...
Ausgabe 17/2009