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7. November 2009, 12:24 Uhr
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"Der latente Rassismus ist sehr stark"

Der Fall Marwa el Scherbini, die in einem Dresdner Gerichtssaal erstochen wurde, hat auch im Ausland für Empörung gesorgt. Im Interview mit stern.de erklärt Al-Dschasira-Journalist Aktam Suliman, was in der arabischen Welt über den Prozess gedacht wird.

Aktham Suliman ... ... ist seit 2002 Korrespondent und Büroleiter des Nachrichtensenders al Dschasira in Deutschland. Der Deutschsyrer hat an der FU Berlin Publizistik, Politologie und Islamwissenschaften studiert und bis 2002 unter anderem bei der Arabischen Redaktion der DW-Radio und Abu Dabi TV gearbeitet.

Herr Suliman, Sie beobachten den Prozess gegen Alex W., der die schwangere Ägypterin Marwa el Scherbini in einem Gerichtssaal ermordet hat. Wie erleben Sie den Angeklagten?

Er scheint eine sehr komplizierte Persönlichkeit zu sein. Problematisch in jeder Hinsicht. Seine Augen verbirgt er hinter einer Sonnenbrille, den Kopf unter einer Kapuze, er meidet den Kontakt zu den Prozessbeteiligten und dem Publikum. Fast so, als wolle er sich aus Angst, und weniger aus Scham, verstecken. Seine Anwälte argumentieren, seine Sicherheit sei bedroht. Offensichtlich glauben sie, die weltweit eine Milliarde Muslime haben nichts Besseres zu tun, als ihn zu lynchen.

Und - haben sie Besseres zu tun?

Natürlich. Die arabische Welt ist nicht auf Rache aus. Sie beobachtet zwar genau, was in Dresden passiert, aber sie hat viel wichtigere Probleme als diesen Prozess. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass das ägyptische Fernsehen mehr daraus macht, schließlich ist das Opfer ägyptische Staatsbürgerin. Und wie ich gehört habe, haben die Kollegen sogar die ägyptische Version von Ulrich Wickert zur Urteilsverkündung nach Dresden geschickt.

Zum Verhandlungsbeginn sind zudem der ägyptische Botschafter und der Präsident der ägyptischen Anwaltskammer gekommen. Und der Vertreter des Witwers ist ebenfalls Ägypter.

Das ist eine Geste des Respekts, und die kommt auch gut an. Auch wenn die Botschaft eher an das Herkunftsland gerichtet ist, als dass man glaubt, man müsse jetzt die deutsche Justiz beobachten. Es geht darum zu zeigen, dass ägyptische Staatsbürger auch im Ausland von den eigenen Leuten vertreten und von den ägyptischen Behörden beschützt werden.

Nach dem Mord an Marwa el Scherbini gab es in Kairo lautstarke Demonstrationen. Was genau hat die arabische Welt derartig aufgebracht?

Das hat wieder die Vorurteile bestätigt: Muslime stürmen sofort auf die Straße und brüllen gegen den Westen. Aber hier handelt es sich um Mord. Und ich kann jeden verstehen, der wegen Mord laut wird. Schließlich lautet das erste Gebot in jeder Religion: "Du sollst nicht töten." Man muss aber sagen, es ging bei den Protesten nicht so sehr um die Tat als solche, sondern um die Umstände, die auf sie folgten.

Was meinen Sie damit?

Ein Mord, auch wenn er in einem Gerichtssaal verübt wird und auch noch an einer Schwangeren ist besonders fürchterlich, kann aber passieren. Allerdings wurde danach der Eindruck erweckt, dass man die Sache am liebsten unter den Teppich kehren würde. Natürlich nicht juristisch, sondern was die öffentliche Aufmerksamkeit betrifft. Das war ein Fehler.

Was hätte stattdessen passieren sollen?

Ich glaube, wenn sich unmittelbar nach dem Mord ein deutscher Politiker hingestellt hätte, um den Vorfall zu verurteilen, dann wäre kein Platz für diese Demos gewesen. Viele arabischen Medien haben immer wieder auf das Beispiel der Juden verwiesen: Wie hätte die deutsche Öffentlichkeit reagiert, wenn das Opfer ein Jude gewesen wäre? Oder wenn es sich um einen so genannten "Ehrenmord" an einer Muslimin durch einen Familienangehörigen gehandelt hätte? Es herrscht das Gefühl vor, dass hier nicht jeder gleichbehandelt wird.

Sie meinen, die arabische Welt befürchtet, es gebe in Deutschland eine Zwei-Klassen-Justiz?

Eher eine Zwei-Klassen-Öffentlichkeit. Muslime haben das Gefühl: Wenn es um sie als Opfer geht, dann interessiert es niemanden, Muslime taugen nicht als Opfer sondern nur als Täter. Der Fall Marwa war ja insofern speziell, als dass sie sich von Beginn an gegen Alex W. zur Wehr setzen musste und vor Gericht einfach und äußerst zivilisiert nur ihr Recht bekommen wollte. Dann geht es in die Revision, und Alex W. verübt dabei Selbstjustiz vor den Augen von Richter und Staatsanwaltschaft. Und dann schießt der anwesende Polizist im Saal auf den Ehemann. Versehentlich, wie es heißt. Viele aber glauben, ihr Ehemann war "automatisch schuldig" aufgrund seines Äußerem und seiner Religion. Also aufgrund von Vorurteilen, die sich in den vergangenen Jahren angestaut haben. Aber auch Muslime sind Opfer. Und diese Rolle wollen sie anerkannt bekommen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was von den Todesdrohungen gegen Alex W. zu halten ist

Seite 1: "Der latente Rassismus ist sehr stark"
Seite 2: Wie erleben Sie den Witwer im Prozess?
KOMMENTARE (9 von 9)
 
lediable (08.11.2009, 21:09 Uhr)
Lieber Herr Suliman
ich habe da schon ein Problem mit
Ihrer etwas einseitig apologetischen und auch allzu beschönigenden Sichtweise.

z,B, hier : Zitat
>>Das hat wieder die Vorurteile bestätigt: Muslime stürmen sofort auf die Straße und brüllen gegen den Westen. Aber hier handelt es sich um Mord. Und ich kann jeden verstehen, der wegen Mord laut wird. Schließlich lautet das erste Gebot in jeder Religion: "Du sollst nicht töten." Man muss aber sagen, es ging bei den Protesten nicht so sehr um die Tat als solche, sondern um die Umstände, die auf sie folgten.<<
Wegen Mord auf die Stra0e gehen könnten die Ägypter doch jeden Tag ..ABER

Es gibt doch immer wieder in allen Ländern brutale Anschläge einzelner FEHLGELEITETER und WIRRER Individuen auf Menschen aus anderen Kulturkreisen. Manchmal auch auf die aus dem eigenen. Der Respekt vor den Opfern solcher unsinniger Gräueltaten und das normale Mitgefühl, der Anstand gebietet doch eher eine
"stille " Solidarität .

Ein wütender und aufgepeitschter und hasserfüllter Mob auf der Straße nach solchen Vorgängen beweist doch nur, dass er auf derselben
primitiven Sozialisationsstufe und so emotional verarmt ist steht wie der/die Täter der Anschläge.

Es gab solche Anschläge gegen deutsche Touristen in Agypten und anderen muslimischen Ländern (Tunesien) schon öfter. Ich kann mich nicht erinnern , dass hier in Deutschland danach derartig hasserfüllte
Massen auf der Straße waren ...
wie in Agypten

Ich denke, werter Herr Suliman, sie sollten diese Unterschiede einmal nüchtern auf sich wirken lassen und dann Ihren Begriff von "Verständnis" neu kalibrieren. Da sie nun doch in diesem Lande studiert haben ... ;)


-------------------
Im übrigen finde ich dass die Biographie ud Werdegang und Verirrung dieses Alex W,
doch sehr an die des ehemaligen Anstreichers Adolf H. vor 80 Jahren erinnert - ein junger Bursche, kommt mit dem realen Leben nicht klar,
kein beruflicher Erfolg
der einzige Halt die extreme Deutschtümelei , ironisch für einen in fremdem Land sozialisierten, resultiert in extremem Hass auf eine "Fremdkultur" und da besonders auf die Erfolgreichen. Das erfolgreiche, attraktive und gebildete ägyptische Paar Sherbini wird auf den Alex W. so gewirkt haben, wie auf den armseligen Männerasylanten Adolf Hitler
die erfolgreichen Judenbankiers in ihren Mercedes-Coupes.

Oder so einige "armen" Muslims , die mangels eigener Fähigkeit und Bestrebungen halt zu nix gebracht haben , den bösen Europäer oder Amerikaner zu ihrem Feindbild
erklären , ohne diffrenzieren zu können.

Wundert mich dass die Journaille diese offensichtlichen Paralleitäten noch nicht entdeckt hat.
sensus (08.11.2009, 11:38 Uhr)
Sozialisation in Kasachstan?
Der Mörder der Ägypterin hat seine erste jugendliche Sozialisation in Kasachstan, einem Staat mit muslimischer Mehrheit erhalten. Womöglich wirken aus dieser Zeit noch Vorbehalte gegen Moslems nach. Einen solchen Reflex kann man übrigens auch an jedem x-beliebigen Russen feststellen, Stichwort "Tschetschenen".
Bitte-sachlich (08.11.2009, 08:58 Uhr)
@FGAlte @Fakten
Das es andernorts rassistischer, minderheitenfeindlicher oder nicht einmal demokratisch zugeht, ist schon klar. Der Artikel behauptet auch nicht das Gegenteil :) sondern hinterfragt speziell unsere deutschen Gedanken und Gefühle.
Bitte-sachlich (08.11.2009, 08:53 Uhr)
@HomebreUno
Der befragte Al-Dschasira Reporter erzählte sinngemäß, dass die offiziellen Deutschen bei Angriffen auf Juden aufschreien und bei Angriffen wie bei der Ägypterin still bleiben. In dem Kontext hab ich was dazu geschrieben.

Das mit dem Lernen aus dem Dritten Reich und der Anzahl der Nazis habe ich nicht beschrieben bzw. in der Richtung nichts dazu gesagt. Vielleicht verstehen Sie meinen Roman besser, wenn ich hinzufüge, warum ich das alles angeführt habe. Meines Erachtens ist der Ausweg aus dem Unrat in den Köpfen, dass man "alle" negativen Dinge aufzählt und nichts verschweigt oder immer nur die halbe Wahrheit erzählt.
Die Ablehnung des offiziellen UNO-Berichtes ist das letzte Beispiel in einer Reihe von absichtlichen Missgriffen unserer Politiker. Denn selbstredend gab es Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg, sowohl von Hamas und auch von Israel. Leider wieder mal auch von Israel. An dieser belegten Tatsache führt keine Vernunft vorbei.

Das permanente Inschutznehmen der israelischen Fehler und Rechtsverstöße ist mitverantwortlich dafür, dass die arabische Welt uns Deutschen (und z.B. auch den USA) misstrauisch über die Schultern sieht.

FGAlte (07.11.2009, 23:44 Uhr)
Vergleich
Wenn sich Christen in Ägypten, Saudi-Arabien oder Pakistan (usw.) so frei bewegen können, Kreuze in der Öffentlichkeit tragen, Bibeln lesen und Gottesdienste abhalten können, wie es die Moslems in Deutschland alltäglich tun, dann können wir hier mal dran denken, die Lage weiter zu verbessern. So lange sollten wir erst einmal abwarten. In der Türkei sind in diesem Jahr drei Christen (ein Einheimischer und zwei Deutsche per Kehlenschnitt ins Jenseits befördert worden. Niemand kümmert sich drum, außer idea meldet es keine Nachrichtenagentur, kein Politiker erhebt seine Stimme. Das alles ist eine sehr einseitige Berichterstattung und Diskussion.
HombreUno (07.11.2009, 17:42 Uhr)
@Bitte-sachlich
Bei Ihrem Roman bekommt man den Eindruck als wenn Sie sich nicht entscheiden können, ob es zu viele Nazis gibt oder zu wenig.

Scheinbar nehmen Sie vermessen für uns Deutsche in Anspruch, dass wir die einzige auf der Welt sind, die aus dem Deitten Reich gelernt haben und wollen diese Erkenntnisse jetzt an Israel weiter geben. Nebenbei frage ich mich was das mit dem Thema zu tun hat, Bitte-Sachlich.
Bitte-sachlich (07.11.2009, 16:46 Uhr)
Es geht leider nicht nur um Rassismus.
Dass viel zu viele Deutsche latent rassistisch sind (ich befürchte, leider eine Mehrheit der Deutschen Staatsbürger) würde ich jederzeit unterschreiben. Ich muss mich nur bei meinem Arbeitskollegen, Freunden und bei den Verwandten aufmerksam genug umhören, um das zu erkennen. Wunderschönes Beispiel ist etwa das erste Gefühl von deutschen Eltern, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter eine afrikanische oder arabische Liebschaft mit nach Hause bringt ... Komm mir hier bitte keiner mit irgendwelchen Ausreden oder Beschönigungen!

Aber da ist noch viel mehr. Mir als verfassungstreuem Deutschen stößt es bitter auf, wenn die Muslime um Gleichberechtigung und gleichen Respekt streiten, aber sich einen Scheiß um modernes Leben und Menschenwürde scheren. Etwa die religiös begründete und religiös motivierte Behandlung der Frauen. Dabei ist das unverhohlene Verstecken oder Unterdrücken der muslimischen Damen am Herd und hinter Kopftüchern nichts anderes als die muslimische Variante der Versagensangst als Mann. Deutsche Männer haben ja in letzter Zeit ähnliche Versagensangst demonstriert, wobei hier nicht zum Kopftuch gegriffen, sondern verprügelt wird oder gleich ein Amoklauf stattfindet.

Was die immer beschämende Einseitigkeit in der Bewertung jüdischer Themen angeht: ja, leider verhalten sich die offiziellen Deutschen hier im Land in der Tat wie Halbblinde. Erst kürzlich wurde gegen einen UNO-Bericht gestimmt, der unter anderem Israels Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg kommentierte. Ich wünschte, unsere deutschen Politiker würden endlich mit der unmoralischen Bevorzugung israelischer Interessen aufhören. Besondern deshalb, weil Israel gegebenenfalls für seine Schandtaten immer wieder "Begründungen" geltend macht, die manchmal schlicht unehrlich, einseitig oder egoistisch sind.

Also, ich habe Verständnis für den Rassismus-Vorwurf in diesem Artikel. Aber nicht dafür, dass die Ägypter so tun, als ob die Terrordrohungen aus der arabischen Welt lustige Teeparties von Halbstarken sind. Da mögen die Muslime sich bitte um Ihre gewaltbereiten Fanatiker kümmern. Hier in Deutschland nämlich tobt bereits quer durch alle Lager und auch öffentlich die erbitterte Auseinandersetzung zwischen Demokraten und Extremisten. Leider ist davon in Ägypten oder dem Rest der muslimischen Welt nichts zu spüren!
manesse (07.11.2009, 16:02 Uhr)
Wie schreibt dieser Herr von Al-Dschasira?
"Nach den Anschlägen in New York haben die Amerikaner eine Atmosphäre erschaffen, in der Muslime immer als die Bösen, die Täter dastehen." Das ist diese miese Tour, Ursache und Wirkung zu vertauschen. Die Freudenkundgebungen bspw. bei Palästinensern unmittelbar nach den Anschlägen von 2001, sind im Westen unvergessen. Man pries in der arabischen Welt die Massenmörder und solidarisierte sich mit ihnen. Niemand anderes als die arabische Welt selbst hat seinerzeit die Atmosphäre vergiftet. Jetzt den Amis diese Vergiftertätigkeit anzuhängen, ist eine Geschichtsklitterung, die Täter zu Opfern umlügt.
hose05 (07.11.2009, 14:01 Uhr)
Der latente Rassismus ist sehr stark . . .
richtig, und ob da die Nichtanerkennung des Goldstone Berichtes die beste Entscheidung war ? Oder ist das was "ganz anderes" ?
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