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27. April 2008, 10:08 Uhr

Botschafter der Bronx in Berlin

Als stern.de das "Motherfucker"-Video vor einem Jahr im Internet entdeckte, hagelte es im New Yorker Generalkonsulat Beschwerden: In dem Video wurden Bürger der Bronx beleidigt. Jetzt sind drei Schüler aus dem Stadtteil zu Gast in Berlin und erzählen von ihrem Alltag. Von Kristina Pezzei

Botschafter der Bronx vor einem Stück der Berliner Mauer: Die drei Schüler aus dem New Yorker Stadtteil besuchen derzeit Deutschland© Privat

Deutschland hat Isaiah Holston überrascht. "Ich dachte immer, das sei ein Dritte-Welt-Land, Nazis und so", sagt der 14-Jährige. "Aber es ist ja alles ganz modern hier, fast moderner als bei uns." Der Schüler aus der Bronx sitzt im Computerraum des Oranienburger F.F.-Runge-Gymnasiums und staunt. Offen seien die Menschen, und so vertrauensvoll. Er würde hier seine Ausbildung fortsetzen, wenn er könnte, sagt Isaiah nach drei Tagen in Deutschland - vollkommen überzeugt.

Sein weißer Anzug, die weißen Schuhe und die cremefarbene Krawatte betonen die dunkle Hautfarbe des Jugendlichen. Isaiah ist Farbiger und ein Aushängeschild der Bronx, genauso wie seine zwei Mitschüler Durrell und Nasais. Sie sehen ungefähr so aus wie die Menschen, die ein Bundeswehrausbilder in einem von stern.de entdeckten Skandal-Video im Kopf hatte, als er einem Rekruten befahl: "Motherfucker" brüllen und an Afroamerikaner in der Bronx denken.

"Der war eben geprägt von den Musikvideos, die ständig über die Kanäle laufen", sagt Isaiah. Er hat das Video nicht gesehen, im Gegensatz zu dem gleichaltrigen Durrell, der sagt, dass der Ausbilder Terroristen erwähne, könne er ja noch verstehen - aber warum ausgerechnet Afro-Amerikaner? Überhaupt verwende den Begriff seit Jahren keiner mehr, sagen die drei und ihre Lehrerin June Smith Bryant. Sie sind einfach aus der Bronx, das schon. Dieses Image haftet ihnen an. "Wir spüren täglich Rassismus, überall."

Täglicher Rassismus macht stärker

Farbige aus der Bronx - ob sie nun wie die 17-jährige Nasais aus Puerto Rico stammen oder wie Smith Bryant aus Trinidad-Tobago - müssten für alles härter arbeiten als Weiße. "Das Leben ist nicht immer fair", sagt Nasais. Verbittert sei sie darüber nicht, eher mache es sie stärker. "Ich lebe immer so, als ob es mein letzter Tag wäre. "Sie versuche, alle sich bietenden Möglichkeiten zu ergreifen, ihr Tag ist von Disziplin und Lernen bestimmt. Nasais lebt in einer der gefährlicheren Gegenden in der Bronx, sie sieht täglich Gewalt. "Wenn ich es zu etwas gebracht habe, dann will ich meinem Viertel davon zurückgeben, damit die Situation dort besser wird", sagt die kleine, selbstbewusste junge Frau.

Die Reise nach Deutschland sieht sie wie Durrell und Isaiah als ersten Schritt, um im Leben weiter zu kommen als der Durchschnitt in der Bronx. Dass Deutschland kein Entwicklungsland ist, wissen sie jetzt schon. Mit offenem Rassismus sind die New Yorker bisher nicht konfrontiert worden - Neonazis haben es in Oranienburg, wo die Polizei wegen der KZ-Gedenkstätte im Ort präsent ist, sowieso schwerer als anderswo. Bei ihren Ausflügen nach Berlin hätten sie zwar Aufmerksamkeit erregt, angesprochen habe sie aber keiner.

"Klar, die Leute schauen schon und denken wahrscheinlich, was macht denn der hier", sagt Isaiah. Mitschüler hätten sich gewundert, dass er mit Messer und Gabel ist und nicht von der Hand in den Mund. Einige wollten auch wissen, ob er mit einem Gewehr umgehen kann. Isaiah schüttelt den Kopf.

Currywurst und Radfahren

Was die jungen Austauschschüler gut finden? Currywurst, Radfahren und das Sicherheitsgefühl. Am Gymnasium patrouillieren keine Sicherheitswächter, wie die Gruppe erstaunt feststellt. Schüler lassen ihre Taschen in den Umkleideräumen, wenn sie zum Sportunterricht gehen. Überhaupt sei es in den Klassen ruhiger. "Es gibt keine Kämpfe, keine Gewalt", sagt Nasais. "Die ganze Lebenseinstellung drückt aus: Nimm es leicht, entspann dich." Das sei Lebensqualität.

In den zwei Wochen absolviert die Gruppe ein strammes Programm - sie sollen nicht nur den Alltag kennenlernen, sondern auch die Sehenswürdigkeiten in Berlin und im Umland. Ein Besuch der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen ist geplant und eine Visite im Kanzleramt stand an. Die vier hofften sehr, die Kanzlerin zu treffen, deswegen hatte sich Isaiah derart in Schale geworfen. "Ich würde gern wissen, wie es ist als Frau unter lauter Männern", sagt Lehrerin Smith Bryant. "Wie sie den Weg an die Spitze geschafft hat." Im Prinzip gehe es ihr nicht anders; sie sei die einzige Frau in einer Führungsposition an der Schule.

Die Kanzlerin hatte keine Zeit, die Austauschschüler zu treffen. Schade, sehen sich Isaiah und die anderen doch als Botschafter gegen die Ignoranz, wie sie sagen. Sie wollen vermitteln, Horizonte erweitern. Es sind Worte, die altklug klingen mögen aus dem Mund eines 14-Jährigen; bei Isaiah überzeugen sie. Seit er da sei, habe er begonnen Stereotypen zu überdenken. "Ich frage mich immer öfter: warum machst du das so und nicht anders, warum biegst du nicht einmal links ab und statt rechts?" Dieses Hinterfragen, das wolle er mit zurücknehmen in die Bronx, sagt Isaiah.

Von Kristina Pezzei
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Filapensill (28.04.2008, 20:35 Uhr)
Treffer
Geehrte Tagora-Sagittaras,
da habe ich offensichtlich genau ins Schwarze getroffen! Nie selbst in Kreuzberg oder Neukölln gewesen, sondern alles nur vom Hörensagen anderer nachgeplappert. Alle Klischees, alle Stereotypen, die ständig von den Medien reproduziert werden schön brav übernommen. Schönen Gruß auch nach Köln, "wo man am hellichten Tag als Frau vergewaltigt wird". Vermutlich ist dir das dort so oft wiederfahren, wie du in Kreuzberg warst. Deine rassistische Phantasien sind offensichtlich einfach mit dir durchgegangen. Mehr Beherrschung bitte!
BenThor (28.04.2008, 12:35 Uhr)
Wortwahl
Lieber Stern der Begriff "farbige" war schon immer ein rassistisch behafter Begriff. Vorallem durch die Rassentrennung in den USA in "coloured" und "white". Nennt sie einfach "schwarz" so wie andere Leute mit heller haut "weiß", ganz einfach.
Hierzu mal eine kleine Geschichte:
A black man walks into a cafe one early morning and noticed that he was the only black man there. As he sat down, he noticed a white man behind him.
The white man said, "Coloured people are not allowed here."
The black man turned around and stood up. He then said:
"When I was born I was black,"
"When I'm sick I'm black,"
"When I go in the sun I'm black,"
"When I'm scared I'm black,"
"When I'm cold I'm black,"
"When I die I'll be black."
"But you sir..."
"When you're born you're pink,"
"When you're sick, you're green,"
"When you go in the sun you turn red,"
"When your scared you turn white,"
"When you're cold you turn blue,"
"And when you die you turn purple."
"And you have the nerve to call me coloured"
Ach und zu den Leuten die hier Neuköln und Kreuzberg mit der Bronx vergleichen. Echt süß. Kenne sowohl Kreuzberg als auch Neuköln und die sind beide, zum Glück, noch weit entfernt davon zur Bronx zu werden. In den Armenstadtteilen in den US Großstädten gibt es Orte die komplett von Gangs beherrscht werden, sehr großer Waffenanteil, extrem hohe Mordrate... In Kreuzberg hatte ich nie ein Problem damit Nachts durch die Straßen zu laufen. Von Kriminalität auch nicht mehr zu spüren als in jeder größeren Stadt.
Countryjoe (28.04.2008, 07:31 Uhr)
Bitterer Beigeschmack
Es ist nett diese Jugendlichen einzuladen. Ob es angebracht ist aus der verbalen Entgleisung eines BW- Ausbilders eine Staatsaffäre zu machen, sei einmal dahingestellt. Der bittere Beigeschack dabei ist der, daß in einem Land welches vorgibt einen solchen Wert auf politische Korrecktheit zu legen, die eigenen Bewohner straffrei als "Scheissdeutsche" beschimpft werden dürfen und man ebenso ungestraft ihre Vergasung fordern darf.
tagora-sagittara (28.04.2008, 00:21 Uhr)
@Filapensill
ja,..hähä,.. ein langjähriger Freund von mir lebt in Kreuzberg... und er vergleicht es mit Köln-Chorweiler..
Wer in Köln und Umbebung lebt, weiß was Chorweiler ist, da wirst Du am hellichten Tag als Frau vergewaltigt wenn du nicht aufpasst oder nen Bodygard hast!!!...
Mann oh Mann bist Du naiv,... oder traust Du Dich nach 22:00 uhr auch nicht mehr vor die Tür!?,...lach!!
scyriacus (27.04.2008, 17:10 Uhr)
sachsenhausen
dass man den jungen leuten ihre kurzen zwei wochen mit sachsenhausen versaut, ist nicht mein problem. mein problem ist, dass ich mir demnaechst in usa die bilder von my lai und abu ghraib zwangsvorfuehren lassen muss, wenn das einreisst.....
Filapensill (27.04.2008, 15:50 Uhr)
Gefährliches Kreuzberg
Dass Kreuzberg oder Neukölln gefährliche Gegenden sind, ist ein abgestandenes, altes Stereotyp, dass in der Regel von Leuten stammt, die nie hier waren.
Liebe Tagora-Sagittara - gefährlich ist es tatsächlich in gewissen, namenlosen Neubauvierteln im Westen oder in bestimmten ländlichen Regionen des Ostens. Aber solange das Klischee vom gefährlichen Neukölln und Kreuzberg herumgeistert, bleiben uns wenigstens die ultraspießigen Touristen erspart, die jede Region mit ihrer Dummheit vermüllen. Und die Miet-Spekulanten, denen die Bewohner mancher Stadtteile zu aufmüpfig erscheinen. Es ist mein Glück, in Kreuzberg zu leben.
Schulse (27.04.2008, 12:43 Uhr)
??
"Mitschüler hätten sich gewundert, dass er mit Messer und Gabel ist und nicht von der Hand in den Mund."
Ja klar... wir denken, dass die Schwarzen in der Bronx mit Reisschüsseln vor ihrer Hütte sitzen. Wer glaubt das denn, innem Land wie dEtuschland, dass schon mehr USA in sich hat als eigene Identität. Aber das die Bronxler meinen wir leben hier wie in Afrika wundert mich wenig.
Known (27.04.2008, 12:27 Uhr)
überzogen
Meine Güte. Wie kann man wegen so einer Lappalie nur so einen Aufstand veranstalten. Dem Ausbilder hätte man auf die Finger klopfen sollen und ihm sagen sollen, er solle so einen Scheiß nicht nochmal machen. Damit wäre die Sache erledigt gewesen. Aber weil wir alle so unglaublich politisch korrekt sind, musste man dem Mann die Karriere versauen.
CeeTo (27.04.2008, 12:24 Uhr)
-.-
Die vorzeige Jugendlichen der Bronx wissen nicht wie es in Deutschland aussieht? Sehr verwunderlich.
Ansonsten eine nette Aktion.
SARC (27.04.2008, 10:13 Uhr)
Eine schöne Aktion!
Wichtiger wäre es aber vielleicht gewesen, diesen unglücklichen Ausbilder und jeden Soldaten, der dessen Anweisungen befolgte, einen Monat oder so in einer sozialen Einrichtung in der Bronx arbeiten zu lassen, denn die haben doch eine falsche Einstellung zu Schwarzen und den Menschenrechten überhaupt.
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