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10. Mai 2008, 10:14 Uhr

"Alle murksen vor sich hin"

Stirbt wieder mal ein Kind - verhungert, von den Eltern getötet -, dann fragen wir uns: was machen die eigentlich im Jugendamt? 600 Ämter gibt es, doch keines ist organisiert wie das nächste. Ob ein Kind in Not zuverlässig Hilfe bekommt - Glückssache. Und Familienbetreuung, eine der sensibelsten Aufgaben des Staates, ist komplett privatisiert. Von Walter Wüllenweber

Ein bisschen bunt und ganz viel trist: auf dem Flur im Bielefelder Amt für Jugend und Familie© Thomas Rabsch

Ohne die Farbtupfer würde man es gar nicht merken. Ausgerechnet die lustigen, bunten Muster verraten: Dies ist kein fröhlicher Ort.
Rathaus Bielefeld, vierter Stock, Flur F. Die Bürotüren führen zu ganz normalen deutschen Amtsstuben. Auf der Fensterbank steht der Kaktus. Daneben röchelt die Kaffeemaschine. Das hinterlässt die üblichen Spuren: pizzagroße, braune Flecken auf blassgrünem Teppichboden. Hier könnte das Bauamt sein oder das Liegenschaftsamt. Doch oben auf dem Aktenschrank liegen sie, die leuchtend bunten Arbeitsgeräte dieser Staatsdiener: Kindersitze.

Dies ist das Jugendamt. Wenn die Kindersitze vom Schrank geholt werden, erleben die Mitarbeiter ihre dramatischsten Augenblicke. Dann holen sie ein Kind aus seiner Familie, um es zu Pflegeeltern zu bringen oder in ein Heim. Manchmal wehren sich die Eltern. Mit Händen und Füßen. Klammern sich mit einem Arm an den Türrahmen und mit dem anderen um das Kind. Aber das ist selten. Meistens sind die Eltern einverstanden. Oft lassen sich die Kinder einfach so an die Hand nehmen und verlassen grußlos ihr altes Leben. Die Wohnungstür wird hinter ihnen geschlossen. Die Kinder folgen den Fremden die Treppe hinunter, auf den Parkplatz, zum Auto und lassen sich auf dem Kindersitz festschnallen. "Wenn keiner weint, die Eltern nicht und die Kinder nicht, das ist das Allerschlimmste", sagt Herbert Oberst, Teamleiter im Jugendamt Bielefeld.

Das Jugendamt soll keine Kinder wegnehmen

Genau das ist die Vorstellung vom Jugendamt: das Amt, das den Familien die Kinder wegnimmt. Doch die eigentliche Aufgabe ist das genaue Gegenteil. Sie sollen verhindern, dass es so weit kommt. Denn die Transportschäden, die der Kindersitz des Jugendamtes verursacht, sind fast immer irreparabel. Für die Seelen der Kinder. Aber auch für die Kassen der Kommunen. Ein einziger Platz in einem Heim kostet im Jahr rund 50.000 Euro, etwa so viel wie das Gehalt eines Sozialarbeiters. Ob das Jugendamt gut arbeitet, ist also nicht nur wichtig für Kinder in Not. Es entscheidet maßgeblich mit über die finanzielle Situation einer Kommune. Das erhöht den Druck.

Gleichzeitig verändert sich die Gesellschaft dramatisch. Immer mehr Eltern sind aus den unterschiedlichsten Gründen über- fordert. Seit 1991 hat sich der Anteil der Familien versechsfacht, die Hilfe vom Jugendamt benötigen. Offensichtlich spürt der Staat die Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen nicht irgendwo, sondern zuerst im Jugendamt. Im Gefüge der staatlichen Institutionen haben die Jugendämter daher eine ganz neue Bedeutung. Nie waren sie so wichtig wie heute.

Bei ihren Entscheidungen sollen die Leute vom Jugendamt wirtschaftliche Überlegungen weitgehend ausblenden. Für sie ist nur wichtig: Wie groß ist die Gefahr für das Kind? Familie oder Heim, was schadet dem Kind mehr? Manchmal sind es Entscheidungen um Leben und Tod. Alle paar Tage wird in Deutschland ein Kind getötet. Einige der Namen der Kinder und ihr Schicksal kennt fast jeder: Jessica aus Hamburg, verhungert. Lea-Sophie aus Schwerin, verhungert und verdurstet. Kevin aus Bremen, erschlagen und im Kühlschrank versteckt. Jedes getötete Kind löst eine neue Welle der Empörung aus.

Jugendämter stehen im Scheinwerferlicht

Jahrzehntelang haben die Jugendämter weitgehend im Verborgenen gearbeitet. Jetzt stehen sie im Scheinwerferlicht. "Die meisten Mitarbeiter sind hoch verunsichert. Manche haben regelrecht Angst und Panik", sagt Professor Manfred Neuffer, der an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg Sozialarbeit lehrt. Bei Fortbildungen in Jugendämtern lernt er die Nöte der Sozialpädagogen kennen. Wenn ein getötetes Kind gefunden wird, stehen sie im Feuer. Dann diskutiert die Öffentlichkeit: War das Jugendamt schuld? Bohren die nur in der Nase? Was tun die den ganzen Tag?

Was macht ein Jugendamt? Keine allzu komplizierte Frage. "Aber beantworten kann das niemand", sagt Mike Seckinger. Dabei müsste er es können, denn der Sozialwissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts erforscht seit 15 Jahren die Arbeit der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe. "Es gibt in Deutschland über 600 Jugendämter, doch keine zwei, die gleich organisiert sind." Kinder- und Jugendhilfe ist Aufgabe der Kommunen, und denen kann niemand vorschreiben, wie sie ihre Verwaltung aufbauen. Die Selbstverwaltung hat Verfassungsrang. So sind in manchen Rathäusern die Sozialarbeiter vom Jugendamt gleichzeitig für Senioren zuständig. In anderen werden Kleinkinder vom Sozialamt betreut. Manche Bürgermeister nehmen den Schutz der Kinder sehr ernst. Viele jedoch nicht. "Es gibt in Deutschland Jugendämter, in denen die Verhältnisse schlicht katastrophal sind", sagt Seckinger. Ob ein Kind in Not schnell und zuverlässig Hilfe bekommt, das ist in Deutschland eine Frage des Glücks. "Die Jugendhilfe ist ein System, in dem das Zufallsprinzip regiert", sagt Georg Ehrmann, Vorsitzender des Vereins "Kinderhilfe Direkt".

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 19/2008

Kinderschicksale Aus Mangel an Betreuung Spektakuläre und erschütternde Fälle von Kindstötungen - und die Verfehlungen der Ämter ls die Eltern den Notarzt holten, war Lea-Sophie nicht mehr zu helfen; sie starb im Krankenhaus. Über Monate hatte das Mädchen nicht ausreichend zu essen und zu trinken bekommen. Die Großeltern hatten das Jugendamt alarmiert - doch ohne Erfolg, die Mitarbeiter hatten sich abwimmeln lassen. Die Eltern stehen derzeit wegen Mordes vor Gericht. Ein Untersuchungsausschuss kam inzwischen zu dem Schluss, dass bei "sachgerechter Arbeit des Jugendamtes" Leas Tod hätte verhindert werden können.

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KOMMENTARE (10 von 32)
 
ojciec (15.05.2008, 16:34 Uhr)
tkubis
Sie haben Recht."Anrag auf Erziehungshilfe" ist betrachtet als Zugeständnis der elterliche Erziehungsfähigkeit. So ist auch Kindesentziehung und Fremdunterbringung, besser bekannt als Kinderklau durch Die Kinderklaubehörden, vorprogrammiert.
Die Umgangssprache deckt die Wahrheitauf auf. Es reicht nur nachzulesen in Wikipedia was passierte mit der Familie Haase.
ojciec (15.05.2008, 16:02 Uhr)
Ramteid-Unterlassen sie die Unterstellungen.
Etwas Neues was funktioniert ist weltweit , auch in EU zu beobachten seit 1945. Vor allem dort wo die übelste Strukturen des politischen Systems der Kontrolle der Familien durch JA-System abgeschafft wurde.
Fachaufsicht über JA-System ist nicht
vorhanden weil es so in Deutschland laut GG in Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung geregelt ist.
Warum denn nennen sich die JA-Funktionäre "Fachbehörde", wenn die Fachaufsicht fehlt und dadurch Dienstaufsicht nicht vorhanden ist?
Willkür der Politiker der "JA-Behörde"ist dagegen vorhanden, genauso wie die politisch motivierte und unter Zwang durchgeführte Sorgerechtsentscheidungen damals und heute.
www.rpdd.eu
ramteid (15.05.2008, 14:31 Uhr)
@ojciec - Ihre Antwort
Die liest sich gerade so, wie das was Sie verdammen wollen.Motto: Ich habe Recht - setzen! Von Ahnung, Sachlichkeit und Vernunft keine Spur. Man kann sich sicher über die fachliche Kompetenz so mancher Mitarbeiter streiten, aber Jugendämter mit Nazi u. - Stasizeit gleichzusetzen ist eine üble Unterstellung. Was abschaffen kann man schnel, etwas Neues mit Garantie, dass es funktioniert gibt es scheinbar nicht. Da steht bei Ihnen rein gar nichts.
Valdivia (13.05.2008, 20:58 Uhr)
Sehr guter Artikel
Sehr gut, dass ein Journalist dieses Thema aufgegriffen hat. Endlich! Deckt sich alles zu 100 % mit meinen Erfahrungen als Pflegemutter. Eine Anzeige bei der Polizei? "Dann müssten wir ja alle Herkunftseltern anzeigen." Auch die Zusammenarbeit der Institutionen ist ein Jammerspiel. Anders als ein Bauaumt hat das Jugendamt nicht einmal eine Aufsichtsbehörde, die sich um Auswüchse kümmern könnte.
Ich war vor einiger Zeit bei einer Fortbildung. Der Referent, ein Arzt und Bindungsfachmann, berichtete über einen 2jährigen Jungen aus der Chirurgie, der dort wegen Blinddarmproblemen war. Seine Kollegen hatten ihn zu dem Jungen geholt, und er stellte fest, dass der Bub massiv bindungsgestört und extrem depriviert war. Er habe dann das Jugendamt angerufen und gefragt, ob man das Kind dort kennen würde.
Antwort: "Ja, die Familie ist sehr schwierig." Geschwister waren wohl schon im Kindergarten aufgefallen, konnten keinen Löffel halten usw. Auf seinen Einwand, dass man das Kind doch nicht in solchen extrem deprivatorischen Verhältnissen belassen könne, kam erst Schweigen.
Und dann: "Wissen Sie, die Familie hat 7 Kinder. Und in demselben Haus lebt noch eine weitere Familie in ähnlichen Verhältnissen, die hat 5 Kinder. Dann muss ich 12 Kinder unterbringen, und das würde bei uns jeglichen Rahmen sprengen."
Was mich fast noch mehr entsetzt hat als dieser Satz war die Tatsache, dass kaum einer im Auditorium, das nach meiner Schätzung sicher mindestens zur Hälfte aus Fachkräften bestand, reagiert hat. Kein entsetztes Raunen oder so, nichts. War also wohl kein Einzelfall.
Ob ein Kind Hilfe bekommt, ist also tatsächlich eine reine Glücksache. Aber anders als in dem Artikel steht, dass ein Kind Hilfe bekommt, wenn es ihm schlecht genug geht, bekommen manche Kinder sie noch nicht einmal dann!
tkubis (13.05.2008, 18:07 Uhr)
Familien haben Angst vor dem Jugendamt!
Sehr häufig erlebe ich, dass sich Eltern an das Jugendamt wenden um Hilfe oder einen Rat zu erhalten. Ab diesem Moment scheint es für die Mitarbeiter dieser Behörde um eine Problemfamilie zu handeln. Häufig ist es dann so, dass die Ratsuchenden sehr schnell zu Querulanten degradiert werden, die nicht bereit sind, entsprechend der Vorgaben mitzuarbeiten. Eine Inobhutnahme nach §1666 BGB ist vorprogrammiert! Somit ist begründet, warum sich hilfesuchende Eltern nicht an das Jugendamt wenden. Aus Angst, ihnen wird das Kind weggenommen!
Aus meiner Sicht und aus langjähriger Erfahrung mit dieser Behörde, eine begründete Angst von Eltern vor diesen Jugendämtern!
ojciec (13.05.2008, 17:14 Uhr)
Familien in EU brauchen kein JA-System
Vorwurf der Unterstellung weise ich mit Entschiedenheit zurück. Belegen Sie einfach eine Unrichtigkeit in meinem Beitrag, falls vorhanden.
JA-System ist ein Relikt aus der Nazi und Stasi Zeit. Nicht deutsche Bürger Europas sehen es sofort. Nur die Deutsche haben es übersehen.
Deshalb werden mehrere Petitionen in der Angelegenheit der Abschaffung des deutschen JA-Systems vor dem EU Parlament verhandelt. Schluss damit.
Familien in EU brauchen kein JA-System. Es ist sicher.
ramteid (13.05.2008, 16:21 Uhr)
@ojciec - Unterstellung!
Nur sehr weniges ist in Ihrem Beitrag richtig. Höchstens die Frage nach dem Geld. Übelst finde ich die Unterstellung von Frau von der Leyen.
Auf jeden Fall sollte der Staat kontrollieren und nicht erst warten bis ein Unglück passiert. Wer für sein Kind zusätzliches bekommt, sollte sich schon einmal im Monat bei Fachkräften vorstellen. Ansonsten gibt es eben kein Geld.
ojciec (13.05.2008, 15:41 Uhr)
Es ist die höchste Zeit auch für Deutschland.
Frau Ministerin von der Leyen spricht sich gegen Zerschlagung des insuffizienten Jugendamtsystems und positioniert sich für totalitäre Kontrolle der Familien.(Wie in einem Polizeistaat weiterhin ohne Dienstaufsicht, weil ohne Fachaufsicht und ohne Kontrolle des Ministeriums)
Fragen stellt RA Stefan Hambura am 27.02.2008 in Berlin.
http://de.youtube.com/watch?v=AeELQXKVWF8&feature=related
Frau von der Leyen ist weder kontrollbefugt, noch weisungsbefugt wenn es sich um die Kinder in Deutschland und die Arbeit der Jugendämter handelt.Trotzdem organisiert Sie Pressekonferenzen und tut so als ob sie etwas zu sagen hätte.Es ist eine Täuschung
Jugendamt hat Nazihintergrund und Stasihintergrund.
Das darf man nicht vergessen.
In Deutschland wird im Durchschnitt 18000 € pro Familie mit Kindern als Familienhilfe ausgegeben und durch JA Funktionäre verwaltet. Wo ist das Geld?
Warum in allen Gerichtsinstanzen in Familiensachen sitzen im Sitzungssaal immer JA Funktionäre?
JA system wurde in Europa abgeschafft
in 1945, mit der Ausnahme von Deutschland und Österreich. Es ist die höchste Zeit auch für Deutschland.
loyal (13.05.2008, 10:12 Uhr)
Ach, ist das so....
... AnSchm und Paris1?
Erstens mal geht es hier nicht darum, was Väter durchleiden müssen - sondern was Kinder durchleiden.
Und wo ist die Statistik, die sagt, "viele betroffen Kinder kommen aus allein erziehenden Haushalten"?
Nö. Tun sie nicht. Es gibt allerdings viele allein erziehbare Eltern!, die immer wieder auf die Hilfe des Jugendamtes zurückgreifen können ( z.B. bei einem längeren Krankenhausaufenthalt)
Wir sind selber Pflegeeltern und viele der Kinder, die wir bekommen, kommen aus Haushalten wo gesoffen wird, sich die Eltern gegenseitig verprügeln (auch die Frauen übrigens) oder die Eltern auf Grund ihrer minderen Sozialkompetenz einfach nicht in der Lage sind ein Kind zu erziehen. Nun ja, poppen können sie alle.
Und es stimmt auch, keine zwei Jugendämter sind gleich. Wir haben mit mehreren Kontakt. Ich kann nur eines sagen, den Damen und Herren, die sich in der Region Hannover engagieren, sollte man den höchsten Respekt zollen. Arbeiten Sie doch mal bitte in einer Firma, wo alles, was sie tun, falsch ist/sein könnte.
Gehen Sie proaktiv auf die Familien zu, stören Sie nur und "mischen sich ein". Tun Sie nichts, nun ja, die Beispiele kennt jeder.
.
Ich gebe Eisenbaer Recht. MACHEN ist das Zauberwort. Aktiv werden und sich kommunalpolitisch und/oder sozial engagieren.
Maulen am Stammtisch kann jeder.
AnSchm (12.05.2008, 19:34 Uhr)
Wo sind die Väter
Viele betroffene Kinder kommen aus Alleinerziehenhaushalten.
Möglichweise könnten einige Kinder heute noch Leben, wenn man die
Väter dieser Kinder nicht ausgegrenzt hätte.
Wichtiger als die Jugendamtsaufsicht sind BEIDE Eltern für ein Kind.
In Deutschland sind Väter aber nur Eltern zweiter Klasse. Da muss man sich auch nicht über niedrige Geburtenraten wundern.
Trennungsväter werden nur in der Rolle als Zahlvater akzeptiert. In unserer Gesellschaft finden die Probleme
Unserer Kinder und deren Väter keine oder nur eine geringe Beachtung.
Die Gruppe der betroffenen Elternteile ist nicht gut genug organisiert, sonst könnten die Millionen Betroffene mit einem Kaufboykott deutscher Produkte und ein Ausweichen bei Einkäufen auf Nachbarländer ein wahrnehmbares Zeichen setzen.
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