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7. November 2009, 12:20 Uhr

"Der latente Rassismus ist sehr stark"

Der Fall Marwa el Scherbini, die in einem Dresdner Gerichtssaal erstochen wurde, hat auch im Ausland für Empörung gesorgt. Im Interview mit stern.de erklärt Al-Dschasira-Journalist Aktam Suliman, was in der arabischen Welt über den Prozess gedacht wird.

Aktham Suliman ... ... ist seit 2002 Korrespondent und Büroleiter des Nachrichtensenders al Dschasira in Deutschland. Der Deutschsyrer hat an der FU Berlin Publizistik, Politologie und Islamwissenschaften studiert und bis 2002 unter anderem bei der Arabischen Redaktion der DW-Radio und Abu Dabi TV gearbeitet.

Herr Suliman, Sie beobachten den Prozess gegen Alex W., der die schwangere Ägypterin Marwa el Scherbini in einem Gerichtssaal ermordet hat. Wie erleben Sie den Angeklagten?

Er scheint eine sehr komplizierte Persönlichkeit zu sein. Problematisch in jeder Hinsicht. Seine Augen verbirgt er hinter einer Sonnenbrille, den Kopf unter einer Kapuze, er meidet den Kontakt zu den Prozessbeteiligten und dem Publikum. Fast so, als wolle er sich aus Angst, und weniger aus Scham, verstecken. Seine Anwälte argumentieren, seine Sicherheit sei bedroht. Offensichtlich glauben sie, die weltweit eine Milliarde Muslime haben nichts Besseres zu tun, als ihn zu lynchen.

Und - haben sie Besseres zu tun?

Natürlich. Die arabische Welt ist nicht auf Rache aus. Sie beobachtet zwar genau, was in Dresden passiert, aber sie hat viel wichtigere Probleme als diesen Prozess. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass das ägyptische Fernsehen mehr daraus macht, schließlich ist das Opfer ägyptische Staatsbürgerin. Und wie ich gehört habe, haben die Kollegen sogar die ägyptische Version von Ulrich Wickert zur Urteilsverkündung nach Dresden geschickt.

Zum Verhandlungsbeginn sind zudem der ägyptische Botschafter und der Präsident der ägyptischen Anwaltskammer gekommen. Und der Vertreter des Witwers ist ebenfalls Ägypter.

Das ist eine Geste des Respekts, und die kommt auch gut an. Auch wenn die Botschaft eher an das Herkunftsland gerichtet ist, als dass man glaubt, man müsse jetzt die deutsche Justiz beobachten. Es geht darum zu zeigen, dass ägyptische Staatsbürger auch im Ausland von den eigenen Leuten vertreten und von den ägyptischen Behörden beschützt werden.

Nach dem Mord an Marwa el Scherbini gab es in Kairo lautstarke Demonstrationen. Was genau hat die arabische Welt derartig aufgebracht?

Das hat wieder die Vorurteile bestätigt: Muslime stürmen sofort auf die Straße und brüllen gegen den Westen. Aber hier handelt es sich um Mord. Und ich kann jeden verstehen, der wegen Mord laut wird. Schließlich lautet das erste Gebot in jeder Religion: "Du sollst nicht töten." Man muss aber sagen, es ging bei den Protesten nicht so sehr um die Tat als solche, sondern um die Umstände, die auf sie folgten.

Was meinen Sie damit?

Ein Mord, auch wenn er in einem Gerichtssaal verübt wird und auch noch an einer Schwangeren ist besonders fürchterlich, kann aber passieren. Allerdings wurde danach der Eindruck erweckt, dass man die Sache am liebsten unter den Teppich kehren würde. Natürlich nicht juristisch, sondern was die öffentliche Aufmerksamkeit betrifft. Das war ein Fehler.

Was hätte stattdessen passieren sollen?

Ich glaube, wenn sich unmittelbar nach dem Mord ein deutscher Politiker hingestellt hätte, um den Vorfall zu verurteilen, dann wäre kein Platz für diese Demos gewesen. Viele arabischen Medien haben immer wieder auf das Beispiel der Juden verwiesen: Wie hätte die deutsche Öffentlichkeit reagiert, wenn das Opfer ein Jude gewesen wäre? Oder wenn es sich um einen so genannten "Ehrenmord" an einer Muslimin durch einen Familienangehörigen gehandelt hätte? Es herrscht das Gefühl vor, dass hier nicht jeder gleichbehandelt wird.

Sie meinen, die arabische Welt befürchtet, es gebe in Deutschland eine Zwei-Klassen-Justiz?

Eher eine Zwei-Klassen-Öffentlichkeit. Muslime haben das Gefühl: Wenn es um sie als Opfer geht, dann interessiert es niemanden, Muslime taugen nicht als Opfer sondern nur als Täter. Der Fall Marwa war ja insofern speziell, als dass sie sich von Beginn an gegen Alex W. zur Wehr setzen musste und vor Gericht einfach und äußerst zivilisiert nur ihr Recht bekommen wollte. Dann geht es in die Revision, und Alex W. verübt dabei Selbstjustiz vor den Augen von Richter und Staatsanwaltschaft. Und dann schießt der anwesende Polizist im Saal auf den Ehemann. Versehentlich, wie es heißt. Viele aber glauben, ihr Ehemann war "automatisch schuldig" aufgrund seines Äußerem und seiner Religion. Also aufgrund von Vorurteilen, die sich in den vergangenen Jahren angestaut haben. Aber auch Muslime sind Opfer. Und diese Rolle wollen sie anerkannt bekommen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was von den Todesdrohungen gegen Alex W. zu halten ist

Seite 1: "Der latente Rassismus ist sehr stark"
Seite 2: Wie erleben Sie den Witwer im Prozess?
 
 
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